Nach dem Amoklauf von München keimt die Debatte über "Killerspiele" neu auf. Eine Scheindebatte, denn das Thema Jugendmedienschutz ist der deutschen Politik längst entglitten, meint Redaktionsleiter Stephan Steininger.

Da ist sie wieder, die Debatte um gewaltdarstellende Spiele, um Ego-Shooter, um "K...".

Nein, ich werde dieses Wort nicht verwenden. Denn so vorhersehbar nach dem Amoklauf in München Äußerungen wie die von Thomas De Maizière oder Volker Kauder sowie die vielen Gegenreaktionen von Gamern und Gamesexperten in Blogs, Foren und Sozialen Netzwerken auch waren, all diese Beiträge gehen am eigentlichen Thema vorbei. Und deshalb muss ich die "Debatte" nicht auch noch befeuern. Die Wahrheit liegt wie so oft irgendwo in der Mitte. Will heißen: Weder machen Computer- und Videospiele aus Jugendlichen Amokläufer, was die bewusste Wahl des "K"-Worts suggeriert, noch sind Games gänzlich unschuldig, wenn sich psychisch labile oder kranke Jugendlichen per Game aus der Realität in die soziale Isolation verabschieden.

Läuft ein Jugendlicher oder junger Erwachsener Amok, dann gibt es dafür keine einfache Erklärung. Und trotzdem ist es wichtig über den Jugendmedienschutz zu sprechen, gerade jetzt und gerade im Zusammenhang mit Computerspielen, eben weil eine Schuldvermutung im Raum steht. An dieser Stelle könnte ich weit zurückgreifen und wiederkäuen, wie die USK 1994 die Arbeit aufnahm, wie die Landespolitik die USK ignorierte, um die FSK auch im Spielebereich zu positionieren, wie nach Erfurt Spiele in Verruf gerieten, wie das Jugendschutzgesetz geändert und neu aufgestellt wurde und dass wir in der Folge in Deutschland eines der, wenn nicht sogar das beste Jugendschutzgesetz der Welt bei Computer- und Videospielen haben. Nur: Das alles ist irrelevant.

Es ist irrelevant, weil die Auflistung der Fakten und Ereignisse keine Meinung ändert, weder die der Spielekritiker, noch die der Gamer. Es ist aber vor allem deshalb irrelevant, weil der Jugendmedienschutz, den ich eben selbst in höchsten Tönen lobte, weil dieser Jugendmedienschutz irrelevant geworden ist bzw. er von Tag zu Tag irrelevanter wird Warum? Der deutsche Jugendmedienschutz, bestehend aus Jugendschutzgesetz (Bund; Offline-Medien) und Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (Länder, TV/Hörfunk/Internet), wurde das letzte Mal 2003 neu aufgestellt. 2003! Das ist 13 Jahre her. Und es war vier Jahre BEVOR das erste iPhone auf den Markt kam.

Reden wir Klartext: Der deutsche Jugendmedienschutz stammt aus der Steinzeit der Digitalisierung. Und er lässt sich eben nicht einfach "updaten". Selbst wenn sich Bund und Länder auf utopische Weise in Sachen irrwitziger Zuständigkeiten und Aufteilungen in On- und Offline einigten, es würde nichts bringen. Die Digitalisierung entfaltet ihre disruptive Kraft nicht nur bei analogen Geschäftsmodellen, sie führt auch die dazugehörende gesetzliche Regulierung ad absurdum.

Früher musste ein Jugendlicher ein Spiel im Handel kaufen. Der deutsche Jugendschutz hatte bis zu dem Moment Zeit zu greifen, in dem der Käufer aus dem Geschäft nach Hause ging. Heute können Jugendliche auf Servern am anderen Ende der Welt spielen, auch ohne sich vorher zwangsläufig ein Programm auf den Rechner zu laden. Wo bitte soll da ein nationaler Jugendschutz greifen? Oder anders gefragt: Ist der deutsche Gesetzgeber bei diesem Szenario überhaupt noch zuständig?

Die deutsche Politik mag es nicht hören oder wahrhaben wollen, aber die einzig wirkungsvolle Bastion des Jugendmedienschutzes sind die Eltern und mit Einschränkungen das Umfeld. Niemand kann besser über Medieninhalte wachen, niemand besser deren Nutzungsdauer reglementieren. Leider sind Eltern und Umfeld auch die größte Schwachstelle beim Jugendmedienschutz. Mal werden Anzeichen übersehen, mal wird bewusst weggesehen, mal ist man so beschäftigt, dass keine Zeit bleibt, um überhaupt hinzusehen.

Als Vater frage ich mich im Fall von David S., dem Täter aus München, natürlich auch, wieso die Alarmglocken der Eltern nicht losgehen, wenn ein depressives Kind Bücher wie "Amok im Kopf - warum Schüler töten" liest, wenn es Winnenden besucht, und ja auch wenn es zu viel und zu lange zockt. Aber hätte ich wirklich reagiert? Im Nachhinein und als Unbeteiligter redet und fordert es sich leicht.

Mehr Polizei, mehr Psychologen, mehr Therapieplätze oder mehr Verbote von Games - am Ende sind solche Forderungen Ausdruck der Rat- und Hilflosigkeit, die wir alle nach solchen Ereignissen spüren . Eine einfache Erklärung für einen Amoklauf, die gibt es nicht. Und gäbe es sie, sie könnte meinetwegen auch "Killerspiel" heißen. Das würde uns allen die Sache einfacher machen.

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Written by

Stephan Steininger
Stephan Steininger is Director of Operations and Editor-in-Chief of GamesMarket. As part of the magazine since its inception in 2001, he knows the GSA games industry by heart.