Das Schicksal von Dreamcast ist besiegelt, auch wenn Sega noch immer offen bemüht ist, die Fahnen für die Konsole hochzuhalten. Das Tagesgeschäft sieht derzeit nach Aufräumarbeit, Vergangenheitsbewältigung und Zukunftsorientierung aus. Die Geschichte einer Konsole, die mehr hätte erreichen müssen.

Schon die Ausgangslage für Dreamcast ist schwierig. Das jähe Ende des "Saturn" steckt noch in den Köpfen von Industrie, Handel und Verbraucher. Sony hat mit PlayStation einen Markennamen etabliert, dem in der breiten Öffentlichkeit nur Nintendos Game Boy das Wasser reichen kann. Und doch kommt es zunächst anders. Die Spielepresse erwartet die neue Sega-Konsole mit Vorfreude, der Handel sichert seine Unterstützung zu. Und auch eine Vielzahl von Publishern ist bereit, Entwicklungsressourcen für Dreamcast abzustellen. Die Vorschusslorbeeren bekommt Sega wegen der Innovativität, für die das Unternehmen schon lange bekannt ist. Sega und Dreamcast sind ihrer Zeit voraus; am Ende vielleicht sogar zu weit voraus.

Dreamcast ist die erste Konsole mit Online-Funktionen. Doch die Realisierung des ehrgeizigen Online-Plans ist schwierig. Die Telefonkosten in Europa und vor allem in Deutschland sind ohnehin ein Hemmschuh für die Entwicklung von Online-Gaming. Partner müssen gefunden werden, die im Idealfall über die nötige Infrastrukturen und das Know-how verfügen. Segas Lösung ist zentralistisch und vor allem für den britischen Markt ausgelegt. Die beauftragte Britisch Telecom und der Dienstleister ICL schaffen es nicht, bis zum Europastart eine fehlerfreie und voll zugängliche Dreamarena fertig zu stellen.

Das Online-Manko bleibt nicht die einzige Enttäuschung. Auch die aus England gesteuerte Einführungskampagne löst vor allem nur Kopfschütteln unter deutschen Handelspartnern aus. Die TV-Spots sind modern, ungewöhnlich, aber nicht besonders aussagekräftig. Die Konsole selbst ist nicht einmal zu sehen. Sony Computer Entertainment hingegen gelingt es mit Hilfe der Third-Parties, ein Millionenbudget für PlayStation auf die Beine zu stellen. In der Weihnachtssaison ist sogar manch Automarke seltener im Fernsehen zu sehen als PlayStation.

Trotz der Anlaufschwierigkeiten gibt es weiterhin Gründe zum Optimismus. Die deutsche Presse spiegelt in ihren E3-Nachberichten die Enttäuschung über die gezeigten PlayStaton 2-Software wider. Die Dreamcast hingegen wird weiter gelobt. Hinzu kommt, dass der Preis von PS2 eher zu hoch, die zu Verfügung stehende Hardwaremenge eher zu gering sein wird. Sega kündigt eine Marketingoffensive an und alles deutet darauf hin, dass der Konzern im Weihnachtsgeschäft 2000 das Ruder herumreißen wird.

Doch wieder kommt es anders. Das Budget für die Kampagne wird zusammen gestrichen. Der Hype um PS2 greift und wem die neue Konsole zu teuer ist, bevorzugt als Alternative nicht Dreamcast, sondern die optisch überarbeitete PSone. Dann geht es Schlag auf Schlag. Sega-Europe-Chef JF Cecillon nimmt zum Jahreswechsel seinen Hut. Gates stellt die Xbox vor, die begeistert aufgenommen wird. Schließlich kursieren immer hartnäckiger die Gerüchte, dass Sega aus dem Hardware-Geschäft aussteigen und sich auf die Vermarktung von Software konzentrieren wird. Etwa eine Woche später werden diese Pläne von Sega offiziell vorgestellt. Verträge für die Entwicklung von PS2- und Game Boy Advance-Spielen existieren, über die Unterstützung weiterer Plattformen wie Xbox werde nachgedacht. Die Börse reagiert prompt, der Kurs der Aktie schnellt nach oben und macht damit teilweise den Boden wieder gut, den er im 2000 verloren hat.

Die Entscheidung in Japan hat gravierende Auswirkungen auf die Niederlassungen von Sega. In Deutschland werden Außendienst sowie weitere Mitarbeiter freigestellt. Sega Deutschland-Chef Thomas Zeitner geht auf Distributorensuche, um den künftigen Vertrieb des Portfolios zu organisieren. Endgültig tot ist Dreamcast damit zwar noch nicht, aber es ist klar, dass die Konsole den Status eines Auslaufmodells erreicht hat. Ob sich daran etwas ändern kann, wenn Pace Set-top-Boxen mit integrierter Dreamcast-Technologie vermarktet, ist doch mehr als fraglich.

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Stephan Steininger
Stephan Steininger is Director of Operations and Editor-in-Chief of GamesMarket. As part of the magazine since its inception in 2001, he knows the GSA games industry by heart.
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