Der Angriff Russlands auf die Ukraine hat das osteuropäische Land ins Chaos gestürzt. Vor dem Hintergrund der gewaltigen Zerstörung und der vielen Opfer wirft GamesMarkt einen Blick darauf, wie die Spielelandschaft des zukunftsgewandten Landes vor dem Krieg aussah. So war die Ukraine ein aufstrebender Gamingstandort.

Seit dem 24. Februar 2022, nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, ist die Welt nicht mehr wie vorher. Seither gibt es sprachlos machende Berichte über Zerstörung, Leid, Elend und Grausamkeiten. Als Reaktion auf den völkerrechtswidrigen Krieg, der schon einen Monat lang tobt, startete eine Welle der Solidarität, auch zahlreiche Unternehmen, Personen und Teams aus der Gamesbranche zeigten teils enorme Hilfsbereitschaft. Doch wie sah die ukrainische Spielelandschaft vor dem Krieg aus? Es zeigt sich, dass das Land ein aufstrebender Gamingstandort war, der mehr als nur Work-for-hire-Jobs für namhafte Studios übernehmen konnte.

Denkt man an die ukrainische Gamesindustrie, dann wahrscheinlich als erstes an GSC Game World. Anfang 2000 begann das Studio mit "Cossacks". Danach nahm man sich das Mammutprojekt "STALKER" vor, das nach vielen Verschiebungen 2007 veröffentlicht wurde. Ein Jahr vorher, 2006, wurde 4A Games gegründet - das Studio hinter der erfolgreichen "Metro"-Reihe. Auch die Sherlock-Holmes-Macher von Frogwares sitzen neben Irland auch in Kiew.

Die ukrainische Spielszene nahm aber erst im letzten Jahrzehnt an Fahrt auf, was an der Kombination aus fähigen Entwickler:innen, progressiven Ideen und vergleichsweise niedrigen Standortkosten lag. Abseits der schon genannten Studios gibt es nur wenige namhafte Studios, die in der Ukraine gegründet wurden. In dem Land befinden sich dafür viele Niederlassungen etablierter Firmen, Co-Development-Studios und externe Dienstleister. Einen Überblick über die ukrainische Spielelandschaft gab Alina Mudraya, CEO des Personaldienstleisters Values Value, beim Games Gathering 2021 (Quelle). Ihre Informationen basieren auf Geschäftsberichten, eigenen Erhebungen und öffentlichen Quellen, wobei sie anmerkte, dass es schwierig war, Daten zu sammeln, da zentrale Anlaufstellen oder Verbände fehlen würden. Gerade bei Indie-Studios sei die Datenlage lückenhaft. Ihren Angaben nach sind über 30.000 Beschäftigte in mehr als 400 Gamesunternehmen tätig. Allein 10.000 Personen sind bei den größten 30 Unternehmen angestellt. Der wichtigste Standort ist Kiew. Es folgen mit Abstand Charkiw, Dnirpo und Odessa. Auch Konferenzen, Meetings und Game Jams fanden regelmäßig statt, vornehmlich in der Hauptstadt. Für dieses Jahr waren mehrere Events geplant, darunter Games Gathering 2022 im November. Diese B2B-Konferenz findet seit 2015 jährlich statt und ist die größte Veranstaltung ihrer Art in Osteuropa.

Ein Großteil der Studios sind Zweigstellen von Unternehmen aus Europa, Israel oder Russland. Die meisten Beschäftigte in absteigender Reihenfolge zählen Playrix, Ubisoft, Plarium (über 700 Beschäftigte), Gameloft, Wargaming (über 550 Beschäftigte), Room8, Voki Games, GSC Game World, G5, Whaleapp und Embracer (ca. 250 Beschäftigte). Vostok Games (57 Beschäftigte) und Persha Studio (173 Beschäftigte) sollen nicht unerwähnt bleiben. Mudraya hebt hervor, dass Playrix am aktivsten im lokalen M&A-Bereich war. Moon Active, Tilting Point und Legou Games hätten 2021 Fuß gefasst. Values Value hat selbst drei Kunden aus China. In der Zwischenzeit sei der Wettstreit um fähige Talente problematisch, gerade in Hinblick auf Unity-Entwickler. Android und iOS sind die dominierenden Plattformen. Hypercasual ist der größte Wachstumsmarkt. Die wichtigsten Outsourcing-Studios sind Room8, iLogos Game Studios, N-iX, Game & VR, Kevuru Games, AAA Game Art Studio, Dragon's Lake Entertainment und Pingle. Außerdem hätten weißrussische Firmen wie Vizor, Belka Games, Say Games und Gismart in der Ukraine Zweigstellen.

Der Umsatz des lokalen Spielemarkts lag 2020 bei ungefähr 200 Millionen Dollar. Knapp 15,4 Millionen Spieler:innen wurden gezählt. Damit würden ungefähr 35 Prozent der Gesamtbevölkerung zu den Spielenden zählen. Diese von Newzoo erhobenen Daten präsentierte Taras Zhukov, PR & Communications Officer von ABGames, während einer Q&A-Runde beim Games Gathering 2021. Zum Vergleich: Der Umsatz des deutschen Spielemarkts lag 2021 laut Newzoo bei 5,87 Milliarden Dollar, der spanische Markt bei 2,33 Milliarden Dollar. TAdviser beziffert nach Erhebungen von PwC den russischen Spielemarkt auf knapp 2 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr.

Die größte Übernahme der vergangenen Jahre tätigte Saber Interactive als Teil der Embracer Group. 2021 wurden Fractured Byte (50 Beschäftigte) und 4A Games (150+ Beschäftigte in Kiew und Malta) akquiriert. 4A Games wurde zwar in Kiew gegründet, aber 2014, als die Krim-Annexion stattfand und sich der Konflikt mit Russland zuspitzte, wurde das Hauptquartier nach Malta verlegt, um besser auf dem europäischen Markt agieren zu können, schließlich sei es schwierig, Investoren in Konfliktzone zu finden. Sie seien keine Verräter, es ginge nur um die geschäftlichen Möglichkeiten, hieß es damals gegenüber Polygon.

Die bekanntesten Studios mit ukrainischen Wurzeln sind GSC Game World (322 Beschäftigte), Frag Lab (181 Beschäftigte), ABGames (140 Beschäftigte) und Frogwares (98 Beschäftigte in der Ukraine und Irland). Die Angaben basieren auf Firmendaten, LinkedIn und Rocketreach. Das bisher größte Spieleprojekt ist bei GSC Game World in Arbeit: "STALKER 2: Heart of Chernobyl". Es soll Ende des Jahres zunächst für PC und Xbox-Konsolen veröffentlicht werden. Im Zuge des Angriffs auf die Ukraine twitterte GSC Game World, dass sie die Entwicklung pausiert mussten, um "ihre Leben zu retten". Außerdem teilten sie mit, dass nicht mehr die Frage nach neuem "Gameplay-Material" am häufigsten von Spieler:innen kommen würde, sondern nachgefragt werde, wie es den Mitarbeitenden im Team gehen würde. Zugleich haben sie den Untertitel in "Heart of Chornobyl" geändert, um die ukrainische Schreibweise des havarierten Atomkraftwerks zu verwenden und nicht die russische Version

Nach dem Krieg, egal wer letztendlich "siegt", wird die Ukraine auf absehbare Zeit eine Zäsur erleben. Nichts wird wieder so sein, wie es einmal war - und das wird auch die international verzweigte Gamesbranche auf lange Sicht prägen und vor neue Herausforderungen stellen, obgleich die Solidarität und die Hilfsangebote immens sind. Der 24. Februar 2022 änderte einfach alles ...

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Marcel Kleffmann
Marcel Kleffmann is Chief of Content of GamesMarket and our B2B and B2C expert for hardware, market data, products and launch numbers with more than two decades of editorial experience.
Phil Spencer Steps Down, Asha Sharma Named CEO of Microsoft Gaming
Asha Sharma, Executive Vice President and CEO of Microsoft Gaming, and Matt Booty, Executive Vice President and Chief Content Officer of Microsoft Gaming. © Microsoft

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