DVD-Box auf dem Vormarsch
Seit etwa zwei Jahren haben die Softwarepublisher die DVD-Box als Verpackung für CD-ROMs entdeckt. Mehr und mehr findet die auch als Amary bezeichnete Hülle in den Regalen der Händler Verbreitung. GamesMarkt.de hat sich bei einigen Unternehmen nach den Erfahrungen mit dieser Verpackung erkundigt.
Die Maße: rund 19 x 13,5 x 1,4 Zentimeter. Die Hülle: Kunststoff. Das Gewicht: nicht der Rede wert. Diese Merkmale kennzeichnen die DVD-Box. Außer als Hülle von DVDs wird sie zunehmend auch als Verpackung von CD-ROMs verwendet und konkurriert dabei mit anderen Verpackungsformen wie Jewel-Case und Eurobox. Denn anders als die sperrige Eurobox passt die etwa um ein Viertel kleinere Amary in fast jede Tasche. Nach Ansicht von Doug Lowenstein, Präsident der US-Branchenvereinigung Interactive Digital Software Association (IDSA), ist sie aber immer noch groß genug, um darauf wichtige Produktinformationen zu kommunizieren.
Klein, robust und Kosten sparend
Aber die DVD-Box ist nicht so klein wie das Jewel-Case, und ihr Material hält länger. Wie bei vielen Neuerungen war auch die Umstellung auf Amary für deutsche Publisher nicht leicht. "Zu Beginn waren im Vergleich zur Eurobox spürbare Einbußen beim Durchverkauf festzustellen", sagt André Franzmann, Geschäftsführer von rondomedia. Topos-Vertriebsleiter Goetz von Poncet berichtet, dass es vor allem bei den Verbrauchern einige Zeit gedauert hat, bis sie sich an die neue Verpackung gewöhnt hatten.
Retouren sind seltener beschädigt
Und Wilfried Bürgel, Produktmanager der hemming AG, erzählt, dass die Konkurrenz hemming anfangs wegen der Umstellung auf die DVD-Box als neues Verpackungsformat belächelt habe. Aber alle drei Publisher berichten über positive Erfahrungen mit der Amary. Denn sämtliche Handelsbereiche hätten sie als Verpackung für CD-ROMs von Anfang an gut angenommen. Eine Ausnahme bilden nach Ansicht von rondomedia-Chef Franzmann Sonderaktionen in Outlets, in denen der Kunde nicht mit Software rechne.
In solch einem Fall könne die Eurobox sinnvoll sein, weil der Verbraucher sie aufgrund ihrer Größe eher wahrnehme als die Amary. Signale aus dem Handel waren es auch, die bei den Publishern zur Umstellung der Verpackung auf DVD-Box führten. Notorischer Platzmangel in den Regalen der Händler verlangte vor etwa zwei Jahren geradezu nach einer im Vergleich zur Eurobox kleineren, Platz sparenden Verpackung. Nach Aussage von André Franzmann entfalle bei Retouren zudem das Problem beschädigter Boxen. Produktmanager Bürgel sagt: "Auch wenn durch höhere Porto- und Verpackungskosten eventuell geringere Margen in Kauf zu nehmen sind, wiegen die Vorteile der DVD-Box dieses kleine Manko locker auf. Ist der Kunde doch wohl um einiges zufriedener, wenn er seine bestellte Software ordentlich verpackt und nicht in gerissenen oder gesprungenen Jewel-Cases erhält." Die Kunden fanden mehr und mehr Gefallen an der Amary, lernten das "Design zu schätzen", weiß Vertriebsleiter von Poncet. Bürgel ergänzt, Verbraucher lobten die Verpackung wegen ihrer Robustheit und ihres ansprechenden Designs. Außerdem habe sie sich bei der Archivierung von Software als sehr praktisch erwiesen.
Aber lohnt sich die Verpackung für die Publisher auch finanziell? Bürgel weiß, dass die DVD-Box in der Herstellung wesentlich teurer ist als das Jewel-Case. "Aber bei der Retourenaufbereitung zum Beispiel für die weitere Verwertung der Produkte im Nebenmarkt ist die DVD-Box geradezu ideal", sagt er. Ähnlich sieht das Goetz von Poncet: Die Herstellung der DVD-Verpackung sei zwar etwa ein Drittel teurer als die des Jewel-Case, dafür aber um rund ein Viertel günstiger als die Produktion der Eurobox.
Kosten werden durch Amary reduziert
Nach Ansicht von rondomedia-Chef Franzmann sind die Kostenvorteile bei der Eurobox wesentlich größer als bei der Amary. Aber: "Wir haben im letzten Jahr Leerboxen für zehntausende von Euro vernichtet, da man aus Kostengründen immer größere Auflagen herstellen und bevorraten muss. Dieses Risiko entfällt bei DVD-verpackten Produkten." Nach Angaben des Marktforschungsinstituts NPDTechworld kann die Amary steigende Kosten für Entwicklung und Produktion von Softwaretiteln zumindest teilweise ausgleichen.
Publisher könnten durch die DVD-Box zehntausende Euro an Kosten für Verpackung, Transport und Lagerung sparen. Nach den Erfahrungen Franzmanns müssen bei der Amary nur die Einleger vorrätig sein, deren Preis aber "deutlich unter dem der Leerboxen liegt", sagt er. Lagerung und Versand der DVD-Boxen seien ebenfalls günstiger als bei anderen Verpackungen. Zunächst habe sich die Umstellung auf Amary zwar negativ auf die Absatzzahlen rondomedias ausgewirkt. Inzwischen setze der Publisher in dieser Verpackung aber fast so viele Produkte ab wie in der Eurobox. Bei Anbieter hemming, der in den vergangenen zwei Jahren Titel in beiden Verpackungen angeboten hat, stellte sich heraus, dass die DVD-Box beim Endverbraucher auf eine weitaus höhere Akzeptanz stieß als das Jewel-Case und damit auch höhere Absatzzahlen generierte.
"Natürlich werden andere Firmen, wie zum Beispiel ak tronic, dieses Thema ganz anders bewerten", sagt hemmings-Produktmanager Bürgel. Topos-Vertriebsleiter von Poncet vertritt die Auffassung, es sei nicht schätzbar, inwieweit sich Produkte nur besser verkaufen, weil sie in der DVD-Box statt im Jewel-Case oder in der Eurobox angeboten werden. Eigenen Angaben zufolge bietet der Publisher inzwischen etwa 90 Prozent seiner Titel in der Amary an.
DVD-Box zu klein für zusätzliches Handbuch
Zu erläuternde Software mit gedruckten Handbüchern verkaufe Topos aber weiterhin in der Eurobox. Denn für ein zusätzliches Handbuch sei die DVD-Box zu klein. Laut Franzmann eigne sich die Amary zudem nicht für Mehrproduktbundlings und erklärungsbedürftige Produkte und Sonderaktionen oder zumindest teilweise. "Sehen muss man auch das Diebstahlrisiko, das hier und da für die sperrigere Eurobox spricht", sagt der Geschäftsführer. Der Vertriebsleiter von Topos nennt beispielsweise Titel mit Hardwarezugabe wie Handysoftware mit Datenkabeln. Bei der Beantwortung der Frage, Welches Produkt in welcher Verpackung anbieten?, richte sich der Publisher generell nach den Wünschen des Handels. Dennoch: "Jewel-Case bevorzugen nur noch einige wenige Handelspartner", weiß von Poncet.
Bei rondomedia hingegen ist man von der DVD-Box inzwischen so überzeugt, dass der Publisher sein komplettes Sortiment darauf umgestellt hat. Für Sonderaktionen halte das Unternehmen im Einzelfall aber auch alternative Verpackungen bereit. hemming packt im Bugetbereich mittlerweile alle Spiele und Anwendungen in die Amary. Hochwertige und hochpreisige Titel beider Softwaresegmente kommen bei dem Publisher aber nach wie vor in die Eurobox. "Und das gute, alte Jewel-Case findet bei uns hauptsächlich nur noch bei Shareware- und OEM-Produkten Anwendung", sagt Wilfried Bürgel.
Er glaubt nicht, dass die DVD-Box andere Verpackungsformen vom Markt verdrängen wird. Denn für gelungene Präsentationen und damit auch eine höhere Aufmerksamkeit am Point of Sale sei die Eurobox immer noch besser: "Solange niemand auf die Idee kommt, aus DVD-Boxen heraus große, holographische 3D-Szenen in die Flure der Abverkaufsstellen zu projizieren, wird die Eurobox noch lange ihre Daseinsberechtigung als optischer Blickfang haben." Dieser Ansicht ist auch André Franzmann. Er glaubt dennoch an ein zunehmendes Verschwinden der Eurobox, weil der Handel seine Regalsysteme standardisiert und auch sonst viele Argumente für die DVD-Box sprechen würden. Vom Jewel-Case behauptet er, dass dieses Verpackungsformat im Low-Budget-Bereich und im Aktionsbereich überleben wird, nicht jedoch als Standardverpackung.
Goetz von Poncet glaubt ebenfalls an einen Fortbestand des Jewel-Case, "solange es naturgemäß Kapazitätslimits in bestimmten Handelskanälen gibt. Beispielhaft zu nennen sind hier Tankstellen." Aufgrund der Anfälligkeit des Materials bei häufigem Gebrauch ist Produktmanager Bürgel der Auffassung, dass es das Jewel-Case künftig als Verpackung schwer haben wird, gegen die DVD-Box zu bestehen. Nicht umsonst sei das Geschäft mit leeren Jewel-Cases zur Zeit noch ein recht gutes Geschäft, "gehen die Dinger doch allzu oft kaputt", sagt er. Auch haben in den USA wie in Deutschland lange noch nicht alle Publisher auf Amary umgestellt, aber IDSA-Präsident Doug Lowenstein ist sich sicher, dass die meisten künftig ihre Produkte in dieser Verpackung anbieten werden. Bürgel sagt es noch direkter: "Heute kommt kein Softwareverlag mehr an der DVD-Box vorbei."