Die DVD war einer der großen Stars auf der Internationalen Funkausstellung. Nicht nur in der von der DVD-AG initiierten DVD-Halle, auf dem gesamten Messegelände zeigte der vielseitige Datenträger Präsenz. Die Marktentwicklung läßt jedenfalls aufhorchen: Bis Jahresende sollen in Deutschland bis zu 2,5 Mio. Discs an die Endverbraucher abgesetzt werden. Die Gamesbranche hielt mit ihrer "Entertainment World" in zwei Hallen Einzug auf der Megamesse.

Auch wenn der erhoffte Schub für die Branche erst in den kommenden Monaten erkennbar werden kann: Die IFA hielt im großen und ganzen, was Ankündigungen der Industrie und Vorberichterstattung verschiedener Medien hatten vermuten lassen. Die DVD hat sich auf der weltgrößten Unterhaltungselektronikmesse als eins der wichtigsten Themen durchgesetzt. Maßgeblich daran beteiligt: die deutsche Softwareindustrie. DVD-AG und Bundesverband Video (BVV) präsentierten einer breiten Öffentlichkeit erstmals Zahlen, die der von einigen Seiten geäußerte Kritik an der in den vergangenen Monaten gewachsenen DVD-Euphorie das Wasser abgruben. Erstmals gab die Branche damit nicht nur Handels-, sondern auch Endverbraucherabsatzzahlen bekannt. Wie Jean Hermsen, Vorsitzender der DVD-Arbeitsgemeinschaft und Geschäftsführer von Warner Home Video (WHV), in Berlin vor Journalisten berichten konnte, sind 1999 in Deutschland bis heute rund 600.000 DVDs über die Ladentische gegangen.

Bis Ende des Jahres wird ein Handelsabsatz von 2,2 bis 2,5 Millionen DVDs erwartet, im Jahr 2000 soll sich die Zahl auf sieben Millionen Einheiten nahezu verdreifachen. Zum Vergleich: 1998 wurden laut Bundesverband Video 750.000 DVDs an den Handel und davon 410.000 an Endkunden verkauft. Im Schnitt kaufen die Kunden derzeit 15 DVDs pro Jahr, die Kaufbereitschaft ist somit siebenmal höher als bei VHS-Kassetten. Zwar sei dieses Niveau vor allem der verstärkten Ansprache von Haevy- Usern in der Startphase zu verdanken, BVV-Geschäftsführer Joachim A. Birr äußerte allerdings die Hoffnung, daß das "Kaufinteresse bei DVD auch in Zukunft stärker" sei, als es bei VHS-Videos derzeit der Fall ist. Hilfreich dabei: Die Zahl der veröffentlichten DVD-Titel wird, wie die DVD-AG ermitteln konnte, bis zum Jahreswechsel von aktuell 650 auf 1000 anwachsen, Ende 2000 wird sich nach Angaben der Anbieter auch diese Zahl verdreifacht haben. Derzeit stehen, wie die Marktforscher herausfanden, rund 80.000 DVD-Player in den Haushalten, bis Ende '99 werden es laut Prognosen rund 150.000 sein.

Für das Jahr 2000 rechnen die Hersteller, so Hermsen weiter, mit einer Haushaltspenetration von 450.000 Geräten. "Möglicherweise können wir unsere Prognosen aber noch nach oben korrigieren", so Hermsen optimistisch. Auf das Preisniveau für DVD-Videos angesprochen, prognostizierte der AG-Vorsitzende: "Es wird in den nächsten zwölf Monaten vermutlich bei 39 bis 59 Mark liegen." Im Rahmen der traditionellen Wirtschaftspressekonferenz des BVV feierte auch ein für die Marktentwicklung nicht unwesentliches Hilfsmittel Premiere: Ulrike Altig, Geschäftsführerin von Media Control, konnte die ersten offiziellen deutschen DVD-Verkaufscharts präsentieren. Erster Nummer-eins-Hit der in den ersten drei August-Wochen ermittelten Hitliste ist "Der Staatsfeind Nr. 1". Altig zufolge werden die Charts auf Basis direkt gemeldeter Abverkaufszahlen ermittelt. Beteiligt sind 800 Outlets, die sich zum Großteil mit dem Panel für die Kaufvideohitliste decken. "Charts, die in diversen Medien und im Handel veröffentlicht werden, sind immer auch für die Konsumenten ein Anreiz, dort gelistete Titel und Produkte nachzufragen und zu erwerben."

Eine weitere Premiere auf der Funkausstellung fand in Halle 10.1 statt. Diese war ausschließlich der Vorstellung der DVD-Video gewidmet. Zwar präsentierten die Mitgliedsfirmen der DVD-AG den Stern am Entertainmenthimmel in eher düsterem Ambiente, was manche Anwesende zu einer Beschreibung der Halle als "Gruft" veranlaßte. Doch konnten sich Fachbesucher und Endverbraucher erstmals komprimiert an einem zentralen Ort über Programm- und Geräteangebot informieren. Und neben den Hardwareherstellern konnten sich immerhin auch Softwareproduzenten und Anbieter wie MAWA (schließlich kein DVD-AG-Mitglied!), E.M.S. und Alligator DVD zu einem eigenen Stand entschließen. Und noch eine Premiere gab es in Halle 10.1: MAWA Film & Medien, Sonopress und der Entwickler Dieter Dierks warteten nicht nur mit neuen Titeln, sondern auch mit einer Produktneuheit auf: der DVDplus. Das Konzept: Eine halbseitige DVD-5 wird mit einer üblichen CD - gleichgültig ob CD-Audio oder -ROM - verklebt und bietet Anbietern somit die Möglichkeit, auf einer Discseite Videoinhalte zu speichern und diese auf der anderen Seite mit entsprechenden Audiostracks zu ergänzen.

Aber auch außerhalb der DVD-Halle waren DVD-Produkte in diesem Jahr nahezu allgegenwärtig. VCL hatte sich in die Toshiba-Halle eingeklinkt und füllte traditionell mit Video- und DVD-Titeln die Vorführracks von Ladeneinrichter P.S. Professional Store. Mehrere Anbieter, darunter EuroVideo, Kinowelt und Columbia TriStar stellten ihre DVD-Programm bei Panasonic aus. Der derzeitige Marktführer im DVD-Player-Segment überraschte das Messepublikum mit einer großen nachgebauten ägyptischen Pyramide, auf der in großen Lettern "DVD Video" zu lesen war. Mehrere Gerätehersteller stellten neben dem Videobereich vor allem DVD-Audio in den Vordergrund, jenes System, welches die Audio-CD beerben soll. Die DVD war der Star der IFA 99. Die Rechnung der Industrie ist aufgegangen, den Zukunftsmarkt breit gefächert zu präsentieren. Jetzt sind Handel und Konsumenten an der Reihe, zu reagieren und die optimistischen Einschätzungen auch in reale Verkaufszahlen umzusetzen.

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