Im Gespräch: Dr. Stephan Roppel, amazon.de
Amazon will sich künftig nicht mehr nur in der Rolle eines klassischen Händlers und Versenders sehen. Verstärkt sollen jetzt Dienstleistungskonzepte für Drittunternehmen angeboten werden. GamesMarkt.de sprach mit Dr. Stephan Roppel, Senior General Manager Books, über diese Vermittlerrolle.
GamesMarkt.de: Wie sieht das Konzept des Dienstleistungssegments bei Amazon.de aus?
Dr. Stephan Roppel: Das lässt sich am besten mit dem "Mission Statement" von Amazon.de erklären: Wir wollen zum einen das kundenorientierteste Unternehmen der Welt und zum zweiten schlichtweg der Ort sein, an dem Kunden online alles kaufen können, was auch immer sie kaufen möchten. Wenn man nun den zweiten Gedanken aufgreift, erklärt sich Amazons Stellung in den ersten drei, vier Jahren: ein Händler, der Produkte einkauft, diese auf Lager legt, anbietet und bei Abverkauf versendet. Das ist für uns mittlerweile eine zu enge Interpretation geworden. Wir wollen immer noch der Ort im Internet sein, an dem Kunden alles finden. Aber nicht mehr ausschließlich in der Stellung eines klassischen Händlers und Versenders. Wir sehen uns als eine Plattform, die in erster Linie Nachfrage mit Angebot vereint. In Teilbereichen werden wir diese Aufgabe weiterhin als Händler selbst übernehmen, in vielen Teilbereichen aber nur als Vermittler auftreten.
"Konzept in den USA bereits erprobt"
GM: Ist dies von Warensegmenten unabhängig?
Roppel: Einerseits ja, andererseits hängt dies natürlich auch von länder- und marktspezifischen Gegebenheiten ab. Wie genau das in Deutschland aussehen wird, muss sich erst noch zeigen.
GM: Welche Formen der Kooperationen stehen dann zur Verfügung?
Roppel: Wir haben ganz unterschiedliche Modelle. Das Konzept ist in den USA bereits erprobt, wobei sehr viele individuelle Formen entstanden sind. Es gibt zum einen das Angebot von gebrauchten Büchern oder Videospielen. Hier verbinden wir einen Einzelanbieter mit einem Einzelkunden. Auf der anderen Seite gibt es die großen Händler, wie etwa den Elektronikfachmarkt Circuit City oder den Discounter Target. Insgesamt kann das Angebot also von einem Ausschnitt bis hin zur gesamten Produktpalette reichen: Vom eigenen Store, der eine Million Produkte umfasst, bis hin zum individuellen Partner, der über uns vielleicht seine 17 alten Videospiele zum Verkauf anbietet.
"Nachfrage mit Angebot vereinen"
GM: Wie sind die Erfahrungswerte aus den USA?
Roppel: Allesamt sehr positiv. Der Grund, warum die Verbindung mit Toys"R"Us zustande kam, ist zum Beispiel relativ einfach nachzuvollziehen. Das Spielzeuggeschäft ist schwierig und hat seine eigene Regeln. Man muss mit sehr viel Vorlauf im Jahr disponieren und einkaufen, wird im Herbst beliefert und muss zu Weihnachten alles verkaufen. Das erhöht deutlich das Risiko. Aus diesem Grund sollte man über gute Handelsbeziehungen und starkes Know-how verfügen. Ungefähr zur gleichen Zeit, zu der sich Amazon ins Spielzeuggeschäft begab, war Toys'R'Us dabei, seine Onlinepräsenz aufzubauen, hatte aber Fulfillmentprobleme. Ein 'Perfect Fit': Man hat sich zusammengetan. Amazon bringt sein Know-how im E-Commerce ein und übernimmt Lagerhaltung sowie Versand. Im Gegenzug trägt Toys'R'Us das Lagerrisiko und verantwortet den Einkauf. Somit werden Kosten und Risiken auf beiden Seiten eingeschränkt, und das kommt den Umsätzen zugute. Das ist ein Beispiel für ein Businessmodell. Im Fall von Circuit City und Target ist es so, dass Amazon das Frontend, Target und Circuit City aber neben Einkauf auch die Logistik übernehmen. Hier entfällt für Amazon die Logistik als Stufe der Wertschöpfungskette. Gegenüber einem groß angelegten eigenen Händlerengagement ist dies von Anfang an sehr profitabel.
GM: Die Geschäftsmodelle sind also sehr weit gefasst und unterscheiden sich von Partner zu Partner...
Roppel: Wobei es natürlich auch nur eine endliche Menge an spannenden Dingen gibt. Das System orientiert sich am Kunden und an der Wertschöpfungskette. Jetzt stellt sich die Frage, welche Aufgabenkonstellation ist für den jeweiligen Partner sinnvoll. Es gibt keine festen Geschäftsmodelle. Sicherlich schnüren wir nicht für jeden Partner ein eigenes Paket. Firmen wie Toys'R'Us, Circuit City und Target stehen für allgemeine Partnermodelle. Wir wollen als Transaktionsplattform keine Einzellösungen schaffen. Ziel ist es, eine Infrastruktur aufzubauen, die für viele nutzbar ist.
Infrastruktur für viele Kunden
GM: Ist dabei auch eingeplant, das komplette E-Commerce-Geschäft eines Anbieters zu übernehmen?
Roppel: Solch ein Modell gibt es mit Waterstone's in Großbritannien. Amazon stellt hier die Website und das Produktportfolio zur Verfügung, während Waterstone"s nur am Branding beteiligt ist. Hier überlässt Waterstone"s uns den Betrieb des gesamten Onlinegeschäfts. Eine weitere Kooperation in England besteht mit Virgin Wine. In diesem Fall werden über Amazon Traffic und Visitors zum Store von Virgin Wine geleitet, die eigentliche Interaktion findet auf deren Seiten statt. Neben der Handelstransaktionsplattform gibt es dann noch die Möglichkeit, Amazon-Technologie zu lizenzieren. So wird AOL seine Onlineshoppingplattform auf Technologie von Amazon aufbauen. Eine weitere Säule als Softwarelösung.
GM: Wir danken für das Gespräch.