Großhändler Vitrex rechnet für dieses Jahr mit einem Rekordumsatz. Besonders hohe Erwartungen knüpft man ans Weihnachtsgeschäft. Um dafür bestens gerüstet zu sein, baut Geschäftsführer Reinhardt Sawatzky schon mal Personal auf.

GamesMarkt.de: Vitrex hat für das erste Halbjahr 2002 mit einer 100-prozentigen Umsatzsteigerung gegenüber dem Vorjahr überaus erfolgreiche Zahlen vermelden können. Setzt sich dieser Trend im Juli bereits fort, und welche Entwicklung erwarten Sie für das Gesamtjahr?

Reinhardt Sawatzky: Die Zahlen für den Juli werden im Vergleich zu den ersten sechs Geschäftsmonaten nicht ganz so erfolgreich ausfallen. Dies liegt zum einen daran, dass das Produktportfolio im Moment nicht so stark ist, und zum anderen natürlich daran, dass übers Jahr gesehen die Monate Juli und August "traditionell" die schwächste Verkaufszeit des Jahres bilden. Im letzten Jahr haben wir ein Umsatzvolumen von 20 Mio. Euro realisiert. Dieses Jahr werden wir die Umsatzmarke von über 30 Mio. Euro überschreiten. Man darf in diesem Zusammenhang aber natürlich nicht die Insolvenzen von gameplay und MMI vergessen. Das freigewordene Kundenpotenzial hat zu dieser Entwicklung sehr viel beigetragen. Die Auswirkungen dieser Geschäftspleiten werden sich auch noch bis Oktober dieses Jahres bemerkbar machen und in unserem Fall noch zu Umsatzsteigerungen führen. Danach müssen wir ganz einfach abwarten, wie sich der Markt entwickelt - ob rückläufig, oder ob sich die Steigerungen im Rahmen von drei bis fünf Prozent bewegen, wie es im Allgemeinen üblich ist.

GM: Wie sieht die Wettbewerbssituation derzeit aus? Mit Ingram Micro Games stieß ja ein neuer Player hinzu…

Sawatzky: Der Wettbewerb ist nach wie vor stark. Ein wichtiger Ansatzpunkt ist dabei die eigene Ausrichtung. Im Fall von Ingram Micro Games handelt es sich ja in erster Linie um einen Anbieter für den IT-Fachhandel. Diese Schiene wird von uns nicht bedient. Für einen neuen Anbieter gestaltet sich der Markteintritt allerdings immer schwierig. Gerade wenn die Positionierung der Konkurrenzunternehmen bereits gefestigt ist. Dann kann der Neuling nur mit Sonderaktionen arbeiten. Ob dies Ingram Micro machen will, bezweifle ich aber.

"PS2 wird wie eine Rakete abgehen"GM: Wie sehen Sie die Zusammenarbeit zwischen Industrie und Handel? Gibt es Optimierungsbedarf?

Sawatzky: Im Grunde gibt es derzeit mit der Industrie keine Probleme, was natürlich in erster Linie mit dem aktuellen Umsatzwachstum zusammenhängt. Sollten tatsächlich Probleme auftauchen, kann eine Lösung nur zusammen mit der Industrie erarbeitet werden. Der Fachhandel hat nur einen begrenzten Spielraum, und eventuell müssen manchmal einfach neue Wege beschritten und/oder neue Verkaufspunkte gefunden werden.

GM: Wie ist die derzeitige Stimmung im Handel?

Sawatzky: Durch die schlechten Meldungen, sei es, dass die Wirtschaft lahmt oder dass eine Insolvenzwelle über Deutschland zieht, halten sich die Endkunden derzeit ein wenig zurück. Das ist letztendlich ein Teufelskreis. Zum Herbst hin werden sich aber die Schlagzeilen mehren, dass die Wirtschaft wieder anzieht, und damit werden auch die Endverbraucher wieder mehr Geld ausgeben.

GM: Was erwarten Sie für das Herbst- und Weihnachtsgeschäft?

Sawatzky: Wir haben unsere Auslieferungskapazitäten gesteigert und wollen im Herbst erneut richtig angreifen. Wir sind gerade dabei, neue Mitarbeiter einzustellen, damit wir in der heißen Phase des Herbst- und Weihnachtsgeschäfts über eine geeignet große Personaldecke verfügen. Zu Vitrex gehören mittlerweile 23 Mitarbeiter, in Kürze sollen es 30 sein.

GM: Sie gehen also bereits jetzt von einem erfolgreichen Weihnachtsgeschäft aus?

Sawatzky: Absolut. Besonders die PlayStation 2 wird im Weihnachtsgeschäft abgehen wie eine Rakete. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass Sony Computer Entertainment eine Preissenkung realisiert. Die Entwicklung wird sich dann ähnlich abzeichnen wie seinerzeit bei der Preisreduzierung der PSone, als ein unheimlicher Boom uns nahezu überrannt hat. In diesem Jahr wird es uns wahrscheinlich mit der PS2 genauso gehen. Der Preis wird meiner Ansicht nach auf 199 Euro oder 219 Euro gesenkt. Vielleicht sogar schon zur GC - Games Convention.

GM: Und die Konkurrenz wird folgen…

Sawatzky: Vielleicht schert ja auch Microsoft oder gar Nintendo aus - man weiß ja nie. Ich persönlich gehe aber davon aus, dass Sony den Vorreiter spielen wird.

GM: Wie viele Kunden beliefern Sie jetzt insgesamt?

Sawatzky: Über alle Segmente, inklusive Videotheken, derzeit 4000 Kunden. Davon beziehen auf Monatsbasis etwa 1800 Kunden regelmäßig ihre Waren über uns.

GM: Wie entwickelt sich in diesem Zusammenhang der Konsolenbereich im Hause Vitrex? Welche Ware wird geordert?

Sawatzky: Im Moment läuft der GameCube sehr schlecht. Ließ sich gerade zum Start der GCN noch stärker als die Xbox verkaufen, ist der Absatz mittlerweile komplett eingebrochen. Die Xbox-Hardware läuft noch einigermaßen. Meiner Ansicht nach wird der GameCube mehr in den Flächenmärkten verkauft als im Fachhandel, den wir bedienen. Beide Konsolen haben aber kumuliert mit sechs Prozent in etwa den gleichen Umsatzanteil in unserem Unternehmen. Die PlayStation 2 liegt derzeit bei 53 Prozent des Gesamtumsatzes. 20 Prozent verteilen sich dann noch auf das Segment PC, sieben Prozent auf PSone und der Rest ist Kleinkram wie Handhelds, DVD und Telefonzubehör.

GM: Wie läuft der Game Boy Advance?

Sawatzky: Nach wie vor katastrophal. Wenn dort nicht weitere Preissenkungen im Bereich der Software unternommen werden, sehe ich schwarz.

GM: Haben Sie in Erfurt selbst Auswirkungen der Tragödie am Gutenberg-Gymnasium verspürt?

Sawatzky: Nein, absolut nicht. Einzige Auswirkung war, dass der Absatz des von den Medien verstärkt in die Schlagzeilen gehievten Titels "Half-Life: Counterstrike" sprunghaft gestiegen ist. Persönlich haben wir aber nichts gemerkt und das Glück gehabt, dass keiner unserer Mitarbeiter von den schrecklichen Ereignissen betroffen war.

GM: Sind Sie auf der GC - Games Convention dabei?

Sawatzky: Wir werden nicht als Aussteller vor Ort sein. Letztendlich ist die GC eine Messe für den Endverbraucher. Da wir mit den Endverbrauchern grundsätzlich nichts zu tun haben, haben wir uns gegen einen eigenen Stand entschieden. Darüber hinaus sind wir im reinen Businessbereich mit der Leipziger Messeleitung nicht zu einer Einigung gekommen. In persona werden wir aber mit drei bis vier Leuten vor Ort sein.

GM: Wie schätzen Sie die GC - Games Convention ein: Werden von dort Impulse an die Endverbraucher weitergegeben werden?

Sawatzky: Im Vorfeld ist das sicherlich schwer einzustufen. Aber immerhin spricht die ganze Branche von der Messe, und entsprechend wird für die Messe Werbung gemacht. Ich könnte mir schon vorstellen, dass dadurch Impulse in den Markt gegeben werden.

GM: Welche Rolle spielt bei Ihnen der Verleih?

Sawatzky: Der Gamesverleih spielt natürlich ganz klar eine sehr große Rolle. Wir sind gemeinsam mit der Industrie der stärkste Partner für die Videotheken. 50 Prozent des Umsatzanteils läuft über den Verleih.

GM: Nach wie vor ist der Verleih noch eine Grauzone. Viele Firmen dulden den Verleih, manche untersagen ihn, andere wiederum produzieren eigene Rentalversionen…

Sawatzky: Electronic Arts, Acclaim und Eidos haben ganz klare Regelungen für den Verleih. Sony Computer Entertainment Deutschland untersagt ihn strikt. Bei allen anderen Firmen ist dies, man könnte sagen, eine Grauzone.

GM: Sie haben letztes Jahr mit Photo Porst einen neuen Kunden gewonnen. Wie hat sich das Geschäft hier entwickelt?

Sawatzky: Es hat sich sehr schlecht entwickelt, und wir sind letztendlich nur mit einem blauen Auge davongekommen. Photo Porst hat mittlerweile Insolvenz angemeldet. Die Franchisenehmer werden jetzt direkt betreut.

GM: Bremst Sie die negative Erfahrung mit Photo Porst, weitere neue Vertriebspunkte zu generieren?

Sawatzky: Nein, überhaupt nicht, ganz im Gegenteil: Wir befinden uns gerade in interessanten Gesprächen mit neuen Partnern. Es ist aber noch viel zu früh, um hier Details bekannt zu geben.

GM: Herr Sawatzky, besten Dank für das Gespräch.

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