Die neu gegründete Gamedevs.NRW stellt gegenüber GamesMarkt klar, dass sie keinen Angriff auf den etablierten games.nrw im Sinn hatte - allerdings eine andere Position in der Landschaft der Initiativen einnehmen möchte als der Verein.

Die gestrige Gründung der neuen Standort-Initiative Gamedevs.NRW hat seitdem für einigen Trubel gesorgt, nicht zuletzt, weil man sich in der Gründungsmeldung dort als vom etablierten Ortsverein games.nrw "nicht genügend" vertreten gezeigt hatte. “Es gibt sie seit 2017, aber wir sehen in all den Jahren keine großen Errungenschaften, die den Spieleentwicklern in der Region zu mehr Erfolg verhelfen. Wir beglückwünschen sie zum Erwerb des Entwicklerpreises, der oft als wichtig für den Standort NRW angepriesen wird, aber wir können den Wert des Formats nicht erkennen”, steht im Mission Statement des neuen Zusammenschlusses auf Englisch als Begründung. In der Reaktion zeigte sich games.nrw darüber dann auch “erstaunt” – bot jedoch ein Zusammensetzen an, dass Alex Ziska, Kopf hinter Gamedevs.NRW, auch annahm.

Auf Anfrage GamesMarkts erklärt Ziska nun, dass die Formulierung der Pressemitteilung und des Mission Statements zwar unglücklich gewesen sein mag, jedoch nicht so konfrontativ gemeint gewesen sei, wie sie rezipiert wurde. "Zunächst einmal müssen wir feststellen, dass unsere Punkte vielleicht nicht deutlich genug waren und wie ein direkter Angriff auf games.nrw klingen, was sie nicht sind. Wir sprechen ein Problem an, nämlich das Problem, wie die Politik (und ihr Verhältnis zu unserer Branche) hier funktioniert, und das mag games.nrw in gewisser Weise einschließen. Wenn man sich die Pressemitteilung und die Website ansieht, haben wir nie gesagt, dass games.nrw das Problem ist, wir fühlen uns nur nicht von ihnen vertreten und erklären, warum. Dies ist ein sehr wichtiger Unterschied, den viele Leute zu übersehen scheinen."

Stattdessen gehe es Gamedevs.NRW darum, aus einer Position der politischen Unabhängigkeit heraus Kritik zu üben und Vorschläge zu machen, was anderen Initiativen, die mit Unternehmen in Verbindung stehen, laut Ziska nicht immer unbedingt möglich sei. "Wir wollen in erster Linie Dinge ansprechen. Wir betonen, dass wir bewusst kein Unternehmen sind, wir sind z.B. nicht an Aktionäre oder Kunden gebunden. Das gibt uns auch die Freiheit, eventuell kritische Positionen einzunehmen, die in einer solchen Struktur nicht möglich wären. Ähnlich wie Nichtregierungsorganisationen, die "regierungsunabhängig" sind, weil ihre Anliegen nicht durch politische Veränderungen oder Polarisierung beeinträchtigt werden sollen, wollen wir uns als eine Initiative positionieren, die nicht durch die üblichen Zwänge des Marktes oder des politischen Umfelds eingeschränkt wird." Gamedevs.NRW ist eine lose organisierte Community, die sich auf Discord organisiert und derzeit rund 560 Nutzer:innen hat, die aus kleinen Entwickler:innen, Indie-Studios und Mitarbeitenden größerer Studios bestehen. Es gibt aktuell keine offizielle Mitgliedschaft. "Jeder ist eingeladen, mitzumachen und sich einzubringen, das ist genau das, was wir wollen und wie wir uns sehen", so Ziska.

Zu den Punkten, die laut Ziska stärker angesprochen gehören und für die sich Gamedevs.NRW einsetzen will, gehören vor allem verlässliche Langzeitförderungen für Start-Ups, eine Ausrichtung auf den internationalen Markt statt einem Fokus auf den nationalen und eine deutlichere Wahrnehmung der Spielebranche in Nordrhein-Westfalen als eigene Industrie, und nicht nur einen Teilbereich der NRW-Filmbranche. Das Mission Statement der Initiative wendet sich hier vor allem an die Staatskanzlei NRW, die hier mehr Fokus auf die Gamingindustrie legen soll. In Ziskas Worten: "Zu den Dingen, die angesprochen werden sollten, gehören: 1. Auf ein besseres, solides Mentorenprogramm mit internationalen Fachleuten aus der Spielebranche hinarbeiten, das Start-Ups auf ihrem Weg begleitet und nicht nur ab und zu. 2. Die Unterstützung internationaler Markt- und Publishing-Experten in Anspruch nehmen. Leute wie Jason Della Rocca, die NRW-Entwicklern, Indies und kleinen Publishern helfen würden, ein globales Publikum zu erreichen, nicht nur ein nationales. Das fängt damit an, lokalen Entwicklern zu helfen, die internationalen Märkte in Bezug auf ihre Produkte besser zu verstehen (z.B. welches Spiel wo funktioniert / sich verkauft) und reicht bis zur Unterstützung bei der tatsächlichen Markteinführung in Märkten wie Nordamerika, Korea oder sogar China. Beispielsweise: Die Unterstützung von Agenturen in diesen Märkten anbieten, die den NRW-Publishern und Indies helfen. 3. In Bezug auf die lokale Politik sollten Spiele als eigene Branche betrachtet werden und nicht als Unterbranche. Als eine Branche, die 2021 bereits 9 Mrd. EUR ausmacht, glauben wir, dass Spiele ihre eigene Politik für Anreize und Finanzierungen haben können und sollten, um den spezifischen Bedürfnissen der Branche gerecht zu werden, die neben den Medien auch starke technologische, Marketing- und Publishing-Bedürfnisse umfassen müssen."

Konkret wagt sich Gamedevs.NRW nun jedoch zunächst nicht an Standortpolitik, sondern an eine handfeste Hilfestellung für Devs. "Wir werden unser GC Couch Projekt zeitnah starten und testen, wie beliebt es ist. Die Idee dahinter ist, dass wir den Indie-Spirit wieder aufleben lassen, den IndieCouch.org damals hatte. Es war eine Couch-Surfing-Plattform für Indies. Wir wollen das in einem viel kleineren Rahmen machen und Devs aus Köln und Umgebung mit Indies aus dem weiteren Umkreis zur devcom / gamescom zusammenbringen. Kleine Entwickler sind oft knapp bei Kasse, daher ist Couch-Surfing eine Art Rock'n'Roll des wahren Indie-Lebens."

Wie groß der Einfluss der neuen Initiative auf die lokale Gamingbranche sein wird, kann sich erst nach einiger Zeit zeigen. Sicher ist jedoch, dass unter einer offen ausgetragenen Konkurrenz zwischen mehreren Standortinitiativen der Standort selbst eher leidet als wachsen wird. Dass nun Positionen geklärt werden und zumindest öffentlich aufeinander zugegangen wird, wird der Arbeit von Initiativen, die den Standort NRW zu einem besseren ausbauen wollen, mit Sicherheit zugute kommen.

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Written by

Pascal Wagner
Pascal Wagner is Chief of Relations of GamesMarket and Senior Editor specialised in indie studios, politics, funding and academic coverage.
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