In den USA hatte Dreamcast einen Glanzstart. In Europa erscheint Segas neue Konsole mit dreiwöchiger Verspätung. Entertainment Markt sprach mit Thomas Zeitner über die Auswirkungen der Verschiebung, die Reaktionen der Mitbewerber und über die zu erwartenden Erfolge in Deutschland.

EM: Nintendo hat auf der IFA den N64-Preis gesenkt, Sony CED eine Megamarketingkampagne angekündigt. Wie reagiert Sega?

Thomas Zeitner: Wir verfallen nicht in Panik. Die ersten 200.000 bis 250.000 Dreamcast-Käufer gehören nicht zu den Leuten, die sich für eine der drei Konsolen entscheiden. Diese Personen haben alle Konsolen und wollen jetzt auch Dreamcast. Konkret heißt das: Alle Anstrengungen unserer Mitbewerber sind sinnlos. Niemand kann den Erfolg von Dreamcast aufhalten.

EM: Wie beurteilen Sie Nintendo als einen Ihrer Mitbewerber?

Thomas Zeitner: Es ist legitim, eine Pressekonferenz auf der IFA auszurichten und dort viele tolle Zahlen zur Firma zu präsentieren. Wenn dann aber auf dem IFA-Stand 80 16-bit-Displays von 1990 stehen, nützt das dem Markt wenig. Geld auf der Bank zu horten, bringt zwar Zinsen, ich habe dann aber kein Produkt im Markt. Sega hingegen hat Verbindlichkeiten, weil die Firma und alle Aktionäre in Dreamcast investieren. Und wir investieren, weil wir davon überzeugt sind, daß Dreamcast keine Eintagsfliege ist. Wir glauben, daß wir mit Dreamcast über fünf Jahre lang sehr erfolgreich sein werden.

EM: Und Sony Computer Entertainment?

Thomas Zeitner: Ich kann die Kindergartenmentalität a la "mein Budget ist größer als deines" nicht nachvollziehen. Wir reden hier über Geschäfte. Ich glaube, daß der PlayStation-Preis in diesem Herbst - wahrscheinlich am 14. Oktober um 9 Uhr - mit einer massiven Marketingunterstützung auf 149 bis 179 Mark gesenkt wird. Neben dem Hardwarevorteil hat SCED natürlich auch den Softwarevorteil: die schicken goldenen Softwaretitel, die Sie für zehn Mark auf allen Schulhöfen bekommen. Doch diese Klientel ist nicht die der Dreamcast-Käufer. Sony kann mit einem 30-Mio.-Mark-Budget gern die jungen Leute mit geringem Budget erreichen. Sega holt die drei Millionen Kunden ab, die Sony schon hat und die sie nicht wieder bekommen werden.

EM: Warum hat Sega den Europa-Start verschoben?

Thomas Zeitner: Wir mußten gemeinsam mit unserem Online-Partner British Telecom erkennen, daß die Struktur in Europa wesentlich komplexer ist als beispielsweise in den USA. Wir haben ein Vielfaches an verschiedenen Sprachen, Serversystemen und Netzinfrastrukturen, die alle miteinander verbunden werden müssen. Der Termin 23. September wäre absolut machbar gewesen. Aber: Wir wollen nicht die A-Klasse der Videospielebranche sein. Den Elchtest machen wir lieber selbst. Wir haben den höchsten Qualitätsanspruch an unser Produkt und haben uns intern eine Karenzzeit gelassen, um auf der sicheren Seite zu sein. Es ist weniger gravierend, den Termin zu verschieben, als einen Kunden durch einen nicht perfekten Internetzugang zu enttäuschen.

EM: Welche Reaktionen gab es auf die Terminverschiebung?

Thomas Zeitner: Wir haben weder vom Handel noch von der Softwareindustrie Negativmeldungen bekommen. Im Gegenteil. Die Industrie ist über die zusätzliche Zeit für die Fertigstellung ihrer Produkte froh. Auf dem Papier stehen jetzt statt zehn sogar 18 Titel zum Hardwarestart. Alle werden wir aber nicht veröffentlichen, da Handel und Endverbraucher sonst überfordert wären. Wir werden mit zehn bis zwölf Spielen am 14. Oktober an den Start gehen.

EM: Wie sieht die weitere Softwareplanung aus?

Thomas Zeitner: Bis März 2000 stehen insgesamt 65 Projekte von uns und unseren Softwarepartnern auf der Dreamcast-ReleaseListe. 50 dieser Projekte sind so-gar noch für dieses Jahr geplant. Natürlich wird es - wie im Softwarebereich üblich - zu Verschiebungen kommen. Dennoch ist unsere Erwartung, 30 bis 35 verfügbare Titel bis Weihnachten, absolut realistisch.

EM: Wie beurteilen Sie das Fehlen von Electronic Arts auf Ihrer Partnerliste?

Thomas Zeitner: Electronic Arts ist im Softwareweltmarkt, unter Berücksichtigung aller Plattformen, Marktführer. Und so tritt EA auch gegenüber den Hardwareherstellern auf, etwa im Hinblick auf Lizenzgebühren. Wir stehen aber allen anderen Softwareanbietern loyal gegenüber. Warum soll ich von allen Publishern Geld verlangen und nur von dem einen Großen nicht? Das wäre unfair, und das ist auch der Grund für die Entscheidung unseres Vorstands in Tokio, gegenüber Electronic Arts eine abwartende Haltung einzunehmen.

EM: Sie glauben also, daß EA auf Sega zukommen wird?

Thomas Zeitner: Wir werden Electronic Arts mit dem Erfolg der Dreamcast unter Druck setzen. EA ist eine Aktiengesellschaft. Wenn unser Erfolg da ist, werden die Aktionäre fragen, warum EA nicht an diesem erfolgreichen Markt partizipiert. So wird der Druck auf EA entstehen. Im übrigen war EA bei Nintendo ähnlich zurückhaltend. Trotzdem hat EA auf einmal Produkte veröffentlicht. Wir haben also noch etwas Zeit.

EM: Wären die beliebten und erfolgreichen EA-Produkte aber nicht dennoch eine gute Starthilfe für Dreamcast?

Thomas Zeitner: EA wäre für uns im Fußballbereich ideal. Wir alle wissen um den sehr guten Stellenwert von "FIFA". Aber das ist das einzige, was uns ärgert. Alle anderen Bereiche decken wir oder unsere Third-Partys ab. Microsoft hat beispielsweise angekündigt, den Sportsoftwaremarkt, und explizit EA als den Key-Player in diesem Markt, massiv anzugreifen. Wir haben bereits zwei, drei Titel für den US-Markt gesehen, die noch in der Entwicklung sind. Man wird sich im Hause Electronic Arts durchaus warm anziehen müssen.

EM: Wie lautet Ihre Verkaufsprognose für Dreamcast?

Thomas Zeitner: Wir starten mit 98.000 Stück am ersten Tag. Bis Anfang Dezember werden etwa 200.000 Units im Handel sein. Unser Ziel ist, bis zum Ende unseres Geschäftsjahres im Februar 2000 insgesamt 250.000 Einheiten an den Handel verkauft zu haben. Rund 230.000 Units werden zu diesem Zeitpunkt durchverkauft sein.

EM: Lagen die Erwartungen früher nicht etwas höher?

Thomas Zeitner: Nein, wir haben für die Einführungsphase immer mit diesem Niveau gerechnet. Wir sind realistisch und verfügen über Erfahrungswerte aus 1995. Damals hat Sony in selben Zeitraum 120.000 PlayStation und Sega 70.000 Saturn verkauft. Zusammengerechnet sind das 190.000 Units. Wenn wir von 250.000 Dreamcast ausgehen, sprechen wir also bereits von einer Steigerung.

EM: Warum rechnen Sie damit, die Werte aus '95 zu übertreffen?

Thomas Zeitner: Die PlayStation kostete damals 599 Mark, der Saturn 649 Mark. Dreamcast ist eine Onlinekonsole und kostet 499 Mark, also deutlich weniger. Hinzu kommt, daß Sony in den letzten Jahren sehr gute Arbeit geleistet und eine ältere Klientel an das Thema Videospiele herangeführt hat. Diese Klientel werden wir erreichen, und deshalb schaffen wir auch die 250.000 Units.

EM: Wie lange wird Sega den Preis von 499 Mark halten können?

Thomas Zeitner: Am liebsten würde ich den Preis fünf Jahre lang halten. Die Realität sieht natürlich anders aus. Produkte, die einen Stecker haben, müssen ein- bis zweimal jährlich reduziert werden. Produkte mit einem Motor werden pro Jahr um drei oder mehr Prozent teurer. Die Consumer Electronics-Branche macht anscheinend seit 50 Jahren etwas falsch. Im Ernst: Ideal wäre es, wenn sich der Preis von 499 Mark bis September 2000 halten ließe. Sega wird aber reagieren, falls dies vorher notwendig sein sollte.

EM: Und wann ist das frühestens?

Thomas Zeitner: Am Preis wird es bis zum 29. Februar nichts zu rütteln geben. Und auch danach treffen wir wenn, dann immer nur europaweite Entscheidungen. Mit Ausnahme Großbritanniens haben wir für die Hardware innerhalb der EU eine einheitliche, auf Euro basierende Preisliste erstellt. Im Softwarebereich liegen die Preise in ganz Europa auf dem gleichen Niveau. Das ist auch notwendig, da durch die EU Produkte relativ leicht über Grenzen hinweg hin und her geschoben werden können. Als zusätzliche Maßnahme haben wir fortlaufende Seriennummern auf der Hardware. Wir wissen also ganz genau, welche Seriennummern wohin geliefert wurden. Dies ermöglicht uns, den Markt zu kontrollieren.

EM: Wie wird Dreamcast in den Nachbarmärkten vermarktet?

Thomas Zeitner: Den österreichischen Markt bedienen wir direkt. Als Partner haben wir Bachmayer & Partner gewonnen, die Vertrieb und Marketing betreuen. Die Kunden erhalten aber eine deutsche Kundennummer und werden direkt von uns beliefert. Die Rechnungsstellung erfolgt in Euro oder D-Mark aus Düsseldorf, und die Zahlung erfolgt direkt an Sega Deutschland. Die Schweiz ist als Markt schwieriger. Sie müssen Ware deklarieren und haben innerhalb eines Landes drei verschiedene Sprachen. Wir werden deshalb in der Schweiz mit Videophon als Distributor zusammenarbeiten, die auch in der Vergangenheit immer für Sega da waren.

EM: Welche Bedeutung haben die beiden Nachbarmärkte für Sega?

Thomas Zeitner: Das Verhältnis ist im Hardwarebereich unabhängig vom Anbieter immer sehr ähnlich. Österreich hat eine Größe von rund zehn Prozent des deutschen Markts, die Schweiz in etwa fünf Prozent. Unser Planziel bis Ende Februar 2000 lautet rund 10.000 Einheiten in der Schweiz und 20.000 in Österreich. In Österreich werden wir mit 8000 Units am ersten Tag starten.

EM: Ist eine Entscheidung für den Verleih von Dreamcast-Software gefallen?

Thomas Zeitner: Ja, wir werden definitiv in den Verleih gehen. Wir haben in den vergangenen Monaten mehrere Systeme geprüft, wie Ware als Verleihware deklariert werden kann. Schließlich haben wir uns gegen Sticker oder ähnliches entschieden. Die interessierten Videothekare werden einen Aufkleber bekommen, der sie als offiziellen Dreamcast-Verleihkunden ausweist, und wir hoffen, daß sich dieser dann an die Spielregeln hält. Ob das letztlich funktioniert, müssen wir abwarten.

EM: Ein gewagtes Spiel...

Thomas Zeitner: Die Zentralen von beispielsweise EMP und Deutscher Video Ring haben uns Fair play zugesichert. Der organisierte Videothekar deckt aber nur rund 50 Prozent des Markts ab. Der Rest ist frei und wird durch diverse Großhändler wie Dynatex und Flashpoint abgedeckt. Hier sehe ich ein klein wenig Gefahr. Allerdings haben wir ganz andere Voraussetzungen als Sony. Durch die GD-ROM-Technologie haben wir quasi einen natürlichen Kopierschutz. Wir sind neu im Markt, und deshalb schadet es uns nicht, wenn unsere Software ausgeliehen werden kann.

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