Auf der gamescom 2022 vertrat der parlamentarische Staatssekretär Michael Kellner Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck. Anlässlich seiner Ernennung zum Ansprechpartner der Kultur- und Kreativwirtschaft veröffentlichen wir das Interview aus der aktuellen Ausgabe von GamesMarkt zu seinem Besuch der Messe frei zugänglich für alle Leser:innen von Mediabiz.

GamesMarkt: 2022 fand die gamescom erstmals seit Beginn der Pandemie in Präsenz statt. Auch Sie waren vor Ort. Wie lautet Ihr Fazit und was waren Ihre Highlights?

Michael Kellner: Gefreut hat mich natürlich zunächst, dass sich die Branche und die gesamte Gaming-Community endlich wieder vor Ort begegnen konnten. Der persönliche Kontakt, das gemeinsame Spielen, Austauschen und Feiern ist durch kein noch so ausgefeiltes Online-Format zu ersetzen. Daher gelten meine Anerkennung und mein Dank dem game-Verband und der Koelnmesse. Sie haben eine spannende gamescom mit 265.000 Gästen auf die Beine gestellt.

Neben den vielen neuen Spielen, von denen ich eine ganze Reihe selbst angespielt habe, gab es für mich aber noch ein weiteres Highlight: nämlich das große und ehrlich empfundene Bewusstsein für gesellschaftliche Verantwortung. Nachhaltigkeit, Diversität und etwa ganz praktische Hilfe für geflohene Menschen aus der Ukraine sind der Branche eine echte Herzensangelegenheit. Das habe ich in den vielen Gesprächen und auf den Panels immer wieder gespürt.

Und nicht zuletzt freut es mich natürlich auch, dass das Bundeswirtschaftsministerium als "Games-Ministerium" zum ersten Mal mit einem eigenen Stand auf der gamescom vertreten war.

GM: Von 2017 bis 2021 standen Sie - als einziger der bisherigen Teilnehmenden - bei jedem Debatt(l)e Royale auf der Bühne bzw. vor der Kamera. Was gefällt Ihnen so gut an dem Format und wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach, dass die Spitzenpolitik so eng und vielleicht sogar noch häufiger mit den jungen Menschen in Deutschland in den Dialog tritt?

MK: Ich freue mich, dass die Debatt(l) Royale regelmäßig so hochrangig besetzt stattfindet. Das zeigt, dass das Thema Games nicht nur von allen demokratischen Parteien getragen wird, sondern dass die Politik ihm auch eine besonders hohe Bedeutung zumisst. Und das ist auch gut so, denn über die Hälfte der Bevölkerung - und das sind nicht nur die jungen Menschen! - spielt zumindest gelegentlich Computerspiele. Games prägen also auch unsere Kultur und unser Miteinander. Da müssen wir als Politik das Gespräch mit der Community suchen.

GM: 2022 mussten Sie Emily Büning den Platz im Ring überlassen, Sie nahmen stattdessen am Rundgang teil und empfingen die Gäste am Stand des Bundeswirtschaftsministeriums. Fiel es Ihnen schwer, Frau Büning das Feld in der Debatte zu überlassen, auch wenn sie ihre Sache sehr gut machte?

MK: Die Debatt(l)e Royale hat mir immer sehr viel Spaß gemacht und auch dieses Jahr habe ich sie mit Spannung verfolgt. Ich freue mich, dass ich mich jetzt als Parlamentarischer Staatssekretär um das Thema Games kümmern darf. Denn mit der Zuständigkeit für die Games-Politik kann ich aus dem Bundewirtschaftsministerium heraus ganz praktisch für den Erfolg des Games-Standorts Deutschland arbeiten.

GM: Ein politisches Highlight war die Videobotschaft zur Eröffnung der gamescom von Vizekanzler und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck, der den Titel "Gamesminister" zwar mit Vergnügen, aber auch mit Anspruch tragen will. Zugleich formulierte er mit der Steigerung der Wertschöpfung in Deutschland ein konkretes Ziel und rief die Branche zum Dialog auf. War die Rede von so etwas wie Agendasetting für die Gamespolitik der kommenden Jahre und wie wird das Gamesreferat dies mit Leben füllen?

MK: Mit der Videobotschaft hat Robert Habeck gezeigt, wie wichtig ihm das Thema ist. Er wäre sehr gerne gekommen, aber die Terminlage in diesen Zeiten hat es ihm leider unmöglich gemacht. Er hat in der Botschaft insbesondere auch die wirtschaftliche und die technologische Dimension von Games deutlich gemacht. Damit hat er die Themen angesprochen, an denen wir als Wirtschaftsministerium schwerpunktmäßig arbeiten werden. Ich nenne gerne einige Beispiele:

Das ist zunächst die Computerspieleförderung. Mit über 400 Projekten, die wir seit 2019 mit insgesamt rund 115 Millionen Euro gefördert haben, ist das Förderprogramm ein wichtiger Erfolg und wir wollen es fortsetzen. Allerdings werden wir jetzt im Rahmen einer Evaluation untersuchen, wo wir ganz genau stehen und wie wir vielleicht noch besser werden können. Die Branche ist eingeladen, ihre Einschätzungen mit uns zu teilen.

Spätestens bei der nächsten gamescom, wenn Minister Habeck hoffentlich persönlich dabei sein kann, werden wir die Ergebnisse der Evaluation der Computerspieleförderung und unsere Vorstellungen für eine überarbeitete Förderrichtlinie präsentieren können.

Darüber hinaus wollen wir die im Jahr 2021 verabschiedete Games-Strategie umsetzen. Das Ziel ist, den Games-Standort Deutschland für Unternehmen und Fachkräfte attraktiver zu machen - und ihn dann auch mit einem schlagkräftigen Standortmarketing bewerben.

Weiteres Beispiel: Gerade auf der gamescom haben wir erlebt, wie wichtig Begegnungen und Netzwerke sind. Daher wollen wir die Vernetzung innerhalb der Branche stärken und so Kooperationen erleichtern. Gleiches gilt für die Vernetzung mit anderen Branchen und der Wissenschaft, weil wir auch den Ideen- und Technologietransfer für ganz zentral erachten.

Schließlich ist uns auch der E-Sport ganz wichtig: Hier setzen wir uns beispielsweise dafür ein, dass die ehrenamtlichen E-Sport-Vereine dem Koalitionsvertrag entsprechend die steuerrechtliche Gemeinnützigkeit erhalten.

GM: Apropos Dialog, wie liefen die Gespräche auf der Messe mit der Gamesbranche? Und wie erleben Sie bisher die oft jungen Gamesfirmen, die im Vergleich zu anderen Wirtschaftsbereichen sicher etwas weniger "politikerfahren" sind?

MK: Ich bin tief beeindruckt davon, wie bunt, kreativ, dynamisch und kraftvoll die Branche ist: Ich habe viele Gespräche mit engagierten Entwicklerinnen und Entwicklern geführt und dabei über die vielen Ideen der kleinen Indie-Studios und weiterer aufstrebender Unternehmen gestaunt. Spannend war es aber auch, mit den "Großen" der Branche über aktuelle Trends zu diskutieren. Diese Mischung erlebt man eben nur auf der gamescom!

GM: Seit der Regierungsübernahme der Ampelkoalition trägt Ihr Haus den Namen Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz. Das Thema Nachhaltigkeit spielt für die Gamesbranche eine große Rolle. Welchen Beitrag kann sie als digitaler und damit energieabhängiger Wirtschaftszweig leisten, welchen als Medium, das Millionen Menschen erreicht?

MK: Wichtig ist, dass wir den Ressourcenverbrauch auch beim Gaming weiter reduzieren. Gut finde ich daher, dass viele Unternehmen die Gamerinnen und Gamern hierfür sensibilisieren und ihre eigenen Verbräuche verstärkt kompensieren. In vielen Gesprächen haben mir die Vertreterinnen und Vertreter der Branche zudem berichtet, dass sie bei den immer wichtiger werdenden Cloud-Anwendungen großes Potenzial für Energieeinsparungen sehen. Schön wäre auch, wenn die Gamerinnen und Gamer die Möglichkeit bekämen, etwa über entsprechende Einstellungen noch stärker selbst Einfluss auf den Stromverbrauch der Hardware zu nehmen.

GM: Gamification und Serious Games sind wichtige Schnittstellen der Gamesbranche zu anderen Industrien und Lebensbereichen. Wie schätzen Sie das Potenzial der Gamesbranche ein, um bspw. die Digitalisierung der Verwaltung voranzutreiben oder die Aufklärungsarbeit zur Energiewende zu unterstützen?

MK: Gamification wird gerade auch im innerbetrieblichen Bereich immer wichtiger. Auf der gamescom habe ich dazu wunderbare Beispiele zur internen Weiterbildung gesehen. Ich denke, hier können wir auch als Verwaltung noch mehr tun. Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind bereits innerhalb des Hauses im Gespräch, um Gamification auch in unseren eigenen Prozessen weiter voranzutreiben.

Games können zudem einen hervorragenden Beitrag dazu leisten, die Gesellschaft zu aktivieren, mehr für den Umwelt- und Klimaschutz zu tun. Immer mehr Spiele, auch reine Unterhaltungsspiele, thematisieren inzwischen ökologische Fragen. Viele Ideen dazu entstehen beispielsweise im Rahmen des jährlichen "Green Game Jam" der Initiative "Playing for the Planet".

GM: Kommen wir nochmal zurück zur gamescom, die sich das Motto "gamescom goes green" gab. Geworben wurde etwa mit der Klimaneutralität des Messegeländes durch CO2-Kompensation und das Pflanzen eines gamescom forests in Kooperation mit dem GameForest.Club. Wie grün haben Sie das Event erlebt und wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach, dass eine innovationsgetriebene Branche wie die Gamesindustrie sich dem Thema Nachhaltigkeit und Klimaschutz verschreibt und Pionierarbeit leisten will?

GM: Klar ist, dass auf Messen auch Ressourcen verbraucht werden und reisebedingte Emissionen entstehen, gerade bei vielen internationalen Gästen. Ich finde es daher sehr gut und wichtig, dass die Games-Branche mit vorangeht und bei der Klimabilanz der gamescom Vorbild für andere Messen sein will. Positiv ist auch, dass sich die Veranstalter der gamescom nicht nur Gedanken über die eigene Klimabilanz machen, sondern auch Ausstellern und Gästen aktiv Möglichkeiten angeboten haben, ihren Teil zu einer nachhaltigeren gamescom beizutragen.

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Written by

Pascal Wagner
Pascal Wagner is Chief of Relations of GamesMarket and Senior Editor specialised in indie studios, politics, funding and academic coverage.