Nachgefragt: Manfred Gerdes, Geschäftsführer Sony Computer Entertainment Deutschland
Kaum ein Name ist in Deutschland so sehr mit dem Erfolg der Marke PlayStation verbunden wie der von Manfred Gerdes, Geschäftsführer Sony Computer Entertainment Deutschland (SCED). GamesMarkt.de fragte ihn nach seiner Einschätzung der PS2-Markteinführung sowie nach seinen persönlichen Erfahrungen in fast sechs Jahren SCED.
GamesMarkt.de: Ein Jahr PS2 in Deutschland. Ist alles nach Plan verlaufen?
Manfred Gerdes: Ja, wenn uns endlich mal jemand glauben würde, dass wir nicht erst den US-Markt sehen, und dann kommt erst Europa! Unsere Stückzahlen hätten höher ausfallen müssen. Aber schauen Sie doch heute einmal auf unseren Wettbewerber: viele Versprechungen, die am Ende des Tages nicht eingehalten werden und auch nicht eingehalten werden können! Der Handel hat Stückzahlerwartungen, die am Anfang der Produktion eines neuen Produkts nicht erreicht werden können oder nur dann erreicht werden, wenn hohe Ausfallquoten in Kauf genommen werden. Dies wiederum führt wieder zu Reklamationen von Seiten der Endverbraucher und des Handels. Qualität lässt halt nicht jede Stückzahlproduktion zu!
GM: Wie haben Sie ganz persönlich die Zeit seit der Markteinführung erlebt?
Gerdes: Die Vorbereitungsphase war sehr aufregend, aber auch sehr anstrengend. Jeden Tag, manchmal sogar jede Stunde, positive oder/und negative Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten ist ein Prozess, mit dem man umzugehen lernen muss. Natürlich ist das nicht ganz einfach. Es geht aber, wenn man jeden Morgen mit freiem Kopf ins Büro kommt, in der Lage ist, Veränderungen in sein Konzept einzupflegen, diese umzusetzen und zu akzeptieren. Viele Entscheidungen in extrem kurzen Zeitabständen treffen, aber auch wieder revidieren zu müssen gehört heute zu meinen wesentlichsten Erinnerungen. Jeder Tag war eine neue Herausforderung, bis zum Launch am 24. November 2000. Die Nacht in Berlin, in der alle Erwartungen erfüllt werden sollten. Ich habe noch nie in meinem Leben eine solche Anspannung gespürt, denn erst die Stunde Null zeigt, ob alles funktioniert hat, oder ob tatsächlich alle anderen Menschen, mit denen man vorher diskutiert hat, richtig lagen! Der Tag danach war einfach genial, die Presseresonanz und der Durchverkauf weit über unseren Vorstellungen - und das nicht nur am ersten Tag !
GM: Sie wechselten Anfang "96 zu SCED, also rund drei Monate nach Start der "Original"-PlayStation. Wie viel hat es Ihnen bedeutet, nun einen Konsolenstart von der Vorbereitung bis zur Durchführung zu begleiten?
"Jeder Tag war eine neue Herausforderung"
Gerdes: Unvorstellbar viel, da ich in den letzten Jahren auch immer wieder hören musste, wie alles geplant wurde und es dann gelaufen ist, und ich nie wirklich mitreden konnte. Eigentlich bin ich jetzt durch den Launch der PS2 erst wirklich ein vollwertiges "Familienmitglied" geworden, obwohl ich gern schon früher ins Unternehmen eingestiegen wäre. Leider haben sich die Wege von David Reeves und meiner Person erst kurz vor dem Launch gekreuzt.
GM: Welche Aufgabe empfanden Sie als spannender? Die Nachbereitung des PlayStation-Starts oder die Vorbereitung des PS2-Starts?
Gerdes: Das kann ich nicht so ganz genau sagen, da ich die Zeiten nicht miteinander vergleichen kann. Wenn ich mich jetzt entscheiden müsste, würde ich Folgendes für richtig erachten: Die Nachbearbeitung des Starts war eher mit größeren persönlichen Risiken und Herausforderungen verbunden, also für meine Person bedeutender.
GM: Lassen wir einmal Ihre Zeit bei SCED Revue passieren. Welche Themen lagen Ihnen besonders am Herzen?
Gerdes:- Die Integration von Sony Computer Entertainment als führendes Unternehmen im Videogamesmarkt. - Der Aufbau von klaren Distributionskanälen und die deutliche Abgrenzung im Auftritt gegenüber unseren Wettbewerbern. - Die deutliche Einladung an alle 3rd-Party-Unternehmen zu richten, mit uns sehr eng und vertrauensvoll zusammenzuarbeiten. - Den Handel dafür zu begeistern, mit uns ein neues Geschäftsfeld aufzubauen, was bis zur Markteinführung hauptsächlich in den Spielesegmenten des Handels stattgefunden hat.
GM: Und mit welchen Themen wären Sie am liebsten gar nicht konfrontiert worden?
Gerdes: Eigentlich habe ich kein Problem mit Themen. Man muss letztendlich alle bearbeiten, um am Ende des Tages erfolgreich zu sein - auch die problematischen Themen. Diese sollte man meiner Meinung nach möglichst nicht in den nächsten Tag mitschleppen. Das ist ein Grund, warum ich immer nach Chancen und Lösungen suche. Hier aber drei Beispiele, die mir spontan einfallen: - Mit meinem ersten 3rd-Party- Meeting. Es war grauenvoll, jeder hat mich geprüft und beurteilt und eigentlich nur gesagt, was wir alles falsch machen. Aber dadurch kann man nur lernen! - Auch wenn es viele nicht glauben: Piraterie. Dies schadet dem Handel und kostet die Publisher und auch uns viel Geld. Deshalb auch unser frühzeitiger Alleingang in Richtung GVU! - Die Preisankündigung der PS2 mit 869 Mark. Ich war mir durchaus bewusst, dass ich mit diesem Preis keinen Konsumenten, Händler und auch kein 3rd-Party-Unternehmer so wirklich glücklich machen werde!
GM: Wir danken für das Gespräch