Politischer Auftakt des gamescom congress diskutiert Ungleichheit, Gamification und Regierungsverantwortung
Beim Debatt(l)e Royale des gamescom congress 2022 diskutierten Parteivertreter:innen zu den Folgen der Pandemie, den Potenzialen von Games in der Bildung und dem Wegfallen von Förderung. Zuvor sprachen der game-Verband und NRW-Minister Liminski.
Zum Auftakt des gamescom congress fand am heutigen Morgen die traditionelle politische Eröffnung mit der Polit-Arena Debatt(l)e Royale statt. Dazu begrüßte Moderatorin Stefanie Langer zunächst den Vorsitzenden des game-Verbands Felix Falk und NRWs Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Internationales sowie Medien Natanael Liminski auf der Bühne. Während Liminski über das Programm des Bundeslandes und insbesondere über die Verdreifachung der Gamesförderung auf drei Millionen Euro sprach, bezeichnete Felix Falk die Förderung des Bundes, die seit über zwei Jahren greift, als Gamechanger für den Branchenstandort Deutschland, der mit der Schlüsselbranche Games nun auch international anschlussfähig sei.
Anschließend begrüßten die Moderator:innen Kim Adam und Niklas Kolorz zur Debatt(l)e Royale und riefen Kevin Kühnert, Generalsekretär der SPD, Emily Büning, Bundesgeschäftsführerin von Bündnis 90/Die Grünen, Bijan Djir-Sarai, der Generalsekretär FDP und Thomas Jarzombek von CDU, der die Vertretung des kurzfristig ausgefallenen CDU-Generalsekretärs Mario Czaja übernahm, auf die Bühne.
Die Debatt(l)e war in diesem Jahr in die Bereiche Games & Community, Games & Wirtschaft sowie Games & Medizin eingeteilt. Der erste Block begann mit der Frage, ob Gaming Menschen einbinden kann, die durch Behinderung oder Flucht gesellschaftlich benachteiligt seien.
Büning wies dabei auf eine durchaus mögliche Vorurteilsfreiheit in Gamingräumen, weil äußere Merkmale nicht sichtbar seien. Die Industrie und die Community müssten jedoch verstärkt am Umgang arbeiten, weil Sexismus und Hate Speech überall existent seien.
Auf die Frage, ob Förderung dieser Vielfalt politisch möglich sei, sah Jarzombek als wichtig an, dass es keinen Generalverdacht mehr gegen Gaming als Medium in der Gesellschaft geben dürfe. Wie in anderen Kulturformen auch gibt es Wertiges und weniger Wertiges im Gaming, und auch das was der Gesellschaft nicht direkt zukommt sei als Kunst wertvoll. Das sei bei Filmen so und müsse auch bei Spielen gelten. Die Moderation konkretisierte die Frage dahingehend, was die Politik denn gegen Hate Speech tun würde. Kühnert wies dabei darauf hin, die Communitys nicht aus der Verantwortung nehmen und nicht nur über die Parteien oder finanzielle Förderung zu sprechen, ohne jedoch auf das Potenzial politischer Verordnungen und Gesetze beim Umgang mit Sensibilisierung einzugehen.
Auf den Hinweis der Moderation, dass Behörden Hinweise auf Hate Speech oft nicht ernst nehmen, sah Büning Schulungen für Polizist:innen als wichtig an, um auch auf psycho-soziale Gefahren geschriebener und gesprochener Gewalt hinzuweisen, und lobte ausdrücklich zivilgesellschaftliche Initiativen wie HateAid.
Als nächstes wurde die Frage nach der Position des E-Sports in Deutschland gestellt. Djir-Sarai wies auf das Vorhaben der Ampel hin, E-Sport als Sport anerkennen zu lassen und versicherte, dass die Gemeinnützigkeit für E-Sport-Vereine kommen wird. Er sprach jedoch auch über die Kämpfe, die man im Bundestag für digitale Themen führen müsse, um sich gegen ältere Generationen in der Politik und deren Negativbeispiele zu behaupten. Er selbst sieht noch hohe Summen an Investition notwendig, um Deutschland international gut aufzustellen.
Kühning bestätigte, dass es sich bei der Frage um den gesellschaftlichen Stand des Gaming um die Gretchenfrage der politischen Zusammenarbeit zu dem Thema handelte. Nur wenn geklärt sei, ob die Politik Gaming als Kultur, Zerstreuung oder Kommerz betrachtet, kann entschieden werden, wie zum Beispiel in Schulen mit dem Medium umgegangen werden kann. Er plädierte dafür, eine Kopie anderer Sportarten, die ihre Großveranstaltungen durchkommerzialisieren und im Wesentlichen als Verkaufsplattformen großer Unternehmen inszenieren, nicht zu kopieren, sondern stattdessen Kulturplattformen zu schaffen.
Im Bereich Games & Wirtschaft betonte Büning die Sicherung von Gamesförderung im Haushalt und das Commitment zum Deutschen Computerspielpreis sowie die angekündigte Start-Up-Förderung. Sie räumte Wachstumspotenzial bei Ausgründungshilfen ein. Djir-Sarai bezeichnete die Subventionen als eigentliche Investitionen für den Standort, was auf großen Beifall stieß. Er sieht ein Lernen von den erfolgreichen internationalen Playern wie Kanada als notwendig an.
Der Hinweis der Moderation auf das Senken der Fördergelder durch die Ampelkoalition von 50 Millionen auf 48,8 Millionen entgegnete Djir-Sarai mit der erhaltenen Planungssicherheit für Unternehmen und die Aussicht auf einen höheren Betrag im Haushalt 2024. Jarzombek ergriff diesen Punkt, um Kritik zu Üben an der der von ihm als ideenlos bezeichneten Strategie der Ampel für die Gamesförderung. Er wies darauf hin, dass Start-Up-Förderung nicht das geeignetste Mittel sei, um Kulturprodukte zu fördern, und riet zum Staat auf Bundes- und Landesebene als Auftraggeber für Gamification, wie sein Land NRW das mit einem Ganztagsschulprogramm mit Gamification-Ansätzen in Grundschulen vormache. Djir-Sarai lies die Kritik jedoch nicht ohne einen Hinweis auf die 16-jährige Regierungsverantwortung der jetzigen Oppositionspartei CDU und deren mangelndes Engagement durchgehen.
Auf die Frage, warum der Staat Games fördert, entgegnete Kühnert, dass Kultur wichtig für die Geselschaft sein und dass Games Daseinsvorsorge als Lehr- und Lernbranche sind. Zudem ist das Talent aus der Wachstumsbranche Games auch in anderen Branchen als Fachkraft einsetzbar. Er betonte, dass die Gamingbranche mit anderen Branchen in Technologie, Medizin und Medien konkurriert und sich daher um bessere Arbeitsbedingungen, unbefristete Verträge und bessere Gesundheitsvorsorgemöglichkeiten für die Mitarbeiter:innen kümmern müss.
Im Block Games & Medizin ergriff zunächst Djir-Sarai das Wort. Er betonte, Erfolge in der Medizin sprechen für sich, auch zum Beispiel bei Training schwieriger Situationen bei Feuerwehr oder Polizei.
Jarzombek wies auf die in der letzten Legislaturperiode durchgesetze Möglichkeit für anrechenbare und verschreibbare digitale Lösungen hin und die dadurch möglich gewordenen Investitionen in Health Games. Büning äußerte sich gegen die Trennung der Krankenkassen in privat und gesetzlich, dies sollte keinen Unterschied bei der medizinischen Versorgung machen. Sie forderte daher in ihrer Funktion als Parteivertreterin eine gemeinsame Bürgerversicherung.
Im Bezug auf den Klimawandel wies Küning weist auf die Notwendigkeit von gamified learning im Katastrophenschutz.
Als letzten Punkt kritisierte die Moderation die ungleiche Verteilung der Zugänglichkeit von Lernapps. Büning hob lobend Länder wie Bremen hervor, die allen Grundschüler:innen Tablets zum digitalen Lernen in der Pandemie zur Verfügung gestellt haben, und verwies auf die Verantwortung der Länder bei Bildungssachen und deren Versäumnisse. Djir-Sarai sprach über die fehlende Diskussion über soziale Folgen der Pandemie, die er als weitaus teurer als wirtschaftliche Folgen einschätzt. Zuletzt kritiserte Jarzombek das Wegfallen des Corona-Aufholprogramms für Bildung. Er sah hier ausgleichende Möglichkeiten durch Gamification im Unterricht bei der Motivation zum Lernen gerade bei Kindern.
Pascal Wagner