Rasen wie Rossi
Es heißt, die Xbox 360 sei das erste Videospielsystem mit ausreichend Leistung für Gaming in naturidentischer Grafik. Trotz guter Ansätze hat das System den endgültigen Beleg noch nicht erbracht. Mit der Rennsimulation "MotoGP 06" wollen THQ und der englische Developer Climax diesen zeitnah nachreichen.
Die wiederholte Zurschaustellung spektakulärer Positionskämpfe gehört zum Handwerkszeug von TV-Anstalten, seit sie Motorsport als bewegte Bilder in die Wohnzimmer dieser Welt transportieren. PC- und Videospiele haben diese so genannten Wiederholungen längst in ihr Repertoire an Mechanismen übernommen, mit denen sie die Betrachter zu faszinieren versuchen.
Aber so realitätsnah wie bei "MotoGP 06" hat das noch nie ausgesehen. Wenn vergangene Szenen Revue passieren, dann sind die für den untrainierten Beobachter von einer TV-Übertragung kaum noch zu unterscheiden. Tank, Felgen, Bremsscheiben, Verkleidung, all das wirkt bei dieser Motorradrennsimulation vollkommen authentisch. Wer genau hinschaut, wird vielleicht bemerken, dass sich die Antriebskette nicht bewegt. Aber das ist es dann auch schon.
TV-Feeling pur
Wie die Piloten sich im Sattel hin- und herbewegen, wie das Sitzleder falten wirft und Schatten über die Rundungen des Bikes wandern - das ist TV-Feeling pur. Drei Verfolger- und drei Cockpitperspektiven mit teils dynamischer, teils ruhiger Kameraführung rücken die Bilder ins rechte Licht. In der Wiederholung und sogar auch im Rennen.
Neben glänzender Optik konzentriert sich "MotoGP 06" auf die Simulation von Fahrphysik und Positionskämpfen. Kenner von Autorennspielen müssen sich ob der andersartigen Steuerung umgewöhnen. Man neigt in den ersten Runden zum allzu späten Einsatz der Bremse, dementsprechend oft geht einem am Ende der Kurve die Straße aus. Zweiräder unterscheiden sich nun mal in ihrer Fahrdynamik deutlich von Vehikeln mit vier Pneus.
Alles original
Man muss flüssig fahren, Schwung mitnehmen, das Gas gefühlvoll streicheln. Geübte Piloten nutzen die Raffinessen der Steuerung zu ihrem Vorteil. Zum Beispiel kann man den Luftwiderstand senken und die Höchstgeschwindigkeit erhöhen, indem man den Oberkörper auf den Tank legt. Profis holen durch die getrennte Handhabung von Vorder- und Hinterradbremse ein zusätzliches Quäntchen an Zeitgewinn heraus. Schnell sind die Motorräder aus der MotoGP ohnedies. Im Pendant zur Formel 1 kämpfen 19 wagemutige Piloten auf 250 PS starken Motorradprototypen um die Weltmeisterschaft.
"MotoGP 06" stellt die vergangene und die laufende Saison nach, die im März 2006 begonnen hat. Dreh- und Angelpunkt sind die 17 Stationen der MotoGP: unter anderem mit den Grand-Prix-Strecken von Istanbul, Laguna Seca, Philip Island und dem Sachsenring.
Duell der Giganten
Die Lizenz des MotoGP-Veranstalters stellt sicher, dass Rossi, Biaggi, Capirossi und all die anderen Zweiradstars in ihren originalgetreuen Lederkombis auf authentisch designten Motorrädern sitzen. Zu Beginn der Karriere sind nur drei hoch motorisierte Mopeds verfügbar: die Yamaha M1-YZR, also das Modell des amtierenden Weltmeisters Valentino Rossi, außerdem die Proton KR5 und die Blata V4.
Im Spielverlauf werden weitere Modelle freigeschaltet, darunter die Hochkaräter Ducati GP6 und Honda RC211V. Die darunter angesiedelten Einstiegsklassen mit 125- und 250-Kubik-Motorrädern werden nicht simuliert. Als Trostpflaster dienen 17 extra Fantasiestrecken mit so schönen Namen wie "Algarve", "Riviera", "Tokyo" und "Autobahn". Hier kämpfen frei erfundene Straßenbikes in den drei Hubraumklassen 600, 1000 und 1200 ccm um Siege.
Multispaß in geselliger Runde
Als weiterer Höhepunkt kristallisieren sich die Xbox-Live-Spielmodi heraus. Bis zu 16 Piloten können sich im Mehrspielermodus duellieren. Im Rahmen der MotoGP-Lizenz werden Einzelrennen oder Komplett-Grand-Prix inklusive Qualifikation gefahren. Man kann Positionskämpfe aus Spaß an der Freude betreiben oder sich in der Onlinerangliste nach oben kämpfen.
Wer Punkte statt Kurven kriegen will, kann im Stuntmodus mit Burnouts, Powerslides und Sprüngen Punkte sammeln. Erscheinen wird "MotoGP 06" im Juni. Der Verkaufpreis soll bei 60 Euro liegen.
Jason Avent, verantwortlich für die Ausrichtung der neuen Rennsimulation beim englischen Developer Climax
» Inwieweit profitiert der Titel von der leistungsfähigen Hardware. Was ist der Unterschied zur Vorgängerversion?
Ehrlich gesagt würde ich "MotoGP 06" nicht mehr mit den Vorgängern vergleichen. Als wir "MotoGP 3" für Xbox veröffentlicht hatten, waren wir stolz darauf. Jetzt sieht's armselig aus, weil "MotoGP 06" um so vieles lebendiger und beeindruckender wirkt. Ich spreche jetzt gar nicht mal von der Grafik und wie wichtig solche Dinge wie Tiefenschärfe sind.
Wir haben praktisch alles neu gemacht. Engine, Artworks, Steuerung, KI. Auch den Ton. Man kriegt jetzt über den Motorsound direktes Feedback, wenn man hart Gas gibt oder das Gas leicht schleifen lässt. Das gibt einem auch ein besseres Gefühl dafür, in welchem Gang das Getriebe gerade steckt. Durch das Zusammenspiel dieser Komponenten fühlt sich "MotoGP 06" um vieles besser an.
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Weil ich glaube, dass man sich konzentrieren muss. Man kann vieles tun, aber nicht alles. Unser Hauptanliegen diesmal: Das Spiel auf die Xbox 360 zu portieren und die unmittelbare Spielbarkeit so zu verbessern, dass "MotoGP 06" als Next-Gen-Erfahrung wahrgenommen wird. Aber im Großen und Ganzen bleiben wir bei der bewährten Formel und ergänzen nur den Umfang ein bisschen, z.B. durch Einbau einer Fahrschule. Wir haben zusätzliche Erweiterungen diskutiert, beispielsweise auch Ihren Vorschlag. Die erfordern allerdings strukturelle Änderungen im Gameplay, die ans Eingemachte gehen. Kann sein, dass wir das in Zukunft machen.
» Wie spürt man als Pilot den Unterschied zwischen Auto und Motorrad?
MotoGP-Piloten müssen Kurven ganz anders anlenken, sie müssen viel mehr Power in den Griff kriegen. Man braucht bessere Reflexe und muss mehr mit dem Fahrzeug umgehen. Motorradfahren ist eine körperliche Erfahrung. Genau das versuchen wir in unserem Spiel einzufangen.