Ein halbes Jahr lang hat das Auswärtige Amt einen Gaming-Spezialisten beschäftigt, um Spiele als Werkzeug und Kommunikationsfeld für sich zu erschließen. Zeit, eine Bilanz zu ziehen.

Als das Auswärtige Amt im Mai 2022 eine Position für eine:n „Gaming-Expert:in“ neu schuf, war das Ziel klar abgesteckt: Die Behörde wollte wissen, wie sich Games in der eigenen neu ausgerichteten Perspektive der Public Diplomacy einsetzen ließen, also der Diplomatievermittlung mit und an den Bürger:innen. Entsprechende Expe­rimente hatte das Amt damals bereits gestartet, bei einer bis dato fortlaufenden Kooperation mit den „Civ-Gipfeln“ der Rocket Beans zum diplomatischen Gameplay im Strategiespiel Civilization VI beispielsweise. Doch mit der Berufung von Manouchehr Shamsrizi, Mitbegründer des gamelab.berlin am Exzellenzcluster der Humboldt-Universität, als Gamingspezialisten für sechs Monate sollte im Amt Kompetenz aufgebaut werden, die anschließend dauerhaft das Potenzial von Videospielen in die Außenpolitik einbringen kann. Auch bei tagesaktuellen Fragen zum Themenkomplex Gaming war die Stelle beratend tätig — und hat den Beamt:innen mindestens einmal wohl einiges an Kopfschmerzen erspart. „Unser Fokus war die Frage: Können wir im Gaming präsenter sein und können wir eigene Akzente setzen? Herr Shamsrizi hat uns sehr dabei geholfen, uns an einigen Stellen zum Thema Gaming klarzudenken, unter anderem bei der Frage, ob wir im Metaverse eine deutsche Botschaft errichten sollten – ziemlich eindeutig ‘nein’“, so Peter Ptassek, Beauftragter für strategische Kommunikation des Auswärtigen Amtes, dem die Spezialist:innen-Stelle unterstellt ist.

"Das Misstrauen gegen Games dürfte in autoritären Regimen mit ihrem Überwachungs- und Kontrollfetisch deutlich größer sein." Peter Ptassek

Nun ist der Berufungszeitraum zu Ende, und die Stelle des Gaming-Spezialisten wird nicht verlängert. Ein gutes oder schlechtes Zeichen? „Dank Herrn Shamsrizis exzellenter Arbeit und dem von ihm geleisteten Wissenstransfer konnten wir das Ziel seiner Abordnung, nämlich Kompetenzaufbau im Auswärtigen Amt, erreichen“, so Ptassek. Mit der Stelle wurde also zunächst erreicht, was erreicht werden sollte: Eine bessere Gaming-Kennt­nis in den dauerhafteren Strukturen der Behörde. Das Amt stoppt damit aber nicht jetzt und sofort seine Bemühungen, Strukturen auf­zubauen. Im Gegenteil hat Shamsrizi im vergleichsweise kurzen Berufungszeitraum erst einen Stein ins Rollen gebracht, der das Verhältnis der deutschen Politik zum Gaming dauerhaft formen könnte. „Am deutlichsten wird der für uns von Herrn Shamsrizi geleistete Mehrwert bei der inhaltlichen Konzipierung des Projekts ,Auswärtsspiel‘, das wir seit 15. Sept. 2022 mit der Stiftung Digitale Spielekultur umsetzen“, weist Ptassek auf das Projekt hin, in dessen Gremium neben Shamsrizi unter anderem Felix Zimmermann von der bpb, Michaela Bartelt von Electronic Arts und die Gamesprofessorin Lena Falkenhagen sitzen. Auch Shamsrizi selbst bescheinigt dem Amt gute Perspektiven. „Es ist beeindruckend, wie dieses Haus die Gleichzeitigkeit von hochaktueller Tages- beziehungsweise Weltpolitik und langfristiger Strategie jongliert.“ Um das zu beobachten, hatte er reichlich Gelegenheit, fielen in seinen Berufungszeitraum doch „neben die allgemeine ‚Zeitenwende‘ auch die Erarbeitung der ersten Nationalen Sicherheitsstrategie, der neuen China-Strategie, oder auch der neuen Digitalstrategie der Bundesregierung — es wurden also viele Aspekte unserer Außenpolitik grundsätzlich geprüft und weitergedacht.“ Gleichzeitig sieht er viel Potenzial im interdisziplinären Interesse, das er bei den Diplomat:innen und Beamt:innen beobachtete. Das kam eben nicht nur aus der Public Diplomacy, „sondern auch zu Menschenrechtspolitik, Außenwirtschaft, internationalen Terrorismus, oder ,Cyber-Außenpolitik‘ im Allgemeinen. Von unserer Botschaft in Neu Delhi kamen ebenso Anfragen wie aus dem aktuellen Attaché(e)-Jahr­gang. Das alles empfinde ich als ermutigend, und halte es im Hinblick auf die Chancen und Risiken von Gaming auch für notwendig.“

Einen dedizierten Gaming-Spezialisten wird das Auswärtige Amt auf absehbare Zeit also zunächst nicht mehr haben. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Expertise in den Amtsstrukturen nun entwickelt und ob sie bestehen bleibt. Da die Stellen dort nach dem Rotationsverfahren besetzt werden, lohnt es sich, auch langfristig kritisch nachzuforschen, wo das Fachwissen in der Behörde verortet ist. Denn die Rotation bedeutet, dass die Verantwortlichen nach spätestens fünf Jahren die Stelle wechseln. So geschehen etwa mit Ptasseks Vorgängerin Irene Plank, die im Mai noch Shamsrizis Berufung verkündete. Ein ganz normaler Prozess, der jedoch auch die Gefahr birgt, Expertise an den wichtigen Stellen verloren gehen zu lassen.

Dennoch, die Stoßrichtung für die Behörde ist klar geworden und soll nun kurzfristig stärker definiert werden. Gaminginhalte sollen eine Kommunikations- und Diskursplattform werden, die hoffentlich auch andere demokratiefördernde Strömungen mitnimmt und autoritäre Strömungen, die das Auswärtige Amt auch im digitalen Raum beobachtet, überwindet. „Das Misstrauen gegen Games dürfte in autoritären Regimen mit ihrem Überwachungs- und Kontrollfetisch deutlich größer sein als bei europäischen Aufsichtsbehörden. Perspektivisch sehen wir einen Trend zu immer stärker abgeschottete Kommunikationsräume auch im Gaming, wie wir sie heute bereits bei im Internet bzw bei App-Verfügbarkeiten kennen und für deren Überwindung dann beispielsweise VPN-Programme nötig sind“, so Ptassek. Dagegen will das Amt in Zukunft in Zusammenarbeit mit der Branche und der Zivilgesellschaft weiter Impulse setzen. Oder wie Ptassek es hoffnungsvoll formuliert: „Vielleicht nutzen politische Entscheidungsträger:innen ja dann in der Zukunft neue Gaming-Designs, um sich beispielsweise in die Situation eines Kremlherrschers oder eines Kaders der kommunistischen Partei Chinas hinein zu begeben, um deren Anreizmechanismen besser zu verstehen.“

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Pascal Wagner
Pascal Wagner is Chief of Relations of GamesMarket and Senior Editor specialised in indie studios, politics, funding and academic coverage.
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