Spekulationen über die Zukunft von Dreamcast, eine hinter verschlossenen Türen ausgestellte PlayStation2 und erste Aussagen zum N64-Nachfolger Dolphin machten die diesjährige Spielwarenmesse zu einer der interessantesten Veranstaltungen der letzten Jahre.

Nach den vorgelegten Erfolgen der vergangenen Monate gaben sich die drei Großen im Konsolensegment während der Messe siegessicher und proklamierten darüber hinaus unabhängig voneinander die Marktführerschaft: Sony Computer Entertainment im Bereich Next-Generation, Sega als einziger Anbieter einer onlinefähigen Konsole und Nintendo in seiner gewohnten Rolle als Branchenführer. Mit dem Start von Dreamcast hat Sega in technischer Hinsicht eine neue Marke gesetzt und so das Geschäft belebt: Die Mitkonkurrenten arbeiten nun hart daran, diese Leistung (nach Möglichkeit und in Einzeldisziplinen) zu überbieten. Was die PlayStation2 und deren Japanrelease im März bertrifft, so hat es Sony Computer Entertainment meisterlich verstanden, den Hype wohldosiert am Laufen zu halten, ohne die Nachfrage nach dem inzwischen betagten Vorgänger zu gefährden. Was SCE auf der Spielwarenmesse den geladenen Vertretern aus Handel und Presse als Appetithäppchen zur ersten "echten" 128-Bit-Konsole servierte, war allerdings mehr oder weniger enttäuschend: Zu Gesicht bekam der interessierte Besucher nämlich neben der schicken Hardware lediglich das Intro von "Kessen" (Squaresoft) und einige Spielausschnitte aus "The Bouncer" von Namco.

Dennoch wurde offensichtlich, in welche Richtung die Reise mit Sony's Multimediaplattform gehen wird. An-gesichts von Animationen, die bis vor kurzem lediglich als Zwischensequenz (Stichwort FMV) realisierbar waren, und fotorealistischen Grafiken jenseits von Pop-Ups und Clippingfehlern verwischen einmal mehr die Grenzen zwischen Spiel und Realität. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an das neue Format, das schon jetzt volle Unterstützung von Seiten der Drittanbieter erfährt. Und das, obwohl die Hardwarekomponenten, inklusive DVD-Laufwerk, einen in Hinblick auf den Massenmarkt nicht ganz unkritischen Verkaufspreis erwarten lassen. Das ungebrochene Vertrauen in SCE rührt nicht zuletzt von der bisher gezeigten Marketingpower her, die bis auf absehbare Zeit in vollem Umfang der ehrwürdig ergrauten PlayStation zuteil wird. Auch an Software für den 32-Bitter herrscht kein Mangel, wie die hauseigenen Entwicklungen und Neuheiten der Third-Party-Publisher wie "Need For Speed - Porsche" von Electronic Arts eindrucksvoll vor Augen führten. Der Siegeszug der PlayStation dürfte sich also noch eine ganze Weile fortsetzen, auch wenn deren Produktionsvolumen zugunsten des Nachfolgers schon jetzt sukzessive gedrosselt wird. Im Unterschied zu SCE verzichtete Nintendo darauf, sein neuestes Pferd im Stall mit technischen Details, einem Prototyp oder gar Produktdemo schmackhaft zu machen. Nur so viel: Mit dem N64-Nachfolger Dolphin wolle Nintendo kein "Total Home Entertainment" wie SCE mit der PlayStation2, sondern, wie gehabt, eine reine Spielplattform etablieren, deren Software auch weiterhin dem familienfreundlichen Image entsprechen soll.

Dass bisher noch keine Entwicklerkits für Dolphin an die Spielestudios verschickt wurden, sollte laut Axel Herr, Managing Director Sales/Marketing Director Nintendo of Europe, nicht zu Spekulationen um den geplanten Releasetermin führen. Vielmehr gab er zu beachten, dass die Programmcodes von Dolpin-Software trotz der gegenüber PlayStation2 höheren Leistung einfacher zu programmieren seien. Während Dolphin ein Auftritt in Nürnberg also versagt war, stellte man für die E3 Mitte Mai mehrere Displays mit bereits spielbaren Demoversionen in Aussicht. Nicht nur bis zu diesem Zeitpunkt werden die N64 und insbesondere der Game Boy Color weiterhin oberste Priorität bei Nintendo genießen. Der Hype um "Pokémon", laut Axel Herr "Lizenz zum Gelddrucken", bildet dabei den Schwerpunkt in puncto Produktpolitik und Marketing. Nach "Pokémon: Blaue Edition" und "Rote Edition" für den Game Boy (Color), die der VUD mit Platin-Sales-Awards für je 200.000 verkaufte Einheiten zu würdigen gewusst hat, folgen in Kürze die "Gelbe Edition" sowie "Pinball". Als genialer Schachzug dürfte sich die Vermarktung von "Pokémon Stadium" für N64 erweisen: Die knuddeligen Monster der Game-Boy-Spiele lassen sich nämlich in den Speicher der N64 importieren, wodurch sie als eindrucksvolle 3D-Pendants zu neuem Leben erwachen. Die für den Datenaustausch nötige Hardware, den sogenannten Transfer Pak, will Nintendo nicht im Bundle, sondern separat anbieten, um das Taschengeld der jungen Zielgruppe nicht über Gebühr zu strapazieren.

Noch eine weitere Hardware machte zumindest in Form einer Designstudie von sich reden: der Game Boy Advance, der wie Dolphin noch in diesem Jahr erscheinen soll und nicht nur durch seine 256 Farben, sondern auch durch seine Abwartskompatibilität beeindrucken wird. Übrigens: Der lang erwartetete Ego-Shooter "Perfect Dark" für N64 wird ob seiner handfesten Handlung nun doch nicht in Deutschland erscheinen. Wie schon beim ebenfalls von Rare entwickelten "GoldenEye" werden sich Erwachsene und Fans des Genres wohl über Mailorder oder die Nachbarländer Österreich und Schweiz mit der Cartridge versorgen. Als Dritter im Bunde zeigte sich Sega, nach dem beachtlichen Start von Dreamcast sozusagen wieder mit voller Präsenz im Ring, während der Spielwarenmesse überaus zuversichtlich. Besonders hoffnungsvoll stimmte Thomas Zeitner, Geschäftsführer Sega Deutschland, die Tatsache, dass von Dreamcast mehr Einheiten durchverkauft werden konnten, als von PlayStation im Vergleichszeitraum. Aus den kleineren Schwierigkeiten bei der Markteinführung, die sich noch immer auswirken, machte Sega dennoch keinen Hehl. Beispielsweise lässt die (flächendeckende) Versorgung mit Hardware wie Lightgun oder DC-Keyboard aufgrund von begrenzten Produktionskapazitäten der erfolderlichen Mikrochips vorerst noch auf sich warten. Bis dahin hofft Sega auf entsprechende Innovationen von Hardwareanbietern wie Vidis, Blaze und Interact, die ebenfalls in Nürnberg Flagge zeigten.

Den Focus will Sega in diesem Jahr vor allem auf den Ausbau der Onlinenutzung von Dreamcast richten. Um weit mehr als die derzeit 30 Prozent der in Deutschland surfenden Dreamcast-Besitzer zu erreichen, hat Sega mit Partner Viag Interkom bereits im Vorfeld der Messe ein attraktiveres Kostenmodell für die Internetverbindung zur DreamArena erstellt. Zudem sind die seit 28. Januar laufenden TV-Spots dahinge-hend überarbeitet worden, die Onlinemöglichkeiten der Zielgruppe nicht nur konkreter, sondern auch verständlicher zu vermitteln. Last but not least plant Sega, künftig seinen Einfluss bei den Dreamcast-Entwicklungen der Drittanbieter stärker geltend zu machen. Doch auch offline ist die Konsole begeisternd genug, um sich gegenüber den Konkurrenten zu behaupten. Dank seiner Vielzahl an erstklassigen Automatenportierungen wie "Sega Rally 2" und "Virtua Striker 2" ist Sega den beiden Mitstreitern sogar um eine Nasenlänge voraus. Mit dem witzigen Arcadegame "Crazy Taxi" zog Sega in der Frankenmetropole bereits ein weiteres As aus dem Ärmel. Und so verwunderte es nicht, dass die entsprechenden Displays selbst während der allabendlichen Standparties ständig umlagert waren. Auch die kommenden Neuheiten wie "Tomb Raider IV", "Toy Story 2" und "Ecco The Dolphin", die in einem spannenden Trailer vorgestellt wurden, sprechen für sich.

Als weiteren Erfolg für Sega kann gewertet werden, dass nun auch LucasArts dem Dreamteam angehört. Die erste Entwicklung beziehungsweise Umsetzung aus der Vereinbarung mit Sega ist "Star Wars - Episode I: Racer". Und spätestens mit dem Erscheinen des Adventures "Shenmue", einem der ehrgeizigsten Projekte in der Geschichte der Videospielindustrie, sollte es Sega möglich sein, auch die letzten Kritiker vom Potenzial seiner Konsole zu überzeugen.

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