Straßenkampf mit Spraydosen
Underground ist in, HipHop sowieso. "Marc Ecko's Getting Up - Contents Under Pressure" fügt noch Graffiti hinzu - und will ab September Gamer zu Sprayern machen.
"Bei Graffiti geht es nicht darum, seinen Namen an die Wand zu kritzeln", sagt Marc Ecko, "es geht darum, an Orte zu gelangen, die unerreichbar erscheinen. Und dieses Gefühl soll auch im Spiel erreicht werden. Man muss sich fragen: 'Wie zur Hölle ist jemand da hoch gekommen?' Das ist die Essenz von Graffiti."
Ecko muss es wissen, denn so hat er angefangen: als junger Graffiti-Künstler in den Straßen von New York. Inzwischen hat der Mittdreißiger ein kleines Imperium aufgebaut. Sein Modelabel Ecko Unltd. hat allein 2003 einen Umsatz von 300 Millionen Dollar erwirtschaftet. Er gibt "Complex" heraus, eine Zeitschrift für Popkultur, die in einer Auflage von 300.000 Exemplaren erscheint. Hip-Hop-Künstler wie Chuck D. oder Filmemacher Spike Lee tragen seine Kleidung.
Dauergegner: Cops & Gangs
Zurzeit produziert er für Atari das Action-Adventure "Getting Up - Contents Under Pressure", dessen Release für September geplant ist. Die Geschichte des Spiels erinnert an "Jet Set Radio": Eine korrupte Polizei geht hart gegen Sprayer vor, die versuchen, mit ihren Tags ein Zeichen gegen die diktatorische Obrigkeit zu setzen, was durch den Kampf gegen verfeindete Gangs zusätzlich erschwert wird.
Grafisch aber hat "Getting Up" keine Gemeinsamkeiten mit dem poppigen Cel-Shading-Look des Sega-Klassikers. Optisch erinnert das Spiel an Titel wie "GTA III": Eine düstere, nach dem großen Vorbild New York modellierte Stadt bildet die Kulisse für die Sprühaktionen der Hauptfigur Trane.
Der harte Weg nach oben
"Beim Leveldesign hatten wir ein Ziel: Die Stadt sollte zu einer Landschaft werden, in der man gut navigieren kann", erklärt Ecko. "Vor allem in die Höhe soll es gehen." Eine Besonderheit ist das Fehlen von herkömmlichen Orientierungshilfen. Kein Radar soll den Bildschirm verunstalten, der Spieler dennoch nicht allein gelassen werden. Und so laufen auf Knopfdruck Linien über den Bildschirm, die die besten Orte für Sprayaktionen andeuten.
Wie man dahin kommt, bleibt aber dem Spieler überlassen. "Navigation ist eine Säule unseres Gameplays, die anderen drei sind Kampf, Stealth und Graffiti", so Ecko. Diese Elemente sollen auf den Großstadtdschungel abgestimmt werden. Denn Graffiti-Sprayer sind keine Soldaten.
Holzpfähle statt Feuerwaffen
Und so werden die Kämpfe eher Prügeleien sein, bei denen man vielleicht zu improvisierten Waffen wie Holzpfählen greifen kann; Schießeisen hingegen soll es im Spiel nicht geben. Auch das Schleichen wird keine militärische Übung sein, sagt der Produzent: "In einer Großstadt passieren eben andere Dinge, als dass Wachen ihre Runden drehen. Da geht eher ein Fenster auf, und jemand schaut heraus."
"Lifestyle Alarm" nennt Ecko das. Wer nicht auf eine sich öffnende Tür achtet, sich nicht schnell genug versteckt, wenn ein Hund bellt, hat die brutal agierende Polizei auf dem Hals und muss sie abschütteln.
Graffiti als Waffe
Doch der Schwerpunkt des Spiels ist das Malen von Graffiti - nur so erntet man Respekt und dehnt seinen Einflussbereich aus. Und das muss man, denn schließlich gilt es, den Bürgermeister der Stadt als korrupt zu entlarven. "Farbrollen und Spraydosen, das sind die Werkzeuge von Trane. Graffiti-Kunst ist seine Waffe."
Und die muss genutzt werden, um Zeichen zu setzen. Am besten ganz weit oben, an einem so genannten Himmelspunkt. "Der heißt nicht nur so, weil er fast im Himmel ist, sondern auch, weil man in den Himmel kommt, wenn man von dort runterfällt", grinst Ecko.
Nachgefragt bei Marc Ecko, Hip-Hop-Modeguru, Graffitikünstler und seit neuestem Spieleproduzent
» Warum machen Sie mit "Getting Up" ein Spiel über Graffitikultur?
Ich bin mit Graffiti aufgewachsen. Mir geht es vor allem darum, etwas über die Graffitikultur zu erzählen. Viele Menschen denken noch immer, dass es bei Graffiti hauptsächlich darum geht, Hauswände zu beschmieren, aber das trifft den Kern der Sache nicht einmal ansatzweise. Graffiti ist Kunst - die Kunst, gute Bilder zu sprayen, und die Kunst, an Orte zu gelangen, die man für unerreichbar hielt.
» Können Spieler eigene Graffiti ins Spiel einbauen?
Nein, wir haben darüber nachgedacht, das aber schnell wieder verworfen. Ich möchte den Spielern nicht nur eine Geschichte erzählen, sondern ihnen auch etwas über Graffiti erzählen, verschiedene Stile zeigen. Deshalb ist es wichtig, dass die Bilder im Spiel ästhetisch sind. Wir haben von 60 der weltweit angesehensten Künstler Graffiti erstellen lassen, die im Game gesprayt werden können. Eigene Bilder sehen einfach nicht so gut aus. Vor allem, wenn sie mit dem Gamepad gemalt werden.
» Graffiti und Hip-Hop-Kultur sind eng verwandt. Aus welches Songs wird der Soundtrack bestehen?
Dazu kann ich jetzt noch keine Details nennen, weil wir noch in Verhandlungen stehen. Nur so viel: Anders als beispielsweise bei "GTA: San Andreas" will ich keinen Soundtrack, der nur aus großen Namen besteht. Ich möchte Musik wie in Jim Jarmuschs Film "Ghost Dog". Es wird ein Soundtrack werden, der eigens für das Spiel komponiert wird. Und natürlich wird es Hip-Hop sein.
» Was halten Sie davon, mit Tony Hawk verglichen zu werden?
Da habe ich nichts dagegen. Tony Hawk hat viel für das Ansehen der Skater gemacht. Selbst, wenn man durch die Spiele nicht skaten gelernt hat, so hat man doch viel über die Kultur erfahren. Ich wäre stolz, wenn mein Spiel Ähnliches erreichen könnte. Mir macht es großen Spaß, "Getting Up" zu produzieren, und ich möchte nicht, dass es mein einziges Spiel bleibt.