Vom Topagenten zum Knastbruder
Im Frühling feiert Ubisofts populärster Spielcharakter seinen dritten Geburtstag und geht gleichzeitig zum vierten Mal auf geheime Mission.
Jahrelang stand Tom Clancy bei Ubisoft Pate für mehr oder weniger taktisches Ego-Shooter-Einerlei, das sich freudig aus dem naiven Schwarzweißuniversum des US-amerikanischen Politthriller-Autors bediente. Zwar waren auch beim 2003 veröffentlichten "Tom Clancy's Splinter Cell" die Fronten klar, doch gelang Ubisoft mit einem starken Hauptcharakter, einem pfiffigen Schleich- und Meuchelspielprinzip und ausgeklügelten Level-Design ein Meisterwerk und die Etablierung des jungen Genres der Stealth-Action.
In nicht einmal drei Jahren erschienen zwei Fortsetzungen, 12,5 Millionen "Splinter Cell"-Spiele wurden bis heute abgesetzt. Den Franzosen ist nur zu bewusst, dass man beim vierten Teil mit einigen Überraschungen aufwarten muss, um die Marke nicht auf der Höhe ihrer Popularität zu verheizen.
Auf der Flucht
Und tatsächlich: Obwohl am Grundprinzip der Reihe nicht gerüttelt wird, gelingt es der Ubi-Dependance aus Shanghai, Fans und Fachwelt bei einem ersten Blick auf Teil vier zu verblüffen. Zu Anfang des Spiels ist Sam Fisher nämlich nicht der hörige Befehlsempfänger und Hightech-Einzelkämpfer, sondern er sitzt als verurteilter Mörder hinter Gittern.
Natürlich hat der Knast-Aufenthalt einen tieferen Sinn und ein hehres Ziel: Sam ist kein NSA-Mitarbeiter mehr, sondern ein "Nonofficial-Cover-Agent" - ein geheimer Ermittler, der das Gesetz übertritt und dessen Tätigkeit von der Regierung geleugnet wird. Er sitzt ein, um das Vertrauen eines Mithäftlings zu gewinnen und mit diesem bei einer Revolte auszubrechen und sich von dessen Terrorzelle anheuern zu lassen.
Sams Seitenwechsel
Um seine Loyalität zu beweisen und letztlich den apokalyptischen Plan der Terroristen zu stoppen, muss Sam diverse Missionen auf Seiten der Bösewichter bestehen - was ihn nicht selten in eine moralische Zwickmühle bringt. Zwar bleibt es dem Spieler überlassen, ob er eine unschuldige Geisel vor den Augen seiner neuen Kameraden hinrichtet; zeigt er aber allzu oft Schwäche, werden die Terroristen misstrauisch.
Doch Sam kämpft nicht nur auf der falschen Seite: Einige Aufträge erledigt er auch für die CIA, wobei er wie gewohnt schwarz gekleidet durch den Schatten huscht und von seiner Multifunktionsbrille Gebrauch macht.
Weltenbummler
"Splinter Cell Double Agent" ist nicht nur durch die Doppelagententhematik abwechslungsreicher als die Vorgänger, auch die Kulissen für die Einsätze sind fantasiereich gewählt. So seilt sich der Agent am chinesischen Neujahrsfest in Shanghai von einem Wolkenkratzer ab, segelt mit dem Fallschirm über der Arktis, besucht Island und die mexikanische Ferieninsel Cozumel und kämpft sich durch die Straßen von Kinshasa, in denen ein brutaler Brügerkrieg tobt.
Technisch holt das Agentenabenteuer das Bestmögliche aus der jeweiligen Plattform heraus, am imposantesten ist naturgemäß die Xbox-360-Variante: Großer Speicher und dicke Prozessoren erlauben den Entwicklern die Gestaltung weitläufigerer Levels, zudem werden die Szenarien von mehr Charakteren bevölkert - bis zu 50 Leute gleichzeitig stürzen den Knast ins Chaos. Doch auch abseits von Next-Generation-Getöse hinterlässt "Splinter Cell Double Agent" die gute Hoffnung, dass Sam Fisher dank der Kreativität der Entwickler noch viele Dienstjahre vor sich hat.
Im Gespräch: der Co-Producer der Xbox-360-Version des kommenden "Splinter Cell"-Titels
» Aus welchem Grund sollten Spieler ein viertes Mal in die Rolle von Fisher schlüpfen?
Weil der vierte Teil ganz anders als seine Vorgänger ist und viele neue Ansätze und frische Inhalte bietet. Wir haben grundlegende Dinge in Frage gestellt und verändert: Am Anfang steht Sam ganz ohne seine Agentenausrüstung da, die drei Teile lang eine Hauptrolle spielte und enorm zur Popularität der Reihe beitrug. Wir gehen auch von dem Konzept des "guten Soldaten" weg, der alles tut, was man ihm befiehlt. Insgesamt verändern wir hier eine Multimillionen Dollar schwere Marke fundamental - es braucht eine mutige Firma, um so etwas zu tun.
» Was sind die größten Unterschiede zwischen "Splinter Cell Double Agent" für Xbox 360 und den Versionen für die aktuellen Konsolen?
Eins vorweg: Wir "Splinter Cell"-Entwickler können uns wirklich glücklich schätzen - Ubisoft ist eine Firma, die richtig viel Geld in neue Technologie investiert. Andere Hersteller portieren ihre PC- oder Xbox-Versionen auf die Xbox 360, um sich in der Startphase ein Stück vom Kuchen zu sichern. Ubisoft hatte und hat dagegen das Talent, um den Launch einer neuen Konsole herum mit sehr guter neuer und maßgeschneiderter Technologie aufzuwarten.
Für die Xbox-360-Version von "Splinter Cell Double Agent" bedeutet das: Im Vergleich zu PS2, GameCube oder Xbox wird es weitläufigere, detailliertere Szenarien geben, die Anzahl an NPCs wird erheblich höher sein und natürlich werden jede Menge Spezialeffekte für eine unvergleichliche Optik sorgen. Die Spielerfahrung an sich bleibt allerdings die gleiche.
» Welche Version halten Sie für die gelungenste?
Ich bin ja selbst eingefleischter Spieler und deshalb würde ich mir natürlich die Version für die neueste Konsole holen, also die Xbox 360. Das soll aber nicht heißen, dass wir die anderen Systeme vernachlässigen. Durch verschiedene Teams schneidern wir das neue "Splinter Cell" jeder Plattform auf den Leib und holen das Beste aus dem jeweiligen System raus.