Der größte Internetanbieter AOL und Medienriese Time Warner fusionieren - mit weit reichenden Konsequenzen. Die bisherige Grenzziehung zwischen Internet und anderen Medieninhalten wird verschwinden.

Die geplante Fusion der US-Unternehmen soll durch einen Aktientausch über die Bühne gehen: Künftig hält AOL 55 Prozent an dem neuen Unternehmen. Der Börsenwert des Internetanbieters beträgt 165 Milliarden Dollar, Time Warner wird auf 83 Milliarden Dollar geschätzt. Die Anteilseigner erhalten für jedes Papier 1,5 Aktien des neuen Unternehmens. Gleichzeitig übernimmt AOL knapp 18 Milliarden Dollar Schulden von Time Warner. Mit der Fusion erhält AOL Zugriff auf die Inhalte von Time Warner wie den Nachrichten des TV-Senders CNN, gleichzeitig kann der Medienkonzern sein Internetangebot mit Hilfe von AOL kräftig ausbauen.

Auch für die Gamesbranche hat der Zusammenschluss Folgen: Erst im Dezember des abgelaufenen Jahres hatte Electronic Arts ein Partnerschaftsabkommen mit AOL geschlossen, wonach EA für alle Spieleinhalte des Onlinedienstes und seiner Brands, wie CompuServe und Netcenter, exklusiv verantwortlich zeichnen wird. Die Börse reagierte beflügelt auf die Fusionspläne, die Kurse europäischer und US-amerikanischer Medienunternehmen legten zu. Gleichzeitig regte sich aber auch massiver Widerstand. Die IG Medien kritisierte, die Verschmelzung stelle "einen bedenklichen Entwicklungssprung auf der Eskalationsleiter der Megafusioner dar". Die Trennung von Netzbetreibern und Inhaltsproduzenten sei damit endgültig aufgehoben. IG Medien-Sprecher Heinrich Bleicher-Nagelsmann: "Die Aufhebung der Netzneutralität ist eine kaum zu unterschätzende Gefahr für die unabhängige Herstellung und Verbreitung von Nachrichten und Medienprodukten." In einem TV-Interview sagte der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV), Prof. Siegfried Weischenberg: "Bei einem solchen Koloss sind journalistische Arbeitsplätze und die publizistische Freiheit in Gefahr."

Zusätzliche Brisanz erhält der Deal durch die Tatsache, dass ausgerechnet Time Warner-Konkurrent Bertelsmann europäischer Partner von AOL ist. Unternehmensberater Thomas Lützenrath im Gespräch mit "Spiegel Online": "Da entsteht ein neuer, mächtiger Konkurrent im eigenen Lager. Das beißt sich. Kurz- oder mittelfristig wird hier etwas geschehen." Die US-Kartellbehörden werden nach Ansicht von Beobachtern der Fusion wohl zustimmen, da beide Firmen in verschiedenen Märkten tätig sind; die EU will die Gefahr eines Monopols prüfen. Daneben hat AOL-Aktionär Gersh Korsinky beim New Yorker Staatsgericht Klage gegen den Zusammenschluss eingereicht. Seiner Ansicht nach könnten die Anteilseigner nach der Fusion nicht mehr angemessen Einfluss auf die Entwicklung von AOL nehmen.

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