Auswirkungen der Terrorattacken auf Spielebranche
Trauer und Entsetzen lähmen die Unterhaltungsbranche nach den Terroranschlägen in New York und Washington. Filmstarts und Spieleveröffentlichungen wurden verschoben. Ans Tagesgeschäft ist kaum zu denken.
Die unvorstellbaren Ereignisse in New York und Washington D.C. vom 11. September haben Menschen gleich welcher Nationalität zutiefst geschockt. Weltweit wurde und wird der Opfer der grausamen Terroranschläge gedacht. Der Terror, der Amerika ins Herz getroffen hat und von CNN bis ins Mark aller westlichen Nationen getragen wurde, verändert die Welt.
"Im Augendblick sind wohl fast alle Menschen auf der Welt schockiert über die Ereignisse in New York. Viele Mitarbeiter haben Kollegen, die in New York arbeiten, und sind zur Zeit kaum fähig, dem normalen Tagesgeschäft nachzugehen", drückt Manfred Gerdes, Geschäftsführer von Sony Computer Entertainment Deutschland, aus, was derzeit wohl für uns alle gilt: An eine Rückkehr zur Normalität ist kaum zu denken. Zu tief sitzt der Schock, zu groß ist die Angst vor dem, was nicht nur der westlichen Zivilisation jetzt bevorsteht. Es geht nicht nur um den ersten Krieg des 21. Jahrhunderts, wie US-Präsident George W. Bush die bevorstehenden Vergeltungsschläge bezeichnete, die schon vor dem Abschuss der ersten Rakete tausende unschuldige und vom Krieg völlig verarmte Afghanen zur Flucht aus dem eigenen Land veranlasste. So entsteht in Deutschland und allen übrigen westlichen "zivilisierten" Staaten eine antiislamische Stimmung, die psychologischem Terror gegen friedlebende Mitbürger gleichkommt.
Es fällt schwer, bei einer derartig beängstigenden Entwicklung auf der Welt die Belange einer Industrie im Auge zu behalten, in der es um Unterhaltung und Spaß geht. Noch dazu, weil sich diese Industrie nur allzu gern Themen wie Krieg und Terror bedient. Zu ihrer Verteidigung: Es wird produziert, was sich verkauft. Und es verkauft sich nur, was dem Publikum gefällt. Mit Beifall wurde Roland Emmerichs "Independence Day" bedacht, weil doch die Spezialeffekte - die Zerstörung von New York, Washington D.C. und Los Angeles durch Aliens - technisch so "gelungen" waren.
"Zurückhaltung bei sensiblen Spielen"
"Zu real für Hollywood" lautete nun die Überschrift eines Artikels, den die SZ am 17. September im Zusammenhang mit den Terroranschlägen veröffentlichte. "Wer würde sich jetzt noch wohl dabei fühlen, einen Film zu drehen mit Geiselnahmen oder explodierenden großen Gebäuden",zitiert der Autor Filmproduzent Mark Johnson ("Good Morning, Vietnam"). Johnson spricht aus, was in Hollywood längst Widerhall fand. Nahezu alle Studios wurden schon am Tag des Anschlags geschlossen. Filme, deren Story sich um New York oder Terroristen drehen, wurden verschoben, entsprechende Werbekampagnen gestoppt.
Ähnlich reagierte auch die Spielebranche. Electronic Arts stellte umgehend "Majestic" ein. Bei dem Onlinespiel werden User per Mail aber auch per Fax und Telefon kontaktiert. Dabei erhalten sie nicht nur Aufgaben und Hinweise. Am Telefon sind auch Schreie und verzweifelte Spielcharaktere zu hören, die von Schauspielern gestellt wurden. Einer Prüfung unterzogen werden außerdem ein "Duke Nukem"-Spiel und Konamis "Metal Gear Solid 2". Beide Titel spielen zumindest zum Teil in New York. Microsoft schließlich hat sich entschlossen, das World Trade Center aus dem Titel "Flight Simulator 2002" herauszunehmen. Man wolle keine Abbildungen in dem Titel haben, die schmerzliche Erinnerungen auslösen könnten.
Zu unbestimmten Releaseverschiebungen kam es auch in Deutschland. U. a. betrifft das "Plane Crazy" (rondomedia) und "World War III" (JoWooD). "Wir begrüßen die selbst auferlegte Zurückhaltung einzelner Lieferanten bei sensiblen Produkten", plädiert Efthimios Sidiropoulos, Produktgruppen Manager von McMedia, für Einfühlungsvermögen auf allen Seiten. Wie viele andere, mit denen die Redaktion in den vergangenen Tagen telefonierte, ist auch Sidiropoulos erschüttert und geschockt ob der Ereignisse in den USA. Der einzige Hoffnungsschimmer, der nach dieser Tragödie bleibt, ist die beispiellose Solidarität aller.
Viele Firmen, darunter auch Microsoft und Bertelsmann, spendeten Millionenbeträge. Mit Lichterketten, Gedenkgottesdiensten und Gebeten versuchen die Menschen auf der ganzen Welt die Ereignisse zu verarbeiten und ihre Anteilnahme auszudrücken. Das Mitgefühl mit Opfern, deren Angehörigen und den selbstlosen Helfern zum Ausdruck zu bringen ist schließlich wichtiger als die möglichen Einflüsse auf das Unterhaltungsgeschäft. Zumal sich diese heute noch nicht abschätzen lassen. Eine Tendenz, welche Auswirkungen neben den psychologischen zu verkraften sind, werde sich eher erst im Lauf der nächsten Wochen erahnen lassen, sagt Manfred Gerdes. "Alle monetären Auswirkungen haben sicherlich nicht die Prioritätsstufe wie das entstandene menschliche Leid."