Die Welt spricht von Dreamcast und PlayStation2. Die Ära Nintendos als führendes Unternehmen der Videospieleindustrie ist aber noch lange nicht vorbei. Dies hat nicht nur die Pokémon-Euphorie bewiesen. Entertainment Markt sprach mit Axel Herr, Managing Director Sales/Marketing, über die Firmenentwicklung im strategisch wichtigen Jahr 2000.

Entertainment Markt: Wie sieht die bisherige Bilanz von "Pokémon" aus?

Axel Herr: In Japan ist "Pokémon" ein Phänomen mit 15 Mio. verkauften Units seit der Markteinführung. In den USA liegen wir bei 13 Mio. verkauften Units, in Europa sind seit dem Start im Oktober "99 mehr als zwei Mio. Spiele verkauft worden. Bis Ende "99 lag die Zahl für Deutschland bei 800.000 verkauften Units. Alles in allem wurden weltweit rund 30 Mio. Spiele verkauft. "Pokémon" ist das erfolgreichste Videospielprodukt aller Zeiten. Und das im zehnten Jahr des Game Boy!

EM: Wie geht es mit "Pokémon" weiter?

Axel Herr: "Pokémon" ist das Thema für 2000. Das Produkt hat sich in sehr kurzer Zeit sensationell verkauft, die Jugend ist begeistert, und diesen Trend werden wir jetzt begleiten. Im Sommer erscheint eine "Gelbe Edition", im Herbst der Titel "Pokémon: Pinball". Anfang April - Stichtag wird voraussichtlich der 9. April sein - werden wir mit "Pokémon Stadium" den Erfolg auch auf die N64-Hardware ziehen. Darüber hinaus werden wir durch verschiedene Crosspromotions und Kooperationen auch die "Rote Edition" und die "Blaue Edition" weiter pushen. Das Hauptereignis wird zweifelsfrei der Deutschlandstart des "Pokémon-Films am 13. April. Der Kinofilm wird in 600 Erstaufführungstheatern ausgestrahlt und ebenfalls von einer Reihe von Aktionen begleitet. Wir planen beispielsweise eine Promotion unter dem Motto "Vom Kino in den Handel und vom Handel in die Kinos". Wir werden Filmplakate im Handel positionieren und sind umgekehrt mit Sonderflächen zum Start bundesweit in den Kinos präsent. Wir visieren dabei rund 300 Kinos, davon 50 große Multiplex-Kinos, an.

EM: Hat sich Nintendos Marktposition im vergangenen Jahr verändert?

Axel Herr: Nein. Uns wird häufig die Frage gestellt, wie wir die Marktführerschaft wiedererlangen wollen. Dies ist unserer Meinung nach ein Beispiel für die oft falsche Charakterisierung des Markts. Es gibt zwar zwei Elemente im Videospielemarkt: das portable und das TV-gebundene Videospiel. Allerdings sehen wir den Markt geschlossen, als einen Markt. Nicht zuletzt, weil auch der Preisunterschied beider Sparten immer geringer wird. Den Markt als Einheit betrachtet, waren und sind wir nach wie vor Marktführer. Unser Marktanteil liegt im Bereich Department Store/Mailorder bei deutlich über 60 Prozent. Im Bereich Hypermarket/Cash&Carry liegen wir über 70, teilweise auch über 80 Prozent. Das einzige Segment, in dem wir mit Anteilen um die 40 Prozent arbeiten, ist der Bereich Electronic Retailing, d. h., die Media Markt/Saturn-Schiene. Das liegt aber in der Natur der Sache.

EM: Welche Neuigkeiten gibt es zum Thema "Dolphin"?

Axel Herr: Nintendo hat sich dem Videospiel verschrieben. Unsere Strategie ist klar ausgerichtet: Wir wollen den Konsumenten nicht durch zusätzliche Features vom Wesentlichen, dem Spielen, abbringen. Inwiefern eine Funktionalität im Bereich Connectivity angeboten wird, werden wir zu einem späteren Zeitpunkt beantworten. Zum Thema Preis: Angesichts der gebotenen Technologie halten wir den avisierten Verkaufspreis des Mitbewerbers für nachvollziehbar. Wir glauben aber nicht, dass der Preis massenmarktfähig ist. Wir werden preiswerter, unsere Technologie besser sein. Wir haben ein gewisses Selbstbewusstsein und keinen Anlass, zu schnell nach vorn zu gehen.

EM: Wie groß ist die Unterstützung durch Drittanbieter?

Axel Herr: Wir werden da oftmals unterschätzt. In dem Zusammenhang sind die so genannten Development-Kits oft ein Thema. Wir wurden gefragt, warum die Entwickler noch keine haben. Aber warum brauchen Entwickler Development-Kits? Weil es sich um sehr proprietäre Hardware handelt, die speziell zu codieren und deshalb auch nur auf speziellen Systemen zu entwickeln ist. Vielleicht ist die Entwicklungsumgebung eines Dolphin derartig, dass Produkte hervorragend auf Basis einer Unix-Station entwickelt werden können. Und vielleicht tritt deshalb auch die Frage nach dem finalen Development-Kit in den Hintergrund?

EM: Wäre es nicht von Vorteil, wenn Nintendo Flagge zeigte?

Axel Herr: Wir zeigen Flagge, indem wir vorhandene Technologie in einem interessanten Massenmarkt weiterhin vermarkten. Wir haben das größte Software-Line-up für die N64, das es je für unsere TV-gebundene Konsole gab. An unserem Stand in Nürnberg präsentierten sich auch eine Reihe namhafter Third-Party-Publisher mit ihren Produkten. Auch da zeigen wir Flagge. Außerdem ist es nicht Stil unseres Hauses, ein Dreiviertel Jahr vor Einführung Bilder eines Produkts zu zeigen, während wir gerade in der hochgradigen Vermarktungsphase - in unserem Falle beim Ende des Lebenszyklus - angelangt sind. Der Handel würde sich zurückziehen. Es ist abzuwarten, wie sich die Ankündigungen anderer Marktteilnehmer auf die generelle Handelsneigung auswirken. In der Zielgruppe wird eindeutig ab Jahresmitte eine Sättigungstendenz erreicht werden, und die Wartezyklen werden einsetzen. Wir werden mit Dolphin kommen, und wir werden auch Stellung beziehen. Frühestens dürfen Sie dies aber zur E3 erwarten. Es ist anzunehmen, dass dort das Produkt live gezeigt wird. Live, und nicht mit Hilfe von Emulationen, die 15 Kubikmeter vom Messestand benötigen, um einen Plasmabildschirm anzutreiben.

EM: Wie beurteilen Sie die Möglichkeit, mit einer Konsole DVD-Videos abzuspielen?

Axel Herr: Technologisch verfügen wir über diese Möglichkeit, wir halten es uns aber offen. Das ist jetzt keine Aussage pro oder contra DVD, aber unsere Zielrichtung ist derzeit, eine reine Gamesmaschine auf den Markt zu bringen. Dieses Feature ist unter Umständen zu begrüßen, aber stellen Sie sich einmal selbst die Frage nach dem Kundennutzen. Will ich DVDs nur abspielen, oder will ich ein Gerät mit allen gewohnten Zusatzfunktionen wie Display und Fernbedienung? Will ich einen DVD-Player dort stehen haben, wo mein Videorekorder steht? Ich beantworte diese Fragen mit Ja und würde mir deshalb ein separates Gerät kaufen. Die Frage für uns lautet also, ob ich meine Technologie und meine Preisgestaltung mit diesem einen Zusatzfeature belasten will oder nicht. Andere Unternehmen haben dies bereits beantwortet. Wir überlegen noch und werden die Entwicklungen beobachten.

EM: Sie waren jahrelang "Aktivist" im VUD. Wird Nintendo nun dem Branchenverband beitreten?

Axel Herr: Nintendo hat eine sehr starke Philosophie der Unabhängigkeit. Man will sich nicht binden. Das ist ein Prozess, der derzeit intern im Rahmen der allgemeinen Öffnung zu den Märkten überdacht wird. Es gibt Gespräche mit dem Verband, und der VUD würde uns gern als Mitglied begrüßen. Die Ergebnisse der Gespräche müssen noch abgewartet werden. Was wir sehr begrüßen, und wofür wir uns beim Verband bedanken möchten, ist, dass der Verband auf Grund der sehr guten Absatzzahlen beschlossen hat, unsere Produkte mit den Gold- und Platin-Awards auszuzeichnen, eine Auszeichnung, die oft nur den Mitgliedern des Verbands vorbehalten war.

EM: Wie steht Nintendo zur USK?

Axel Herr: Wir begrüßen natürlich die USK. Primär ist aber für Nintendo wichtig, Sicherheit zu erlangen. Wir sind ein familienorientiertes Unternehmen, beschäftigen in dieser Hinsicht sehr viele Mitarbeiter und haben einen eigenen, sehr hohen Maßstab für unsere Produkte. Die USK kann uns derzeit keine Rechtssicherheit bieten. So lange die Gefahr besteht, dass sich Jugendschutzbehörden trotz einer USK-Prüfung einschalten, macht die USK für uns keinen Sinn. In diesem Zusammenhang interessiert es Sie vielleicht, dass sich Nintendo jüngst wieder entschlossen hat, einen potenziellen Megaseller in Deutschland nicht zu veröffentlichen. Wir halten das Produkt generell zwar für vertretbar. Aber Nintendo will und wird der höheren Sensibilität in Deutschland Rechnung tragen. Wir haben hier eine weitergehende Verantwortung. Unserer Aktionen reflektieren nicht nur auf die Firma, sondern auch auf den Markt, den wir repräsentieren, den Videospielmarkt. Unser Verantwortungsgefühl besteht damit auch zum Wohl unserer Lizenznehmer.

EM: Wird Nintendo, wie auch Sony Computer Entertainment, Soft- und Hardware im Internet direkt verkaufen?

Axel Herr: Das finden wir eine ganz hervorragende Idee von unserem Wettbewerber, und wir wünschen ihm viel Glück dabei. Über unseren Stand in Nürnberg hatten wir aber ganz groß geschrieben: "Nintendo denkt Handel". Die Art und Weise, wie wir im und mit dem Handel vermarkten, ist einzigartig. Das ist Bestandteil einer langfristigen Planung und eines langfristigen Investments. Wir wollen dies nicht gefährden, indem wir auf einen augenblicklich populären Zug aufspringen. Wir glauben nicht, dass in unserem Zielgruppenumfeld das haptische Erleben von heute auf morgen wegfallen wird. Zum Anderen sind wir der Meinung, dass der Handel Loyalität verdient. Jetzt, gerade jetzt in der Internetzeit, braucht der Handel Loyalität. Weil er sich um seine Positionierung in den kommenden Jahren Sorgen macht. E-Commerce an sich betreiben wir natürlich schon. Allerdings auf der Business-to-Business-Ebene. Wir werden unseren Partnern demnächst Tools zur Verfügung stellen, um direkt mit uns zu kommunizieren. Weiterhin werden wir nur diejenigen Retailer beim konsumerorientierten E-Commerce unterstützen, die selber auch im Handel oder bereits im klassischen Mailordergeschäft aktiv sind.

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