E3-Resümee: Online ist Thema Nummer eins
Vom 11. bis 13. Mai fand in Los Angeles die sechste Electronic Entertainment Expo (E3) statt. Auch in diesem Jahr erwies sich das Mekka der Spieleindustrie als Get-together, bei dem Trends gesetzt werden. Vor allem am Thema Internet und Online-Gaming scheint niemand mehr vorbeizukommen.
"Bigger and better" - so lautet das einhellige Motto aller Publisher, die auf der E3 in Los Angeles ausstellen. Auch in diesem Jahr wurde die Messe ihrem Ruf als größte und bedeutendste Spielemesse der westlichen Hemisphäre gerecht. Laut der Interactive Digital Software Association (IDSA), US-Branchenverband und Veranstalter der E3, wurden insgesamt 62.000 Besucher aus aller Herren Länder gezählt. Im vergangenen Jahr waren es mehr als 55.000. Annähernd 430 Aussteller erfüllten das Los Angeles Convention Center mit zum Teil dezibelstarkem Leben.
Zum Auftakt der E3 sprach in diesem Jahr Bob Pittman, COO von America Online, die seit wenigen Monaten im Spielebereich mit Electronic Arts alliiert sind. Pittman thematisierte in seiner Rede vor allem Online-Gaming. Welchen Stellenwert das Spielen über das weltweite Netz für die Branche hat, zeigte sich zum einen an den drei anschließenden Messetagen: Auf der Messe war kaum ein Stand zu finden, an dem keine ".com"-Adresse in großem Umfang beworben wurde. Doch auch schon IDSA-Präsident Doug Lowenstein, der traditionell zum Auftakt ein "Briefing" mit den Medienvertretern hatte, ging auf das Thema ein. Seinen Angaben zufolge erwirtschafteten die US-amerikanischen Spielepublisher in '99 einen Umsatz von rund 500 Mio. Dollar mit Online-Games. Zusammen mit den 6,1 Mrd. Dollar Umsatz aus dem Verkauf von Spielen in den USA könne sich die Industrie inzwischen mit der Kinoindustrie vergleichen. Diese habe '99 ein Boxoffice von rund 7,3 Mrd. Dollar verzeichnet. Eher früher als später werde der Umsatz der Spieleindustrie die Boxoffice-Zahlen der Kinobranche übersteigen, so Lowenstein: "Vielleicht wäre es bereits jetzt soweit, wenn die aufgehört hätten, ihre Ticketpreise zu erhöhen, während wir die Verkaufspreise senken." Als dritte Umsatzgröße, die Lowenstein nicht in den Vergleich einbezog, kommen die Erlöse aus dem Verleihgeschäft mit Spielen hinzu. Im Unterschied zu Deutschland, wo der Verleih eine untergeordnete Rolle spielt, wurden in den USA 880 Mio. Dollar mit dem Verleih von Computer- und Videospielen umgesetzt.
Auf der Messe selbst ließen die Publisher keinen Zweifel an der Bedeutung der gesamten Branche. Aus überdimensionalen Messeständen dröhnten Spieletrailer, während Menschenmassen von Abspielstation zu Abspielstation pilgerten - ständig auf der Suche nach dem Überflieger der Show. Zu finden war dieser aber nicht unter den zahlreichen spielbaren Demos. Statt dessen war das Highlight im Stundentakt auf einer Großleinwand zu bestaunen. Zusammengeschnitten aus Spielgrafiken präsentierte Konami ein mehrminütiges, cineastisch anmutendes Video von "Metal Gear Solid 2". Allerdings in Sachen zu erwartende Umsätze Geduld gefragt. Der voraussichtliche PlayStation2-Blockbuster wird frühestens im Herbst 2001 in den Handelsregalen stehen. Die Masse an PlayStation2-Titeln, die an so gut wie jedem Stand eines der zentralen Themen waren, konnte die hohen Erwartungen nicht ganz erfüllen.
Highlight der E3: "Metal Gear Solid 2 "
Man habe einen größeren Abstand zwischen den PS2-Produkten der ersten und den Dreamcast-Produkten der zweiten Generation erwartet, so der Tenor in den Gängen des Convention Center. Nichtsdestoweniger war PlayStation2 auf der Hardwareseite das bestimmende Gesprächsthema der E3. Schließlich nannte Sony Computer Entertainment (SCE) - wie zu erwarten war - weitere Details zum US- und Europastart. Als Termin wurde der 26. Oktober genannt. Allerdings wird die Konsole in Europa in bester Sony-Tradition erst am Freitag, den 27. Oktober, in den Handel kommen. Neu ist, dass sich die amerikanische und europäische PlayStation2 von der japanischen in einigen Punkten unterscheiden wird. So wird es einen "Bell Unit Slot" für eine Harddisc geben.
PlayStation-Hype voll entfaltet
Auch wird die für das Abspielen von DVDs notwendige Treibersoftware integriert sein und nicht, wie in Japan, auf einer Extra-Memory-Card mitgeliefert. Der große Vorteil ist, dass auf diese Weise eine Manipulation des DVD-Ländercodes nicht mehr möglich sein soll. In puncto Preis gibt es auch aus Los Angeles nichts Neues zu berichten. "Aufgrund der Wechselkursschwankungen zwischen Yen und Euro werden wir allerdings erst im letzten Moment entscheiden, zu welchem Preis wir die Hardware fair positionieren können", sagte SCE Deutschland-Chef Manfred Gerdes.
Was die Konkurrenz von SCE betrifft, so hielt diese sich auf der E3 etwas unerwartet zurück. So war bei Nintendo eigentlich die neue TV-basierte Konsole Dolphin noch kein Thema. Und auch der Game Boy Advanced fiel nur durch die Releaseverschiebung auf 2001 auf. Als Grund für die Verschiebung wurde der derzeit hervorragende Abverkauf des Game Boy Color genannt. Auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht, als wolle Nintendo nur das Geschäft mit dem Game Boy Color noch mitnehmen, dürften auch andere Gründe wesentlich zu der Verschiebung beigetragen haben. Durch die hohe Nachfrage nach Game Boy Color sind die Produktionskapazitäten ausgelastet. Hinzu kommt, dass dank Handy-Boom momentan weltweit LCD-Displays Mangelware sind. Nintendo konzentrierte sich jedenfalls auf der E3 auf sein starkes Line-Up an N64-Spielen sowie auf den Umsatzbringer Pokémon. Mit Spannung erwartet wurde auch der Auftritt von Microsoft. Der Softwareriese hat aber nicht mit aller Konsequenz versucht, die Aufmerksamkeit der Messebesucher auf die X-Box zu ziehen. Die vorbereiteten Grafik- und Sound-Demonstrationen unterschieden sich nur geringfügig von denen der Erstvorstellung in Tokio, London und San Francisco am 10. März. Microsofts Zurückhaltung war allerdings verständlich, da der Startschuss für die X-Box nicht vor Herbst 2001 erfolgen soll. Bleibt, last but not least, Sega. Von allen Seiten - mit Ausnahme von Electronic Arts - hatten sich die Publisher einen größeren Erfolg von Dreamcast erhofft. Dennoch vermittelte die E3 den Eindruck, dass die Produktunterstützung der Third-Parties ungebrochen ist. Nicht ohne Sorge wurde aber festgestellt, dass aus Europa nur ein kleiner Teil des Sega-Managements auf der E3 war. Während die Messe in Los Angeles noch in vollem Gange war, wurde in Europa an der Online-Strategie gefeilt. Als erste Maßnahme, Online-Gaming mit Dreamcast in Europa deutlich voranzubringen, wird der Titel "ChuChu Rocket!" kostenlos abgeben. Weitere Maßnahmen sollen folgen.
Auch wenn teilweise die ein oder andere Sensation mehr begrüßenswert gewesen wäre, war die Messe auch in ihrem sechsten Jahr ein voller Erfolg. Dies stellte auch Doug Lowenstein fest: "Die herausragenden neuen Spiele und Computer- sowie Konsolentechnologien, die auf der E3 2000 präsentiert wurden, sind wahrlich die Zukunft des Entertainment", kommentierte der IDSA-Chef die Show, nachdem die Pforten der Spielewelten geschlossen wurden.