ECTS: Kein Glamour an der Themse
Wenige Besucher für noch weniger Aussteller... Die ECTS 2001 glänzte vor allem durch Ruhe in der Messehalle. Die Veranstalter werden sich für 2002 etwas einfallen lassen müssen, sonst verliert der einstige Pflichttermin jegliche Anziehungskraft - zumindest für deutsche Publisher.
Ein technokratischer Stahl-Glas-Betonbau in ansprechendem Design empfing die Besucher der diesjährigen ECTS. Freundlich, groß, übersichtlich und nicht so stickig wie die Hallen in Olympia - so lässt sich der Neubau in den Londoner Docklands am besten charakterisieren. Auch die Verkehrsanbindung klappte meistens reibungslos.
Am ExCel-Messecenter hat die insgesamt negative Stimmung der Messe also nicht gelegen. Vielmehr hat das Fernbleiben zahlreicher Global Majors der ECTS stark zugesetzt. Daran änderte sich auch nichts, als sich Infogrames kurz vor Veranstaltungsbeginn doch noch zu den anwesenden Firmen gesellte. Infogrames mietete keinen Stand, sondern ausschließlich Besprechungskabinen. Folglich war Ubi Soft dann der einzige Vertreter der internationalen Topriege, der sich auf angemessener Fläche darstellte.
Die mangelnde Vielfalt veranlasste wohl viele Branchenvertreter, der Messe fernzubleiben. Offizielle Besucherzahlen vom Veranstalter gibt es noch nicht. Aber es war schon mit bloßem Auge zu erkennen, dass es keinen neuen Besucherrekord geben wird. Vor allem am letzten Veranstaltungstag war in den Messegängen nicht nur gut durchkommen, es herrschte auch eine fast schon gespenstische Ruhe.
Dementsprechend war auch die Stimmung bei Ausstellern und Besuchern. Von Schnelllebigkeit der Gamesbranche war nichts zu spüren; echte Neuheiten waren faktisch kaum vorhanden. Dass ein Game Boy Advance-Spiel ("Denki Blocks") zum plattformübergreifenden Messehighlight gewählt wurde, freut zwar Rage. Es spiegelt aber auch nicht wider, dass mit Xbox und GameCube zwei neue Konsolen erwartet werden und die PlayStation 2-Spiele in die zweite Generation gehen.
Ein kompletter Reinfall war die ECTS aber dann doch nicht. Im Gegenteil: Die ausstellenden Firmen hatten die konzentrierte Aufmerksamkeit der Besucher. Und die Ruhe verlieh Geschäftsgesprächen eine entspannte Atmosphäre. Dies kam den wenigen Messeneuheiten zugute. So avancierte beispielsweise die von Phenomedia präsentierte Game Engine "Codecreatures" dank ihrer technischen Features und des gestaffelten Preismodells zu einem Highlight der Messe.
Auch wenn sich das Engagement für viele Firmen am Ende doch gelohnt hat, bleibt die Frage offen, ob die Branche neben der E3 in Los Angeles überhaupt eine weitere Veranstaltung in der westlichen Hemisphäre braucht. Zu abhängig sind Erfolg und Misserfolg einer Messe vom Auftritt einiger weniger Firmen. Bleiben die großen Hard- und Softwarehersteller der ECTS auch im nächsten Jahr fern, lohnt es wohl für kaum jemanden, nach London zu reisen.
Für die ehrgeizigen Pläne der Games Convention bedeutet der Verlauf der diesjährigen ECTS Chance und Warnschuss zugleich. Kommen 2002 tatsächlich alle VUD-Mitglieder nach Leipzig, könnte sich auch der Fokus der paneuropäischen Spielebranche von England nach Deutschland verlegen. Ändern die Publisher jedoch ihre Meinung, dann rentiert sich auch im nächsten Jahr allenfalls ein Besuch auf der glamourösen E3.