Im Gespräch: Eckhard Südmersen, GF bol.de
Der Internethändler bol.de gehört zu den beliebtesten Shoppingadressen der Deutschen. Über die Positionierung der Bertelsmann-Tochter und die Entwicklung einzelner Warenzweige sprach DVD&VideoReport mit Geschäftsführer Eckhard Südmersen.
DVD&Video-Report: Nach Angaben der GfK ist Kundenbindung eine der Stärken von BOL. Woran liegt das?
Eckhard Südmersen: BOL ist und war schon immer mehr als ein reiner Distributor. Wir verkaufen nicht nur Medien, sondern sprechen die Nutzer auch direkt an. So liefern wir unseren Kunden beispielsweise Informationen, die unterhaltsam sind und ihnen beim Kauf eines Produkts helfen. Dadurch erreichen wir von vornherein eine längerfristige Kundenbindung.
D&V: Welche Aktionen bietet bol.de beispielsweise im Bereich DVD/ Video?
ES: Auf unseren Internetseiten kann man vorab Trailer der Filme sehen, die wir auf DVD anbieten. Eine eigene Redaktion gestaltet zudem Themenwelten, die interessante und manchmal auch exklusive Blicke hinter die Kulissen des Showbusiness ermöglichen. Somit sind wir auch eine Art Marktplatz, wo man die Produkte kauft, sich aber auch darüber austauschen kann.
D&V: Das beeinflusst sicher die Zahl der Visits. Wie viele verzeichnet bol.de pro Monat?
ES: Darüber kann ich leider keine detaillierte Auskunft geben.
D&V: Wie haben sich die Visits seit dem Start von bol.de vor zwei Jahren entwickelt?
ES: Viel wichtiger als Visits oder Page Impressions sind für uns selbstverständlich die Abverkäufe. Aber natürlich führen wir im Onlinebereich über Werbeschaltung Leute zu unserer Site - derzeit liegt das Volumen bei über einer Milliarde -, die dann, wenn die Banner angeklickt werden, als Visits gezählt werden. D&V: Wie viele Stammkunden hat bol.de, und wie viel Geld geben sie durchschnittlich pro Besuch aus?
ES: In den ersten Monaten nach dem Start des Geschäfts konnten wir das nicht erfassen. Damals war die Anzahl der Neukunden natürlich immens hoch. Danach ging es darum, die Kunden, die uns mehrfach besucht haben, gezielt anzusprechen. Das heißt, wir bieten ihnen neben Inhalten vernünftige Preise für Produkte und Zusatzleistungen wie Webmiles, so genannte elektronische Rabattmarken zum Sammeln. Über die genaue Zahl der Stammkunden können wir keine Angaben machen. Durchschnittlich geben unsere Kunden 60 Mark pro Einkauf aus.
D&V: Seit einem Jahr haben Sie DVDs und Videos im Programm. Wie entwickelt sich dieses Segment?
ES: Im Vergleich zu allen anderen Produktgruppen hat sich dieser Bereich am rasantesten entwickelt. Wir sind damit zu einer Zeit gestartet, als der Run auf DVDs begonnen hat. Damals gab es bei den Kunden in puncto DVDs einen erheblichen Nachholbedarf. Die User haben ihre Bibliothek auf DVDs umgestellt und in hohem Maße Produkte gekauft. Marktstudien ha-ben belegt, dass sich Besitzer von DVD-Playern in den ersten zwölf Monaten nach dem Erwerb des Geräts durchschnittlich 15 DVDs gekauft haben.
D&V: In welchen Ländern ist bol.de mit den Angeboten DVD und Video vertreten?
ES: Die Angebote gibt es in Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden.
D&V: Was plant BOL für diese Bereiche in den nächsten Monaten?
ES: Unsere Philosophie ist, die gesamte Backlist anzubieten. Wir wollen ein breites Produktsortiment rechtzeitig zur Verfügung stellen. Zudem planen wir Preisaktionen für Spitzentitel.
D&V: Wie wollen Sie sich dabei gegenüber Mitbewerbern wie Amazon profilieren?
ES: Unser Schwerpunkt liegt ganz klar auf den Zusatzinformationen zu einzelnen Produkten. Wir verstehen uns dabei als Ast des Medienhauses Bertelsmann, der in diesen zusätzlichen, wertvollen Dienstleistungen seine Kompetenzen sieht. Darauf legen unsere Mitarbeiter großen Wert. Denn es geht nicht nur um das Produkt. Das kann man überall kaufen.
D&V: Welche Anteile haben die einzelnen BOL-Shops am Gesamtumsatz?
ES: Unser stärkster Bereich ist mit rund 70 Prozent der Buch-shop. Der Bereich Musik hat am Umsatz einen Anteil von etwa 15 Prozent. Auf Video/ DVD entfallen etwa zehn, auf Games etwa fünf Prozent.
D&V: Wird angesichts der Krise der Musikindustrie der Bereich Musik für BOL in Zukunft überhaupt noch profitabel sein?
ES: Unserer Ansicht nach ja. Wir legen einen ganz klaren Fokus auf die Backlist. Darauf konzentrieren sich außer uns nur wenige Anbieter. Wir wollen die Backlist nicht nur im Katalog, sondern auch auf Lager haben. Zudem schauen die Kunden im Bereich Klassik, Jazz und in vielen anderen Segmenten nicht so sehr auf den Preis. Und es gibt nur ganz wenige Musikretailer, die noch ein umfassendes Produktangebot haben. Wir haben ein breites Angebot zu guten Preisen, das up to date ist. Eine der Stärken der Musikindustrie ist ihre große Backlist. Und wir sind dafür der richtige Vertriebskanal.
D&V: In diesem Jahr hat BOL bereits Mitarbeiter entlassen und europäische Niederlassungen geschlossen. Wie geht es bei BOL weiter?
ES: Da es die bol International Holding nicht mehr gibt, kann ich für diese Funktionen nicht mehr sprechen.
D&V: Aber für bol Deutschland …
ES: Bei uns gibt es im Verlauf eines Jahres natürliche Schwankungen, über die man normalerweise gar nicht spricht. Das heißt, wenn man für das Weihnachtsgeschäft im Customer Service und in der Logistik mehr Arbeitskräfte braucht, stellt man diese nur temporär ein. Was die Entlassungen betrifft, so handelte es sich bei bol.de um weniger als fünf Mitarbeiter. Auch muss man berücksichtigen, dass wir innerhalb des Hauses Bertelsmann in verschiedenen Bereichen Mitarbeiter haben, die für BOL arbeiten. Dazu gehören das Callcenter und die Logistik. Zählt man alle Bereiche zusammen, arbeiten für bol Deutschland 200 Leute. Weitere Entlassungen sind nicht geplant.
D&V: Wie stark war der Umsatzeinbruch bei BOL nach den Terroranschlägen in den Vereinigten Staaten?
ES: Wir hatten zwei, drei Tage lang Umsatzeinbrüche. Denn nach den Anschlägen saßen die Leute viel an ihren Computern, waren aber auf den Informationsseiten. Dadurch hatten wir weniger Umsätze, die wir inzwischen aber wieder ausgeglichen haben. Auf bol Deutschland haben sich die Anschläge in den USA kaum ausgewirkt. Den Monat September haben wir von den Umsätzen her mit einem ganz ordentlichen Ergebnis abgeschlossen.
D&V: Wo hat BOL noch Homepages?
ES: Insgesamt sind wir in acht Ländern vertreten. Wir haben für Deutschland und die Schweiz ein jeweils landesspezifisches Angebot. Zudem haben wir Homepages in Finnland, Schweden, den Niederlanden, Großbritannien, China und in Japan.
D&V: Welche Kooperationen plant BOL für das Weihnachtsgeschäft?
ES: Wir betreiben mit unseren Partnern eine kontinuierliche Zusammenarbeit. Es gibt verschiedene Anbieter, die uns immer wieder ansprechen. Sie fragen uns, welche Produkte sie speziell für BOL entwickeln können. Namen nenne ich derzeit aber noch nicht.
D&V: Wie hat sich BOL seit der Eingliederung in den Bertelsmann Club verändert?
ES: Nach Auflösung der bol International hat man die verbliebenen Länder in die regionalen Endkundengeschäfte integriert. Das heißt, es gibt für das Endkundengeschäft einen Verantwortlichen für Deutschland, Österreich und die Schweiz.
D&V: Wie sieht die Zukunft von BOL aus?
ES: Wir sind für die Zukunft bestens aufgestellt. Der Vorteil der regionalen Zusammenbindung ist, dass man auf die Märkte in den einzelnen Ländern viel spezifischer reagieren kann. Das liegt daran, dass es bei Bertelsmann eine einheitliche Agenda für die Endkundengeschäfte gibt. Damit können wir uns bei Kooperationen gegenüber Partnern viel besser darstellen.