Mit neuem Namen und neuem Distributionspartner hat Buena Vista Games, ehemals Disney Interactive, dem eigenen Sortiment auch eine neue Struktur verliehen. Helmut Stiefel, Country Director GSA, appelliert an den Handel, im Bereich Kidssoftware verstärkt große Marken zu listen.

GamesMarkt.de: Seit März firmiert Disney Interactive als Buena Vista Games (BVG). Warum?

Helmut Stiefel: Wir haben diese neue Dachmarke eingeführt, weil das Spektrum an Produkten, mit denen wir uns jetzt und in Zukunft beschäftigen, größer geworden ist. Das Highlight für dieses Jahr, das unter dem neuen Namen veröffentlicht wird, ist "Tron 2.0". "Tron 2.0" steht weder in Zusammenhang mit einem aktuellen Film noch mit einem Kinostart, vielmehr handelt es sich bei dem PC-Produkt um die Fortsetzung des Kultfilms aus dem Jahr 1982. Meines Wissens hat es das so noch nicht gegeben. Diese innovative "Story" werden wir unter dem Dach BVG erzählen. Mehr dazu sowie zur Labelstrategie von Buena Vista Games werden wir jedoch erst auf der E3 bekannt geben.

GM: Was passiert mit Disney Interactive?

Stiefel: Die Marke Disney Interactive, unter der wir in der Vergangenheit unsere Produkte veröffentlicht haben, wird unverändert weiter existieren. Sie fungiert auch in Zukunft als die Marke, unter der wir plattformübergreifend familienorientierte und -gerechte Software anbieten und auch weiterhin unsere typische Disney-Zielgruppe ansprechen - also Kids von drei bis zwölf Jahren. In einem zumindest derzeit stagnierenden Markt wie dem der PC-Kindersoftware kann man nur mit einer wirklich differenzierten Produktstrategie in Verbindung mit einer starken Marke erfolgreich arbeiten. Gerade die starke Marke Disney wird dem Handel helfen, weiteren Rückgängen in diesem Segment entgegenzuwirken.

GM: Wo liegen die Schwerpunkte?

Stiefel: Einer der wichtigsten Schwerpunkte liegt im Bereich Lernsoftware. Im Vorschulbereich sind wir dort seit 2000 mehr oder minder Marktführer, vor allem durch unsere erfolgreiche "Winnie Puuh"- Reihe. Sie bringt nun schon im dritten Jahr sehr gute und beständige Ergebnisse und wird diese Erfolgsstory auch in diesem und im nächsten Jahr fortsetzen. Der Handel wird also auch in Zukunft mit der Serie seinen Spaß haben. Und genau das - Produkte, die kontinuierlich befriedigende Umsätze erzielen - braucht der Handel im Bereich Kidssoftware. In diesem Segment kann sich der Handel keine "Schleicher" erlauben, er braucht langfristig verlässliche Produkte.

GM: Warum sollte der Handel sich nicht allein auf die ebenfalls zahlreichen Neuheiten konzentrieren?

Stiefel: Mir ist kein Vertriebskanal bekannt, der sich auf das Segment Kindersoftware in den letzten Jahren wirklich fokussiert hat. Für die vorhandenen Kanäle ist dies eine komplementäre Produktkategorie zum Kerngeschäft mit den Konsolen- und PC-Games. Diesem Segment fehlt es an kritischer Masse, ohne die der Handel seine ohnehin dürftigen Ressourcen nicht fokussieren kann. Es geht hier nicht um einen "hitgetriebenen" Markt wie bei Games, mit einem relativ kurzen Lebenszyklus. Bei Hitgames werden vielleicht 70 Prozent der Lifetime-Verkäufe innerhalb der ersten Wochen erzielt, bei Kidssoftware vielleicht 30 Prozent oder weniger. Der Handel sollte seine knappen Mittel effizient einsetzen. Er sollte deshalb eine markenorientierte Sortiments- und Präsentationspolitik betreiben, um in diesem Segment mittelfristig kontinuierliche und verlässliche Umsätze zu generieren.

GM: Sind kontinuierliche Umsätze bei einem so preisgetriebenen Markt überhaupt möglich?

Stiefel: Mit der Marke Disney Interactive verfolgen wir eine Preispolitik, die von nichts anderem als Konstanz und Verlässlichkeit geprägt ist. Kein Händler braucht zu befürchten, dass unsere Produkte bei einem Wettbewerber von uns getrieben preisaggressiv verkauft werden. Wir unterstützen längerfristig ausgelegte Produktlebenszyklen. Von unserem Frontline-Repertoire wird im zweiten Jahr genauso viel Umsatz wie im dritten oder vierten Jahr realisiert. Der Handel muss die Produkte nur richtig präsentieren und die Sortimente entsprechend unseren Empfehlungen pflegen. Insofern kann man sagen, dass Kindersoftware zu einem Großteil ein Kataloggeschäft ist. Rund 70 Prozent seiner Fläche für Kindersoftware sollte der Handel für große Marken bereitstellen. Auf den übrigen 30 Prozent kann er das Neuheitengeschäft platzieren, das es in diesem Marktsegment natürlich ebenfalls gibt. Im Wesentlichen kommt es auf die kontinuierliche Präsenz der starken Marken und die Qualität der Warenpräsentation an!

"Handel muss Produkte nur richtig präsentieren"

GM: Auf welche Bereiche konzentriert sich Disney Interactive noch?

Stiefel: Ein weiteres Segment ist schulbegleitende Lernsoftware. Dort werden wir die Erfolgsstory, die wir seit drei Jahren im Vorschulbereich erleben, fortsetzen. Wir haben die Reihe mit dem "Dschungelbuch" für die erste Klasse gestartet. Im nächsten Kalenderjahr werden Produkte für Klasse zwei und drei erscheinen. In der Planung sind Produkte für die Klassen vier und fünf. Unsere Mitbewerber müssen sich darauf einstellen, dass wir ihnen einen relevanten Marktanteil in diesem Segment abnehmen werden.

GM: Was passiert mit den Disney-Filmthemen?

Stiefel: Selbstverständlich gibt es weiterhin die passenden Spiele zum Disney-Film. Wir profitieren hierbei weiterhin von den Vorteilen, die sich durch unsere Stellung im Disney-Konzern und den damit verbundenen positiven Synergien ergeben. Allerdings gibt es auch hier eine Neuerung: Bisher waren die PC-Produkte meist Konsolenkonvertierungen. Künftig werden unter der Marke Disney Interactive Spiele entwickelt, die exklusiv für den PC und den Gebrauch am PC optimiert und speziell auf die Bedürfnisse der Zielgruppe der Sechs- bis Zwölfjährigen abgestimmt sind.

GM: Seit Anfang April vertreibt THQ die PC-Produkte. Was erwarten Sie sich davon?

Stiefel: Ich persönlich bin sehr zufrieden, dass wir künftig mit THQ als Vertriebspartner kooperieren. Vor allem da THQ die Interactive-Lizenzen für die nächsten Disney/Pixar-Filme erworben hat. Wir werden also bei vielen Themen zusammenarbeiten, so dass die Kooperation viel intensiver sein wird, als dies in der Vergangenheit der Fall sein konnte. Disney ist ein komplexer Organismus mit Netzwerken in der gesamten Medienwelt. Um die Möglichkeiten unseres Synergienetzwerkes annähernd auszuschöpfen, braucht es eine gewisse Zeit. Je mehr Themen man gemeinsam hat, desto intensiver und erfolgreicher kann die Zusammenarbeit somit sein.

"Kidssoftware ist ein verlässliches Geschäft"

GM: Was hat sich durch den Wechsel am Portfolio geändert?

Stiefel: Im Zuge des Übergangs haben wir unseren PC-Katalog erheblich gestrafft. Auf Jahressicht wurde das PC-Portfolio von 30 auf ungefähr 15 Titel reduziert. Dabei haben wir uns auf die Themen fokussiert, mit denen wir aus unserer Sicht auch in Zukunft mit dem Handel sehr vernünftige Umsätze realisieren können. Wir sprechen nicht nur von "Qualität statt Quantität", sondern haben dies in unserem Katalog kompromisslos auch umgesetzt. Der Handel muss uns jetzt nur noch folgen, und das vor allem im Bereich der Produkt- und Markenpräsentation.

GM: Wie wollen Sie die Handelspartner überzeugen?

Stiefel: Wir werden gemeinsam mit THQ in individuellen, trilateralen Gesprächen diese Thematik diskutieren. Ich bin zuversichtlich, dass wir auf eine vernünftige und positive Resonanz stoßen werden. Wir haben das Sortiment stark gestrafft, und dabei ist ein Produktportfolio herausgekommen, das unserer Meinung nach geradezu eine optimale Regalpräsenz erfordert, gerade weil für die ausgewählten Titel kontinuierliche Marketinganstöße existieren. Ein Beispiel ist "Aladdin" oder unsere Produkte zum "König der Löwen" aus unserer Classics-Reihe. Die "Aladdin"-TV-Serie läuft täglich das ganze Jahr auf Super RTL, und sorgt somit für eine ständige starke Präsenz in der Zielgruppe, das zieht natürlich das Spiel mit. Das Thema "König der Löwen" ist für Disney seit fast einem Jahrzehnt ein Renner, die Interactive-Produkte seit 1996. Das bis über dieses Jahresende hinaus ausverkaufte Musical in Hamburg zeigt zum Beispiel deutlich, dass das Thema aktueller und beliebter ist denn je. Und das Beste steht uns ab Oktober dieses Jahres noch bevor, wenn der Film als VHSund erstmals als DVD veröffentlicht werden wird. Der Handel kann hier kontinuierlich und mittelfristig Stückzahlen mit einer Zuverlässigkeit vorhersagen, die ihm niemand anders gewährleisten kann. Er muss sich die Produkte nur ins Regal stellen, sie attraktiv und markengerecht präsentieren und immer wieder nachbestellen. Ein einfacheres Geschäft gibt es nicht.

Share this post

Written by