Im Gespräch: Jean-Marc Dupuis, Creative
Im Herbst 2003 brachte Creative erstmals Produkte für den Konsolenmarkt in den Handel. GamesMarkt.de sprach mit Jean-Marc Dupuis, Vice President Sales & Marketing Europe, über den Eintritt in das neue Marktsegment sowie über Chancen und Risiken durch die zunehmende Verschmelzung der HiFi- und Computerwelt.
GamesMarkt.de: Seit Herbst 2002 hat Creative auch die Zielgruppe der Konsolenspieler im Visier. Wie verlief der Markteintritt?
Jean-Marc Dupuis: Für ein abschließendes Urteil ist es noch zu früh, da wir uns noch in der Startphase befinden. Unser Angebot besteht bisher vor allem aus Lautsprechersystemen, die ursprünglich für den PC-Markt und nicht für PlayStation 2 oder Xbox entwickelt wurden. Das Angebot ist also eher ein Testlauf, mit einem insgesamt jedoch sehr guten Ergebnis.
GM: Planen Sie Produkte, die speziell für Konsolen entwickelt werden?
Dupuis: Die Entscheidung ist noch nicht endgültig gefallen. Prinzipiell wollen wir natürlich Lautsprecher vermarkten, die speziell für die einzelnen Konsolen entwickelt werden. Und wenn der Verkauf so erfolgreich wie bisher verläuft, dann ist eine positive Entscheidung auch sehr wahrscheinlich.
GM: Nicht nur Creative, auch die durch Gamepads und Lenkräder bekannten Konsolenzubehörhersteller haben inzwischen Lautsprechersysteme für PS2 und Xbox im Angebot. Wie beurteilen Sie den hohen Konkurrenzdruck?
Dupuis: Dies ist in der Tat eine Herausforderung. Ich bin aber überzeugt, dass wir mit unseren Lautsprechern ein optimales Preis-/Klangverhältnis liefern und deswegen gut gerüstet sind. Die größte Herausforderung ist aber nicht der Mitbewerb, sondern wie wir den Handel dabei unterstützen können, mehr Produkte zusätzlich zu den Konsolen zu verkaufen. Auf den ersten Blick ist der Zubehörmarkt im Konsolenbereich ähnlich strukturiert wie im PC-Bereich. Es gibt aber Unterschiede bspw. bei der Distribution oder der Warenpräsentation.
GM: Wie kann Creative den Handel beim Verkauf von Zubehör unterstützen?
Dupuis: In Deutschland haben wir bspw. eine sehr erfolgreiche Crosspromotion mit Microsoft. Das ist eine Möglichkeit, Schulungen oder Kommunikationsmaßnahmen sind andere. Ich denke, es ist eine Mischung von allen Maßnahmen notwendig.
GM: Ein Hauptproblem dürfte jedoch auch die Regalfläche sein. Lautsprecher verbrauchen ja mehr Platz als ein Spiel...
Dupuis: Das ist absolut richtig. Es gibt jedoch zwei Trends, die dieses Problem lösen könnten. Der erste Trend lautet: Alles wird kleiner. Die Größe der Lautsprecher wurde in den letzten Jahren immer weiter verringert. Auch wir haben diesbezüglich einen guten Job gemacht. Der zweite Trend betrifft die Präsentation am PoS. Ich glaube, wir werden künftig immer weniger Verkaufsverpackungen im Handel sehen. Stattdessen werden Lautsprecher ähnlich wie in den HiFi-Abteilungen in Displays präsentiert. Die Produkte selbst erhält der Käufer dann aus dem Lager. Der Handel wird solche Displays systematisch integrieren, um Fläche zu sparen. Und der Konsument hat den Vorteil, dass er die Klangqualität im Laden testen kann.
GM: Mit dem Einstieg in den Konsolenmarkt haben Sie auch einen Schritt vom Arbeitszimmer ins Wohnzimmer gewagt. Werden Sie Ihr Portfolio entsprechend ausbauen?
Dupuis: Auf der CeBIT konnte man deutlich sehen, dass jede Firma über computerartige Produkte für das Wohnzimmer nachdenkt. Das gilt natürlich auch für uns. Die Kunst ist jedoch, sich genauso schnell wie der Markt zu entwickeln. Nicht langsamer und auch nicht schneller. Das heißt aber nicht, dass wir nicht bereits heute an den Produkten von morgen arbeiten.
GM: Von welchen Faktoren hängt diese Entwicklung ab?
Dupuis: Von vielen verschiedenen. Breitband ist ein gutes Beispiel. Es macht keinen Sinn, ein hochentwickeltes Gerät ins Wohnzimmer zu stellen, wenn der Breitbandanschluss im Arbeitszimmer oder Schlafzimmer ist. Erst wenn ein PC-artiges Gerät und ein Breitbandanschluss im Wohnzimmer sind, sind auch die notwendigen Voraussetzungen für entsprechende Anwendungsformen erfüllt. Und genau daran arbeiten wir auch mit externen Partnern. Ein weiterer Punkt betrifft den Retail-Channel.
GM: Inwiefern?
Dupuis: Ein MP3-Player ist eine Art Walkman, den man jedoch auch an den PC anschließt. Was also ist ein MP3-Player? Ein HiFi- oder ein PC-Produkt? Je nach Outlet werden Sie MP3-Player in der einen oder der anderen Abteilung finden. Wir müssen deshalb die Vertriebskanäle begleiten und unterstützen, damit diese beiden Welten am PoS verschmelzen. Von der technologischen Seite her haben wir 95 Prozent der Entwicklungsarbeit bereits geleistet. Die jetzige Herausforderung besteht darin, Handel und Verbraucher zu überzeugen, dass die Verschmelzung beider Welten auch für sie Sinn hat.
GM: Die Verschmelzung würde aber auch bedeuten, dass die klassischen HiFi-Lausprecherhersteller auf den PC-Markt drängen könnten...
Dupuis: Das ist tatsächlich potenziell eine große Herausforderung für uns. Wir sind eine kleine Firma. Im Vergleich machen wir vielleicht gerade so viel Umsatz, wie Sony oder Samsung im Jahr für Werbung ausgeben. Allerdings ist der Consumer-Electronics-Markt um ein Vielfaches größer als der PC-Audio-Markt. Selbst wenn wir ein vergleichsweise kleiner Player bleiben, ist der Teich, in dem wir fischen können, viel größer. Natürlich ist es gefährlich, denn es gibt in diesem größeren Teich auch einige sehr große Haie. Doch wenn wir diese meiden und schnell genug schwimmen, dann haben wir sehr gute Wachstumschancen. Wir sind nicht die Sonys oder Samsungs von morgen. Um erfolgreich zu sein, müssen wir auch nicht diese Dimension erreichen. Wir müssen nur schneller als sie agieren. Flexibiliät, Schnelligkeit und das technische Know-how in Sachen Audio sind also unsere Stärken gegenüber den UE-Riesen.
GM: Herr Dupuis, Sie sind bei Creative für den Gesamtvertrieb und das Marketing in Europa verantwortlich. Derzeit verliert Deutschland im Gamesbereich gegenüber den anderen Kernmärkten deutlich an Boden. Was unterscheidet aus Ihrer Sicht die einzelnen Spielemärkte in Deutschland, UK und Frankreich?
Dupuis: Der auffälligste Unterschied in Deutschland ist im Moment sicherlich die Kluft zwischen der Verbraucherwahrnehmung und der Realität. Deutschland hat eine erfolgreiche Wirtschaft, die in der Vergangenheit immense Wachstumsraten vorweisen konnte. Heute, mit geringerem Wachstum, tendieren die Menschen jedoch dazu, die Dinge schlechter zu sehen, als sie in der Realität sind. Dem deutschen Markt geht es nicht so schlecht, nur der Optimismus, den es noch vor zehn Jahren gab, der hat abgenommen.
GM: Was ist der wichtigste Unterschied hinsichtlich der Marktstruktur?
Dupuis: Es gibt sehr viele Unterschiede, die man nicht auf einen einzelnen, großen Unterschied reduzieren kann. Auch ist Creative von Land zu Land unterschiedlich aufgestellt. Es gibt Länder, da haben wir den Markt gestaltet. Man könnte dort sogar von "Creative-Märkten" sprechen. Deutschland ist hingegen auch für uns ein schwieriger Markt und in einem Punkt sogar mit Frankreich gut vergleichbar: Sowohl in Deutschland als auch in Frankreich gibt es sehr große Händler, die sehr preisaggressiv vorgehen. Diese Preissensibilität spüren wir in anderen Länder nicht.
GM: Wie wirkt sich die Dezentralität gerade von Media Markt und Saturn auf die Vertriebsstrategie in Deutschland aus?
Dupuis: Auch dies ist einer der vielen Unterschiede zu anderen Ländern. Der britische und der französische Markt sind sehr zentral organisiert, und zwar nicht nur in Bezug auf die Zahl der Player, sondern auch in geographischer Hinsicht. Mit London sowie Paris und dem jeweiligen Umland hat man bereits einen Großteil des Markts abgedeckt. In Deutschland muss man in alle Regionen investieren, um ein positives Ergebnis zu erzielen. Es ist ein völlig anderer Ansatz.
GM: Wie ist Ihre Zukunftsvision von einer digitalen Welt?
Dupuis: Ich arbeite bei Creative, weil ich wirklich glaube, dass der PC das Zentrum des Zuhauses wird. Nicht heute und vielleicht auch noch nicht morgen, aber es wird passieren. Das Erste, was die heutigen Schüler und Studenten morgens nach dem Aufstehen machen, ist nicht, eine Tasse Kaffee zu trinken. Sie schalten zu erst den PC ein. Diese Generation wird auch künftig die Möglichkeiten der digitalen Welt nutzen. Meine Mutter wird diese Möglichkeiten hingegen nie nutzen; vor allem solange es Geräte gibt, die nicht auf einem Knopfdruck funktionieren.
GM: Was muss die Industrie tun, um die Entwicklung zu beschleunigen?
Dupuis: Die Herausforderung für die gesamte Industrie besteht darin, die neuen Gerätegenerationen einfacher zu gestalten, um eine leichte Installation und eine intuitive Bedienung zu ermöglichen. Die Technologie ist nebensächlich, denn am Ende des Tages werden die Unterschiede in technologischer Hinsicht nicht so gravierend sein. Mach es einfacher für den Verbraucher! Mach es einfacher für den Handel! Dass sind die beiden Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen. Wenn wir beides schaffen, steht uns eine grandiose Zukunft bevor.