Am 7. Januar meldete die GVU - Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) die Aufklärung eines der größten Fälle von Softwarepiraterie (wir berichteten). gamesbiz sprach mit dem GVU-Geschäftsführer Joachim Tielke über die Ermittlungsarbeit in diesem konkreten Fall, das Ausmaß der Piraterie und die Gegenstrategien der GVU.

gamesbiz: Das Millennium-Jahr startete die GVU mit einem sensationellen Fang. Eine deutsch-dänische Tätergruppe wurde auf frischer Tat ertappt. Wie kam es zu diesem Erfolg?

Joachim Tielke: Zunächst einmal: Der Erfolg wurde schon im November 1999 eingefahren. Allerdings gab es in Absprache mit der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft und der Neusser Kripo eine Nachrichtensperre, da noch weiter ermittelt wurde und Verdunkelungsgefahr bestand. Zum Gang der Ereignisse. Im Mai 1999 stieß unsere Internet- Ermittlungsgruppe auf die Homepage der illegalen Anbieter, die unter dem Markennamen Akira operierten. Die Kombination von elektronischen und klassischen Ermittlungen führte dann zur Festnahme von insgesamt fünf Personen und der Sicherstellung von ca. 54.000 CD-ROMs in Düsseldorf und der Beschlagnahme weiterer gut 50.000 CD-ROMs in Dänemark. Durch den Wegfall der Verdunkelungsgefahr sitzen derzeit - und vermutlich auch noch länger - die beiden Haupttäter, ein Deutscher und ein Däne, in Untersuchungshaft.

gamesbiz: Die vierköpfige Gruppe stellte illegale Compilation-CDs mit aktuellen Software-Angeboten unter dem eigenen Label Akira her. Wie hat diese Firma denn gearbeitet und auf welche Infrastruktur konnte sie dabei zurückgreifen?

J.T.: Zunächst hat man sich die neuveröffentlichten Anwender- und Spielesoftware besorgt, möglicherweise zum Teil legal erhältliche Stücke, nach unseren Recherchen aber auch Downloads von Software, die weltweit gecrackt im Netz kursieren. Dann hat vermutlich ein dänischer Informatiker die Software zu Mastern editiert und weiter komprimiert. Zum guten Schluß wurden diese Master passwortgeschützt und zur Massenfertigung - bisher nachgewiesen - an ein polnisches und ein tschechisches Presswerk gegeben. Dort wurde dann unter unseres Erachtens grober Sorgfaltspflichtverletzung die Ware hergestellt. Neben dem Passwortschutz gibt es dafür einen weiteren Indikator: Auf den CD-ROMs sollte sich nämlich neben der Beschriftung mit "Disc One" bis "Disc Six" und sinnigerweise einem Copyrightvermerk kein weiteres Artwork, also weder Titel noch Company oder Label, befinden. Auch die Booklets sollten nicht dort gefertigt oder konfektioniert werden. Wie bei den früheren Editionen beabsichtigten die Täter auch hier, die beiden Produktelemente später zusammenzuführen, um ihr Entdeckungsrisiko zu minimieren. Erst nach dem Vertriebsstart wurde dann das Passwort im jeweiligen Nachnahmeversand und über die Internet-Homepage bekannt gegeben.

gamesbiz: Es ist von einem Schaden in Höhe von mehreren Milliarden Mark die Rede. Welchen Stellenwert hat dieser Anteil des illegalen Umsatzes im Verhältnis zur gesamten Piraterie?

J.T.: Zumindest ist es Fakt, daß allein auf der sichergestellten - also nicht mehr vertriebenen - Akira Volume Six Software mit einem Endverbraucherwert von ca. 1,5 Milliarden Mark enthalten war. Man mag sich darüber streiten, ob die Bezieher legale Software erworben hätten. Zumindest bei den Spielen und der preiswerteren Home-Anwendersoftware entsteht nach unserer Auffassung jedoch ein 1:1-Schaden, weil legales und illegales Produkt direkt konkurriert. Im übrigen kauft jemand, der ein hochwertiges professionelles z.B. Grafikprogramm illegal erwirbt, kein Heimanwender-Programm zum erschwinglichen Preis. Im übrigen muß man davon ausgehen, daß ein großer Teil der Abnehmer zusätzlich weitergeklont hat. Nicht nur aus diesem Grund werden wir auch Verfahren gegen einen Großteil der Abnehmer anstrengen. Zum zweiten Teil der Frage muß ich sagen, daß sowohl die konspirative Vorgehensweise der Täter als auch der Umfang der Straftat sicherlich schon ein Highlight innerhalb der Piraterieszene darstellt.

gamesbiz: Läßt dieser Fahndungserfolg Rückschlüsse auf die Dynamik, das technische Know-how und das Umsatzpotential des Software-Schwarzmarktes zu?

J.T.: Ich denke schon: Sicherlich geht das Ergebnis über die berühmte "Spitze des Eisberges" hinaus. Allerdings muß man sich fragen, ob nicht eine ganze Reihe von potenziellen Tätern das nicht auch können oder bereits tun. Viel wichtiger ist aber die Tatsache, daß wir gezeigt haben, daß auch bei einer solchen Vorgehensweise das Entdeckungsrisiko vorhanden ist und weiter gesteigert wird. Schauen Sie: Wir sind vor zwei Jahren in diesem neuen Deliktsbereich angetreten. Bisher meinte doch jeder, er könne gefahrlos operieren. Das dies ein Irrglaube ist, haben wir nun meines Erachtens eindrucksvoll bewiesen. Ich glaube - und das zeigen die Präventionserfahrungen aus dem Filmsektor -, dass jetzt eine ganze Reihe von Softwarepiraten nachdenklich geworden ist. Das zeigt sich übrigens auch schon seit etwa einem Jahr in den einschlägigen Chats, in denen man sich gegenseitig vor der GVU warnt und Tipps zur Minimierung des Entdeckungsrisikos gibt. Es ist ganz deutlich geworden, dass Sand ins Getriebe der vorher sorglos operierenden Softwarepiraten gekommen ist.

gamesbiz: Welche Firmen und Programme waren von dieser Piraterie konkret betroffen?

J.T.: Die Frage lässt sich ganz generell beantworten: Auf allen Ausgaben - jeweils Compilations von fünf oder sechs CD-ROMs mit einem Speicherplatz von immerhin 3,5-4 Gigabyte - befanden sich eine Mischung aus neuveröffentlicher Spiele-, Anwender- und Businesssoftware sowie diverse Utilities, alles in allem jeweils zwischen 70 und neunzig Programmen. Besonders betroffen bei der Anwendersoftware sind Programme wie Corel Draw 9 (Grafikprogramm), Corel Print House Magic 4 (Bildbearbeitungsprogramm), Adobe Photo de Luxe Business Edition 1.1 (Bildbearbeitungsprogramm), Windows 98 Second Edition (Betriebsprogramm), Lotus Organizer 5.01 (Büroorganisation), Lotus Smartsuite Millenium 9.5 (Bürosoftware), PC Anyware 9.0 (Fernsteuersoftware), Softimage 3D (professionelles Filmbearbeitungsprogramm), Softimage Toonz (professionelle Filmbearbeitung), Real Server Internet Video (Videobearbeitungsprogramm), Wingate (Mehrfach-Surfer Programm). Bei den von den Tätern kopierten Spielen handelt es sich beispielsweise um NHL 2000, Poker Night, Age of Empire II, Nascar Racing 3, RailRoad Tycoon II Gold Edition, Panzer General 3D Assault, Soul Reaver, Rainbow 6 Rogue Spear, Sinistar Unleashed, Command & Conquer Tiberium Sun, Madden NFL 2000.

gamesbiz: Im Zusammenhang mit dem aktuellen Fahndungserfolg der GVU ist auch auf neuentwickelte technische Möglichkeiten hingewiesen worden, welche sind das?

J.T.: Ich versuche das mal an einem Beispiel deutlich zu machen: Sicherlich können Sie sich noch erinnern, wie beeindruckt wir als Leser und Dr. Watson als Begleiter von Sherlock Holmes waren, wenn dieser aus einem scheinbar nichtssagenden Tatort alle möglichen verblüffenden Details herauslas. Diese "Deduktionen" beruhten allein auf der Tatsache, daß jedes Verhalten interpretierbare Spuren hinterläßt. Nicht anders verhält es sich auch mit dem Internet. Befindet man sich online, so hinterläßt man eine Vielzahl von interpretierbaren Spuren, die nachverfolgt werden können und als Mosaikstücke zusammengelegt zur Identifikation von Orten und Personen führen. Wir haben unsere eigenen Leute in Zusammenarbeit mit externen Experten also gewissermaßen zu Internet-Scouts ausbilden lassen.

gamesbiz: Wie hilfreich sind für Sie denn Informanten aus der Szene? Gibt es da auch Belohnungen oder wird den Informanten Zeugenschutz oder ähnliches angeboten?

J.T.: Es gibt natürlich Informanten aus der Szene. In aller Regel wissen diese aber nicht, daß sie Informanten sind, weil sie unseren Ermittler nicht identifizieren können, der sie z.B. über Chats abschöpft. Wenn Sie sich wundern, dass ich das hier so freimütig eingestehe, so sei gesagt, dass die daraus resultierende Verunsicherung Teil unserer Gesamtstrategie ist. Was meinen Sie, wer im Web alles als GVU- Mitarbeiter verdächtigt wird: Da hätte ich wirklich die paar hundert Kollegen, die ich mir manchmal wünsche. Belohnungen zahlen wir nicht. Zum einen haben wir schlechte Erfahrungen mit den Motiven solcher Informanten gemacht, zum anderen erschwert eine Zahlung "saubere" Strafverfahren, auf die wir als Partner der Behörden großen Wert legen. Zeugenschutz oder Zusicherung von Vertraulichkeit durch die Strafverfolgungsbehörden sind bei dieser Art von Delikten auch nicht zu erwarten.

gamesbiz: Auf der Pressekonferenz in Hamburg haben Sie auf die längst vorhandene Transparenz des Internets und die Leichtigkeit von Ermittlungen im www hingewiesen. Was bedeutet diese Botschaft für die Zukunft von Handel und Industrie?

J.T.: Was ich damit sagen wollte, war die Botschaft, dass das Internet mitnichten ein Mysterium ist. Mit entsprechendem Know-How sind die Wege so transparent, wie es die klassischen Vertriebswege auch sind. Der Recherche sind im Prinzip keine Grenzen gesetzt. Wenn das für den illegalen Bereich zutrifft, so trifft es für den legalen umso mehr zu. Ich denke, dass viele Zögerer aus der Industrie und dem Handel ihr Misstrauen abbauen werden und das Netz bald als das begreifen, was es ist: Ein fantastischer Marktplatz mit bisher nicht dagewesenen Möglichkeiten und Chancen.

gamesbiz: In den vergangenen 15 Jahren seit GVU-Gründung hat ihre Organisation viele Hürden genommen. Wie würden Sie heute den Status der GVU beschreiben?

J.T.: Da ergreift ja nun doch der Stolz von mir Besitz. In der Tat: Mein Team hat Hervorragendes geleistet. Wir sind mittlerweile eine hochgeachtete Organisation bei den staatlichen Behörden. Das hat sich ja eigentlich aus einer schwierigen, sensiblen Positionierung zwischen Industrie und Staat entwickelt. Die staatlichen Stellen wissen aber heute, dass wir im Rahmen der rechtsstaatlichen Möglichkeiten auch das öffentliche Interesse an der Aufklärung von Straftaten zur Priorität erhoben haben. Gleichzeitig schenkt uns die Industrie ihr Vertrauen, die probaten Strategien zur Begrenzung oder Reduzierung der Piraterie zu verfolgen. Im Juni vergangenen Jahres hatten wir unsere amerikanischen Kontrollgremien der MPA (Motion Picture Association) zu einer intensiven Durchleuchtung unserer Strategien und Arbeitsweisen im Hause. Als Ergebnis wurde nach drei Tagen intensivster Recherche protokolliert: Bei der GVU handelt es sich um eine der, wenn nicht die effizienteste Antipiraterie-Organisation der Welt.

gamesbiz: Mit welchen Strafen müssen die erwischten Täter rechnen, sind Sie allgemein mit dem Strafrahmen für Urheberrechtspiraten zufrieden?

J.T.: Das Urheberrecht sieht eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren vor. Ich denke, daß im konkreten Akira-Fall dieses Strafmaß auch weitgehend ausgeschöpft werden könnte. Ganz generell wird allerdings eher schwach verurteilt. Das liegt einfach an der Tatsache, dass die Richter bei ihrer Urteilsfindung naturgemäß das Bewußtsein der Öffentlichkeit spiegeln, die immer noch von einem "Kavaliersdelikt" spricht. Andererseits wollen wir aber nicht lamentieren, denn allein die Tatsache der Aufklärung und das damit verbundene Strafverfahren führt zu einer Wiederholungstäterrate von unter zehn Prozent, was ich als beachtlichen Erfolg bewerte.

gamesbiz: Der aktuelle Fall zeigte erneut, dass es im Bereich der Wirtschaftskriminalität schon längst globale Dimensionen gibt und sich die Täter für Landesgrenzen nicht interessieren. Sind die Fahnder dementsprechend gerüstet, können Sie diesen Verbrechern länderübergreifend Paroli bieten?

J.T.: Im "Green-Paper"-Entwurf für die Entscheidungsgremien der EU machen die betroffenen Urheberrechtindustrien genau auf dieses Problem aufmerksam. Während wir uns in unserem Antipiracy-Netzwerk auf die Hilfe der Kollegen in aller Herren Länder verlassen können. Gibt es auf Seite der staatlichen Behörden überhaupt keine Kooperation, geschweige denn Koordination. Das trifft ja allein in den jeweiligen Ländern schon auf die Koordination der örtlichen Dienststellen zu. Nicht nur aus diesem Grund kolportieren wir gern, daß die GVU insofern die Position eines "kleinen BKA für Urheberrechtsverletzungen" einnimmt. Hier muß noch eine Menge Arbeit geleistet werden, und wie der aktuelle Fall zeigt, ist es fast schon zu spät.

gamesbiz: Wie viele Verfahren, Durchsuchungen und Beschlagnahmungen wurden im letzten Jahr in Deutschland realisiert, wie viele Verfahren von den Behörden erfolgreich abgeschlossen?

J.T.: 1999 leitete die GVU zusammen mit den Staatsanwaltschaften und der Polizei gegen Piraten 780 Verfahren ein, machte 778 Durchsuchungen bei verdächtigen Personen und beschlagnahmte über 330.000 Titel aus dem illegalen Film- und Softwareangebot. 640 Strafverfahren konnten im Jahr 1999 von den Behörden erfolgreich abgeschlossen werden. Das bedeutet allein in den Jahren seit 1996 eine Zunahme aller statistischen Zahlen - und damit des GVU-Aktivitätenniveaus und der Arbeitsbelastung - um über 400 Prozent.

gamesbiz: Welche Zukunft hat die Piraterie aus Ihrer Sicht? Wird Sie zukünftig eine größere oder eine eher kleinere Rolle im Gesamtmarkt spielen?

J.T.: Ich würde gern sagen: Die Piraterie hat keine Zukunft. Damit wäre ja auch gewissermassen unser Geschäftszweck erledigt. Tatsächlich glaube ich aber, dass wir erst am Beginn stehen. Wenn ich betrachte, welche Entwicklungen sich allein in den letzten beiden Jahren im Hardware-Sektor ergeben haben, dann wird mir angst und bange. Die Instrumentarien zum Schutz des geistigen Eigentums haben hier nicht annähernd Schritt halten können. In den Himmel gehobene technische Schutzverfahren waren sozusagen über Nacht eliminiert. Ich fürchte, auch die derzeit urheberrechtlich sich in ruhigerem Fahrwasser befindliche Filmindustrie wird demnächst durch das illegale Klonen ihres Hoffnungsträgers DVD wieder zunehmende Probleme bekommen.

gamesbiz: Stichwort: Schulhofpiraterie. Was sollte unternommen werden um das Rechtsbewußtsein in Bezug auf Urheberrechte in der Bevölkerung zu stärken? Könnte es im Internet eines Tages zu einem Selbstreinungsprozess kommen?

J.T.: Schulhofpiraterie ist ein Problem, dem wir mit strafrechtlicher Verfolgung kaum begegnen können und es in vielen Fällen auch nicht wollen. Die Achtung vor geistigem Eigentum ist im Gegenteil zum sächlichen Eigentum bei den Jugendlichen kaum sozialisiert. Hier gilt es also nachzusozialisieren, aufzuklären. Wir gehen jetzt verstärkt an die Kultusministerien mit der Botschaft, dass täglich an den Schulen zumindest tatbestandsmäßig vielhundertfach Straftaten begangen werden und dass die Schuladministration verdammt noch mal eine Fürsorgepflicht für die ihr anvertrauten Kinder und Jugendlichen hat. Wegschauen ist Resignation und in gewissem Sinne Anstiftung durch Duldung zugleich. Ich denke, es gibt hier noch jede Menge Arbeit.

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