Im Gespräch: Jochen Tielke, GVU
Am 16. und 18. März schlugen GVU und die Strafverfolgungsbehörden zu. Nach über zweijähriger Ermittlungsarbeit kam es in Deutschland zur weltweit größten Razzia gegen die organisierte Raubkopiererszene. Zum ersten Mal gelang dabei ein Volltreffer gegen Release-Groups. games.markt sprach mit Jochen Tielke, Geschäftsführer der GVU, über den gewaltigen Doppelschlag.
gm: Wie fühlt man sich, wenn man nach über zwei Jahren Ermittlungsarbeit auf diese gelungene Großaktion blickt?
Jochen Tielke: Ich freue mich für mein Team, für die "draußen unmittelbar an der Front" stehenden Ermittler und für die eher leise im Hintergrund - aber genauso effizient und wichtig - beteiligten Innendienstmitarbeiter. Ich hätte Anfang 2002, als die Probleme im Internet mit rasender Geschwindigkeit zunahmen, nicht gedacht, dass wir bereits nach zwei Jahren so weit sein würden. Das hört sich für einige wahrscheinlich seltsam an, ist vom kriminalistischen Standpunkt aus aber absolut richtig, wie uns auch von den beteiligten Polizeibeamten bestätigt wurde. Auch jene Branchenteilnehmer, die näher an unserer Arbeit waren und es daher besser beurteilen können, sind beeindruckt.
gm: Welche unmittelbaren Auswirkungen hatte das innerhalb der Piraterieszene?
Tielke: Zunächst sind wir mit dem Ergebnis der unmittelbaren Maßnahmen am 16. und 18. März sehr zufrieden. Wiederum vom kriminalistischen Standpunkt aus ist allerdings die Nachbereitung zumindest von ebenso großer Bedeutung, das heißt, die jetzt laufenden Vernehmungen von in U-Haft befindlichen oder auch vorgeladenen Tätern und die Auswertung der Beschlagnahmegegenstände - vor allem der Rechner - liefern uns weitere, in die Tiefe gehende Erkenntnisse über die Verbindungen innerhalb der Szene und ihr operatives Vorgehen. Diese Erkenntnisse werden sehr hilfreich bei der Fortsetzung des Kampfes gegen sich neu formierende Täterkreise sein. Es ist eine kriminalistische Binsenweisheit, dass erst durch das Herausfinden der ganzen Wahrheit und damit dem Herauszerren der konspirativ und anonym vorgehenden Täter ans Licht die Fortsetzung der Straftaten und die Restrukturierung organisierter Kriminalität massiv erschwert wird. Für den Moment kann man immerhin sagen, dass die Szene nicht nur beeindruckt ist, sondern regelrecht geschockt.
gm: Erstmals ist ein Schlag gegen die Release-Groups gelungen. Mit welchen nachhaltigen Folgen dieses Erfolgs rechnen Sie?
Tielke: Das ist schwer zu sagen. Es wäre vermessen, von einem sofortigen absoluten Ende der Kinofilmpiraterie im Internet auszugehen. Die wichtigsten Gruppen sind allerdings in der Tat zerschlagen, und es wird - wenn überhaupt - deutlich weniger und vor allem qualitativ minderwertiges Material eingespeist werden. Außerdem wird es für uns mit den jetzigen Erkenntnissen leichter, sofort wieder "am Ball" zu sein. Die direktesten Auswirkungen dürfte nach unserer Einschätzung der Handel im Ruhrgebiet spüren, denn dort sind die illegalen Handelskreise, welche die gesamte Region flächendeckend mit DVD-R und CD-R versorgten, nachhaltig zerstört. Darüber hinaus gibt es jetzt auch für uns und die mit uns verbundenen Branchen eine substanziell veränderte Gesprächsmöglichkeit mit Providern, Universitäten und Firmen, da ja nun der Nachweis des immer im Raume stehenden Missbrauchs "Unbeteiligter" in großem Umfang gelungen ist.
gm: Sind Sie mit der Medienresonanz auf diese Razzia zufrieden?
Tielke: Über die Medienresonanz sind wir nicht übermäßig glücklich, was nach meinem Dafürhalten an der Informationspolitik des BKA liegt. Aus Klarstellungsgesprächen mit Medienvertretern weiß ich, dass dort eine starke Verunsicherung aufkam, weil das BKA in seiner Presseerklärung den inneren Zusammenhang zwischen den Aktionen am 16. und 18. März nicht hinreichend verdeutlicht hat. Um es noch einmal klarzustellen: Es gab zwei Tatkomplexe mit einem inneren Zusammenhang. Das findet sich auch bestätigt durch die zeitliche Koordination der beiden Zugriffe. Eigentlich hätte alles an einem Tag passieren sollen, was aber auf Behördenseite von der Personalstärke her nicht zu leisten war. In der ersten Aktion am Dienstag wurden die von uns ermittelten direkten Täterstrukturen der Release-Groups und der Großhändler angegangen, während am Donnerstag die von außen missbräuchlich genutzten Server Dritter das Ziel waren. Dieses war ein eigenes Ermittlungsverfahren der Kripo Hürth, das aufgrund eines Hinweises des US-amerikanischen Geheimdienstes zustande kam. Dieser Dienst hatte vor Jahresfrist festgestellt, dass der Server eines rüstungsrelevanten US-Betriebs von Deutschland aus gehackt wurde - ein für die Täter im Nachhinein eher bedauerliches Versehen.
gm: Die Medienberichterstattung zielte sehr stark auf Film ab. Somit könnte leicht der Eindruck entstehen, die GVU sei nur für die Filmwirtschaft aktiv. Welche Rollen spielten Games bei der Aktion?
Tielke: Ja, das ist in der Tat ein ständig wiederkehrendes Problem. Vor allem in den letzten zwei Jahren hat sich die Kinofilmproblematik doch stark in den Vordergrund des Medieninteresses geschoben. Das wird durch die Kinokampagne sicherlich noch verstärkt. Tatsache ist aber, dass der Gamesbereich immer zumindest genauso betroffen ist wie der Filmbereich. Hinsichtlich der Verfügbarkeit zum Download und Weiterbrennen kann man getrost von einem 50:50-Verhältnis sprechen, und das trifft quantitativ und wirtschaftlich zu. Es sei allen Branchenteilnehmern hier noch einmal deutlich gesagt: Der Straftäter, mit dem wir es zu tun haben, hat längst alle Branchengrenzen überschritten. Alles, was auf den Spielarten der silbernen Scheibe nachgefragt wird, wird auch illegal angeboten. Das wird nur noch beeinflusst von Ups and Downs in der Veröffentlichungspolitik der Branchen und ihrer einzelnen zugehörigen Firmen.