Mit 71 Märkten, insgesamt 5000 Beschäftigten, davon fast 200 im Softwarebereich, ist Saturn einer der Topplayer im Spielehandel. GamesMarkt.de sprach mit Michel Wedler, Produkt Manager Software, über den Aufstieg der "Blauen" sowie über Trends und Tendenzen im Spielemarkt.

GamesMarkt.de: Wie ist Ihr Aufgabenbereich definiert?

Michel Wedler: Saturn hat eine dezentrale Struktur, der Einkauf wird vor Ort in den Märkten entschieden. In Ingolstadt agieren wir vorbereitend, bringen Strukturen ins Geschäft und bewältigen Aufgaben, die im weitesten Sinn zentral bearbeitet werden müssen. Im Grunde sind wir ein Dienstleister für unsere einzelnen Märkte.

GM: Die Verkaufsleiter vor Ort spielen also eine wichtige Rolle?

Wedler: Ja, sie sind ein wichtiger Baustein für unseren Erfolg. Ich bin stolz auf unsere Leute in den Märkten. Sie sind motiviert und agieren eigenverantwortlich. Die Kommunikation zwischen ihnen und der Verwaltung ist hervorragend. Wir sprechen auf einer gemeinsamen Basis miteinander, die auch konstruktive Kritik erlaubt.

GM: Wie wählt Saturn seine Mitarbeiter für die Software aus?

Wedler: Es gibt keine Art Kriterienkatalog, der erfüllt werden muss. Eine gewisse Produktaffinität sollte aber vorhanden sein. In vielen Fällen wechseln die Mitarbeiter von anderen, meist nahe liegenden Abteilungen, bspw. aus der Hardware- in die Softwareabteilung. Saturn bietet seinen Mitarbeitern zudem Schulungen zu Themen wie Einkauf und Sortiment durch externe Trainer. Unsere Mitarbeiter nehmen dieses Angebot sehr gern wahr.

GM: 2001 war bislang für die Branche ein schwieriges Jahr. Wie lief es bei Saturn?

Wedler: Wir können die bisher bekannten Marktzahlen von 2001 nicht nachvollziehen, da Saturn sich - gegen den Trend - sehr positiv entwickelt. Generell befindet sich die Branche in einem so genannten Transition-Year, in dem wahrscheinlich viele Projekte und viel Ware abgeschrieben werden müssen. Durch die Preissenkung bei PS2 und die neuen Konsolen im Jahr 2002 wird sich der Trend wieder ins Positive umkehren.

GM: Die Branche wird 2002 also beim Umsatz wieder zulegen?

Wedler: Ja. Meiner Meinung nach kann der Gesamtmarkt im nächsten Jahr ein Umsatzwachstum von rund zehn Prozent erreichen. Das größte Plus erwarte ich im Segment Videospiele. Dort könnte der Umsatz sogar zwischen 15 und 25 Prozent steigen.

GM: Wie erklären Sie sich, dass Saturn sich gegen den allgemeinen Trend entwickelt?

Auftritt ist hochwertig und technikorientiert

Wedler: Die Gründe liegen sicher in unserer Positionierung. Wir haben unseren Weg gefunden. Saturn ist ein sehr markenbewusstes Unternehmen, das viele Markennamen anbietet und mit "Blue" seinen eigenen Brand etabliert hat. Unser Auftritt ist hochwertig und technikorientiert; wir sprechen eine gebildete Zielgruppe an, die über viel Geld verfügt.

GM: Apropos Marken. Die Industrie will mehr Fläche für den Auftritt ihrer Marken am PoS...

Wedler: In der Tat haben einige Lieferanten diesen Wunsch geäußert. Es gibt auch einzelne Testversuche in Märkten, in denen ausreichend Fläche zur Verfügung steht. Saturn hat aber einen eigenen Brand, und wir gestalten unsere Märkte auch nicht für die Industrie, sondern für die Verbraucher. Ein Handelsbrand kann sich nur durch eine Gesamtkonzeption mit einem klaren Kundenleitsystem darstellen. Bei zu vielen Industrieshops findet sich der Kunde im Gesamtsortiment nicht mehr zurecht.

GM: Saturn ist eine feste Größe im Spielehandel. Wie beurteilen Sie Ihr Wettbewerbsumfeld?

Wedler: Wir ziehen da immer einen Vergleich mit der Formel 1. Die "Roten" haben die Weltmeisterschaft gewonnen; die Farbe sagt eigentlich schon alles. Dann gibt es die "Gelben", die auf den etwas hinteren Plätzen gelandet sind. Es gibt die "Silbernen", die ich nicht näher benennen will. Und uns selbst vergleichen wir mit den "Blau-Weißen", die schon jetzt den einen oder anderen ersten Platz herausfahren können. Für 2002 arbeiten wir definitiv an der Konstrukteursweltmeisterschaft.

"Wir haben unseren Weg gefunden"

GM: Wie läuft der PS2-Abverkauf seit der Preissenkung?

Wedler: Wir sind sehr zufrieden mit den Verkäufen. Wir haben allein in den letzten beiden Septembertagen ebenso viel verkauft, wie im übrigen Monat. Und tendenziell scheinen die guten Abverkäufe stabil zu bleiben.

GM: Was ist mit der Software?

Wedler: Im Moment laufen vor allem die PS2-Bundles sehr gut; der Softwareabverkauf steigt nur langsam. Die Ausgaben für Hardware und Zubehör sind vermutlich für die meisten Verbraucher hoch genug für einen Monat. Wir glauben jedoch, dass die Softwareabverkäufe ab Mitte November nach oben schnellen werden.

GM: Könnte es nicht auch am Preis der Software liegen?

Wedler Nein, der Softwarepreis spielt keine Rolle. Es mangelt ganz einfach noch an wichtigen, gut programmierten Spielen. Viele Kunden haben das Geld und sind auch bereit, für einen Toptitel wie "GT3", "Silent Hill 2" oder "Metal Gear Solid 2" 120 Mark auszugeben. Momentan wird auf die richtigen Titel gewartet.

GM: Wo liegt die Schmerzgrenze bei Softwarepreisen?

Wedler: Bei etwa 139 Mark.

GM: Damit wären Xbox-Spiele im akzeptablen Bereich...

Wedler: Ja, der Preis kann funktionieren. Natürlich nur unter der Voraussetzung, dass die Spiele gut sind und Alleinstellungsmerkmale haben. Schwierig wird es im Allgemeinen erst ab einem Preispunkt von 149 Mark. Doch selbst zu diesem Preis ist es möglich, Software zu verkaufen.

GM: Wie lautet Ihr Xbox-Urteil?

Wedler: Bis auf die VK-Preise, das Releasedatum und die Menge für Europa wissen wir zum jetzigen Zeitpunkt zu wenig, um uns ein Urteil über Xbox zu erlauben. Wir müssen abwarten, wie Microsoft sich positionieren wird: Wie werden die Verbraucher angesprochen, welches Marketing macht Microsoft, welche Pläne hat Microsoft in der Zusammenarbeit mit dem Handel und welche Announcements kommen möglicherweise noch? Seit PlayStation sind Videospiele auch im Massenmarkt salonfähig. Es gibt also ein breites Kundenspektrum, das über die Hardcoregamer weit hinausgeht, die jede Konsole kaufen und die Microsoft auf jeden Fall erreichen wird. Es wird darauf ankommen, wie viele Personen aus diesem "Massenmarktpublikum" bereit sind, sich Xbox zu kaufen. Die entscheidende Frage lautet aber wie immer: Wie gut ist die verfügbare Software?

GM: Wie verkauft sich Game Boy Advance?

"Softwarepreise spielen keine Rolle"

Wedler: Zu Beginn waren die Abverkäufe hervorragend, dann haben sie etwas nachgelassen. Insgesamt sind wir zufrieden, vor allem, da auch für GBA einige Veröffentlichungen anstehen, die den Hardwareabsatz antreiben können. Natürlich wäre die Kombination aus guter Software und einem günstigeren VK bei voller Handelsspanne die beste Voraussetzung, um die installierte Basis deutlich nach oben zu schrauben.

GM: Stichwort Weihnachtsgeschäft: Einige Highlights wie "Silent Hill 2" haben Sie bereits genannt. Worauf setzen Sie noch?

Wedler: "Harry Potter", "Harry Potter", "Harry Potter"! "Harry Potter" ist generell ein Thema, das einfach nicht zu übersehen sein wird. Coca-Cola hat bereits mit Werbung begonnen- und noch vor dem Kinostart wird es weiteren Marketingdruck geben. Auch wir planen hier einige Aktionen zusammen mit Electronic Arts. Weitere Highlights sind natürlich auch "World Rally Championship" oder "Empire Earth". Es gibt also viel Futter. Der einzige Kritikpunkt ist, dass, wie in jedem Jahr, alle Topreleases innerhalb von sechs Wochen erscheinen. Ich würde mir daher für die Zukunft wünschen, dass die Publisher die VÖ-Termine etwas entzerren.

GM: Eine Forderung, die der Handel schon lange stellt... Ist das Saisongeschäft wirklich ausschlaggebend für den Erfolg eines Spiels?

Wedler: Nein. Jedes Jahr werden wir aufs Neue eines Besseren belehrt. Wir haben "Operation Flashpoint" in diesem Jahr tonnenweise verkauft. Und 2000 hatten wir alle im Sommer mit "Diablo 2" unseren Spaß. Man darf zwei Dinge nicht vergessen: Erstens finden die Ferien in Deutschland nicht gleichzeitig statt. Zweitens fahren nicht alle Menschen in den Urlaub. Den ganzen Sommer über sind also viele Kinder und Jugendliche in Deutschland. Und selbst bei gutem Wetter werden sie einer inzwischen völlig normal gewordenen Freizeitbeschäftigung frönen: nämlich Computer- und Videogames zu spielen.

GM: Dennoch, der Dezember ist der umsatzstärkste Monat...

Wedler: Sicherlich. Doch das nützt den Publishern überhaupt nichts, wenn sie ihre Ware nicht in ausreichenden Stückzahlen in die Regale bekommen. Für jede Handelsform gelten die gleichen Regeln: Sowohl das Bestellvolumen als auch der Platz in den Regalen haben eine feste und damit auch begrenzte Größe. Wenn ein guter Artikel im September veröffentlicht wird und bis November am Markt bleibt, dann hat er bessere Chancen auf höhere Abverkäufe.

GM: Der VUD hatte kürzlich ein Branchenforum veranstaltet, auf dem der Handel auch Themen wie die VÖ-Entzerrung hätte ansprechen können. Allerdings war die Handelsbeteiligung eher gering. Warum war Saturn nicht vor Ort?

Wedler: Wir haben bereits zur E3 klar zum Ausdruck gebracht, dass wir am VUD-Branchenforum aus terminlichen Gründen nicht teilnehmen können. Wenn der Handel dem Verband so wichtig ist, hätte er den Termin abstimmen sollen. Stattdessen wurde ein Zeitpunkt festgesetzt, der in die Vorbereitungs- und Frühphase des Saisongeschäfts fiel.

GM: Generell würden Sie sich aber an solchen Foren beteiligen?

Wedler: Selbstverständlich beteiligen wir uns an allen Aktivitäten und Entscheidungen, die unsere Branche voranbringen. Doch es scheint, als habe der Verband nicht berücksichtigt, was der Handel zu leisten hat. Auch das Management, nicht nur die "Verkäufer an der Front", muss im Saisongeschäft, bei Inventuren und Neueröffnungen mehr als im üblichen Tagesgeschäft leisten, vor allem in einem dezentralen System. Der Aussage, dass auch Publisher bei Handelsevents immer wieder negative Erfahrungen hinsichtlich der Beteiligung machen, kann ich nur hinzufügen, dass wir derzeit fast 40 aktive Lieferanten und etwa 25 Publisher haben, die alle Events organisieren. Nähmen wir an jeder Veranstaltung teil, könnten wir nicht mehr unserem Tagesgeschäft nachgehen, für das wir bezahlt werden. Abschließend muss erwähnt werden, dass das VUD-Branchenforum unglücklicherweise fast zeitgleich zur Bekanntgabe der PS2-Preissenkung stattfand. Gerade bei einem so wichtigen Ereignis sind wir für unsere Verkaufsleiter als Ansprechpartner unerlässlich.

GM: Wir danken für das Gespräch

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