Im Gespräch: Thorsten Reuber, Amazon.de
Seit Juli 2000 bietet Amazon.de Games an. Ein Geschäftsfeld, das dem E-Commerce-Händler inzwischen rasante Zuwächse beschert. GamesMarkt.de sprach mit Thorsten Reuber, Senior General Manager Media, über die Entwicklung des Spieleangebots und neue Herausforderungen in diesem Bereich.
GamesMarkt.de: Amazon.de ist nach aktuellen Untersuchungen der GfK der umsatzstärkste E-Commerce-Händler in Deutschland. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für Ihren Erfolg?
Thorsten Reuber: Wir bieten unseren Kunden den Service, den sie von einem E-Commerce-Unternehmen erwarten - eine schnelle Suche in einer großen Auswahl an Produkten, eine einfache Bestellabwicklung, sichere Zahlungsmodalitäten, günstige Preise und schnelle Lieferung nach Hause. Die übersichtliche Gestaltung der Webseite, ein breites redaktionelles Angebot und persönliche Empfehlungen für Kunden zählen sicherlich ebenfalls zu unseren Stärken. Hinzu kommt die hohe Verfügbarkeit unserer Produkte. Für Kunden, die eine Frage zu einer Bestellung haben oder sich beschweren möchten, ist unser Kundenservice rund um die Uhr erreichbar. Nicht zu vergessen ist die Tatsache, dass wir ein E-Commerce-Pionier sind. Unser Firmengründer und CEO, Jeff Bezos, hat schon früh das Potenzial des Internets erkannt. Heute profitieren wir in Europa von den Erfahrungen, die Amazon in Amerika gemacht hat. Viele Innovationen, die wir hier einführen, haben in Amerika schon die Bewährungsprobe bestanden. Wir können somit auf ein sehr gutes Erfahrungs-Know-how zurückgreifen. Das alles sind Vorteile, die sich in der Summe zur Marktführerschaft addieren.
GM: Welches Sortiment bietet Amazon.de im Gamesbereich an?
Reuber: Unser Angebot ist aufgeteilt in Software und Games. Das Softwareangebot umfasst alles von der Anwender- bis zur Netzwerksoftware und auch den Info- und Edutainmentbereich. Im Gamesbereich bieten wir alles an, was es in Deutschland zu kaufen gibt, also PC-Spiele, alle gängigen Konsolenspiele und auch Handheldspiele.
"Der Gamesbereich macht uns Freude"
GM: Wie entwickeln sich diese Bereiche bei Amazon, wo liegen die Umsatzschwerpunkte?
Reuber: Im Softwarebereich macht die Anwendersoftware ungefähr 60 Prozent des Umsatzes aus, der Info- und Edutainmentbereich ungefähr 40 Prozent. Vor allem letzterer ist ein sehr starker Bereich, den wir sicherlich noch weiter entwickeln können, indem wir Kunden, die zum Beispiel gern ein "Harry Potter"-Buch lesen, zum richtigen Zeitpunkt sagen, dass es auch ein "Harry Potter"-Spiel gibt. Damit schaffen wir ein Bewusstsein für Softwareprodukte, das zuvor nicht existierte. Darüber hinaus werden wir den Kundenstamm von Privatnutzern über institutionelle bis hin zu privatwirtschaftlichen Kunden erweitern.
GM: Wie differenzieren sich die Umsätze innerhalb der Formate PC und Konsole/Handheld?
Reuber: Der Gamesmarkt ist sehr stark im Umbruch begriffen. Als wir im Juli 2000 unseren Gamesbereich gelauncht haben, waren PC-Games das absolut bestimmende Format. In den letzten Monaten stellen wir jedoch fest, dass der Konsolenanteil deutlich höher wird. Zurzeit liegen wir bei einem Verhältnis von 60:40. Innerhalb des Konsolensegments gewinnt vor allem die PS2 an Bedeutung. Unser Gamesbereich macht uns im Moment ganz große Freude, er wächst und gedeiht, das Geschäft steigt rasant. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Konsolensoftwareumsätze einen großen Schub bekommen haben.
GM: Welche Preispolitik vertritt Amazon im Gamesbereich?
Reuber: Hier muss man differenzieren. Anwendersoftware ist ein Produkt, das bei Bedarf eingekauft wird. Hier geht es vor allem darum, den Kunden die richtige Beratung zu geben und ihnen danach das Produkt zu einem fairen Preis anzubieten. Wir orientieren uns hier an den großen und wichtigen Playern im Markt und werden keine Differenzen zwischen uns und dem Wettbewerb zulassen, aber auch keine preisaggressive Politik verfolgen. Im Gamesbereich sieht es eher so aus, dass von unserem großen stationären Wettbewerb Games gern mal als Frequenzbringer genutzt und damit sehr aggressiv gepreist werden. Bis dato haben wir uns hier eher zurückgehalten und versucht, eine moderate Politik zu fahren. Wenn wir dauerhaft mit solchen Wettbewerbsangeboten konfrontiert werden, müssen wir entsprechend reagieren, um Preisparität zu erreichen.
GM: Amazon bietet die Möglichkeit einer Vorbestellung der Xbox an. Wie wird diese genutzt?
Reuber: Die Xbox ist fantastisch angelaufen. Wir waren glücklicherweise der erste Händler in Deutschland, der den offiziellen Verkaufspreis der Xbox veröffentlichen konnte, und haben gleichzeitig die Vorbestellmöglichkeit angeboten. Wir binden unsere Kunden nicht nur über eine Vorbestellung, sondern auch über einen umfassenden redaktionellen Service und informieren sie kontinuierlich über Newsletter.
GM: Der Preis der Xbox bewegt sich im hohen Bereich. Was glauben Sie, wer ist die Klientel für dieses Produkt?
Reuber: Was wir bisher feststellen können, ist, dass die so genannten "Early Adopters" - technikaffine junge Leute zwischen 25 und 30 Jahren - das Produkt bestellt haben, um es auszutesten. Diese Gruppe ist naturgemäß sehr wichtig für den Erfolg oder Misserfolg eines solchen Produkts, denn sie prüft auf Herz und Nieren und gibt ihre Erfahrungen weiter. Was den Preis betrifft, gibt es eine gewisse natürliche Barriere. Letztendlich wird der Markt entscheiden, wie erfolgreich das Produkt ist. Ich denke, was die Xbox angeht, steht und fällt alles mit den Möglichkeiten der Hardware in Kombination mit dem Softwareangebot. Wenn das exzellent ist und wirklich neue Maßstäbe setzt, wird die Xbox erfolgreich sein.
GM: Welche Rolle spielt die Möglichkeit zur Vorbestellung von Neuerscheinungen bei Amazon?
Reuber: Das variiert mit dem Angebot. Im Gamesbereich ist die Bedeutung der Vorbestellfunktion sehr groß. Es gibt eine Art von Produkten, die will der Kunde ganz früh, also am Veröffentlichungstag, haben.
GM: Lässt sich differenzieren, welcher Umsatz zum Beispiel an einem PC-Spiel allein durch Vorbestellungen generiert wird?
Reuber: Wir haben Einzelbeispiele, bei denen über die Hälfte der Bestellungen vor der Veröffentlichung eines Produkts getätigt wurden. Dies lässt sich allerdings nicht generalisieren. Allgemein kann man sagen, dass der Anteil an Vorbestellern eine relativ konstante Größe hat und dass wir im Moment prozentual eher ein Wachstum in Richtung der Verkäufe nach dem VÖ-Termin feststellen. Einfach deswegen, weil unsere Kundschaft inzwischen so groß ist, dass sie eher den Mainstream im weitesten Sinne repräsentiert.
GM: Jeff Bezos sagte bei der Präsentation der Amazon-Zahlen im Oktober, das Unternehmen strebe nun ein "Wachstum mit niedrigeren Preisen" an. Gilt dies auch für Deutschland?
Reuber: Das ist der beste Weg, den wir gehen können. Wir haben in den letzten Jahren - auch in Deutschland - ein rasantes Wachstum geschafft und dabei sehr viel Wert auf ein koordiniertes Wachstum gelegt. Jetzt haben wir eine kritische Größe überschritten, die es uns erlaubt, in der Angebots- und Preisgestaltung mit den großen Wettbewerbern gleichzuziehen.
GM: Bisher müssen mit Ausnahme von Büchern für alle Warensortimente Versandkosten bezahlt werden. Wird dies auch in Zukunft so bleiben?
Reuber: Wir überprüfen unsere Versandkonditionen kontinuierlich und versuchen, unseren Kunden eine möglichst günstige Lieferung zu gewährleisten.
GM: Wie sieht ein durchschnittlicher Amazon-Warenkorb aus?
Reuber: Normalerweise verlässt der Kunde den Shop mit zwei Produkten.
GM: Betrachtet man die Wettbewerbssituation im E-Commerce, wie sehen Sie sich gegenüber Mitbewerbern wie buch.de oder bol.de gestellt?
Reuber: Was den Gamesbereich angeht, gibt es im Onlinesektor nicht so viel Wettbewerb. Wir erwarten allerdings eine deutliche Belebung durch den Einstieg von Electronics Boutique in den deutschen Markt. Hier sehen wir einen Wettbewerber, der ernst zu nehmen ist.
GM: Die Zahl der E-Commerce-Pleiten steigt weiter. Wie ist Ihre Einschätzung - ist die Marktbereinigung abgeschlossen?
Reuber: Im Onlinesektor gibt es eine Menge Klein- und Kleinstanbieter. Ich erwarte in den nächsten zwei oder drei Jahren noch eine deutliche Marktbereinigung. Wir profitieren von dieser Entwicklung.
GM: Welche Erwartungen hat Amazon für das Weihnachtsgeschäft?
Reuber: Ich bin optimistisch, dass wir Anfang nächsten Jahres für Amazon weltweit sehr gute Nachrichten verbreiten können.
GM: Lässt sich vor dem Hintergrund der Euro-Umstellung absehen, wie die künftigen Hauptpreisgruppen aussehen werden?
Reuber: Schwer zu sagen. Sicher wird es einen gewissen Druck auf die Neunerpreise wie 29 und 39 Mark geben. Da steht zu befürchten, dass wir jeweils etwa zwei Prozent verlieren. In anderen, weniger wichtigen Preisfeldern können wir anpassen. Wir müssen sehen, wie sich unsere Wettbewerber positionieren. Wir werden eine klare Umstellungspolitik fahren. Das Internet ermöglicht es uns, einfach und schnell Preisgruppen anzupassen.
GM:Herr Reuber, herzlichen Dank für das Gespräch.