Sega Europe hat die diesjährige Milia für die Ankündigung von Dream- eye und die Bekanntgabe des Abkommens mit Lionhead Studios genutzt. Entertainment Markt sprach mit Jean-François Cécillon, CEO von Sega Europe, über den bisherigen Erfolg der Konsole sowie künftige Pläne und Erwartungen.

Entertainment Markt: Können Sie eine kurze Bilanz des Dreamcast-Starts in Europa und des Erfolgs in den verschiedenen Ländern ziehen?

Jean-François Cécillon: Bis jetzt konnten wir in Europa 700.000 Konsolen verkaufen. Etwa 300.000 davon wurden in Großbritannien, die anderen 400.000 in Kontinentaleuropa verkauft. Großbritannien ist und war auch schon früher der stärkste Markt für Sega in Europa. In der Vergangenheit folgte dann immer Frankreich vor Deutschland. Dies ist auch bei Dreamcast so. Deutschland hatte für uns zum Start auch nicht oberste Priorität. Wir haben dort Dreamcast mit dem Ziel lanciert, den Markt neu auszutesten. Mit Erfolg: Sega Deutschland hat alle Konsolen, Peripheriegeräte und Spiele verkauft, die geliefert wurden. In der Folge haben unsere Erwartungen an den deutschen Markt und dessen Bedeutung für uns deutlich zugenommen.

EM: Welchen Absatz erwarten Sie genau in 2000?

Cécillon: Unsere Verkaufserwartungen für die nächsten zwölf Monate liegen in Großbritannien bei rund 700.000 Konsolen. Auf dem europäischen Festland wollen wir 1,3 Mio. Units absetzen. Wie soeben gesagt, wird Deutschland unserer Meinung nach 2000 der größte Absatzmarkt in Kontinentaleuropa sein.

EM: Wie sehen Bilanz und Erwartungen in puncto Online aus?

Cécillon: In Europa haben sich fast einheitlich 30 Prozent aller Käufer für Online registriert. In Deutschland liegt die Quote etwas unter dem Durchschnitt. Wir haben 120.000 Konsolen in Deutschland verkauft, und wir haben 30.000 Onlineregistrierungen. Wir erwarten aber, dass die Quote auch in Deutschland noch steigen wird. Für das Jahr 2000 rechnen wir für Deutschland mit 150.000 bis 200.000 Neuregistrierungen. Unser klares Ziel für Europa lautet: eine Million Online-nutzer bis zur Milia 2001.

EM: Sie haben auf der Milia ein Third-Party-Abkommen mit Lionhead bekannt gegeben. Wie viele Produkte haben Sie in der Pipeline, und welche Bedeutung haben die europäischen Entwickler für Sega?

Cécillon: Wir bekommen auch aus Europa wundervolle Spiele für Dreamcast. Ein Beispiel ist "Ecco The Dolphin", das in einer ähnlichen Weise die Power unserer Konsole demonstriert wie z. B. "Soul Calibur". Die Bedeutung europäischer Entwickler ist also sehr groß. Insgesamt sind im Moment rund 150 Titel in Arbeit. Etwa 25 davon bei Sega selbst. Wir haben, mit einer großen Ausnahme, alle Publisher mit an Bord. Ich verstehe nicht, warum Electronic Arts nicht längst Dreamcast-Titel im Programm hat. Wir verfügen trotz der relativ kurzen Marktpräsenz über eine Installed Base von 4,5 Mio. Konsolen weltweit. Eigentlich darf man solche Fakten nicht allzu lange ignorieren.

EM: Wie beurteilen Sie die derzeitige Preisentwicklung im deutschen Handel?

Cécillon: Ich wurde in den letzten Wochen oft zur Preisentwick-lung in Deutschland befragt, und ob es dort eine offizielle Reduzierung geben wird. Aber eine Preissenkung muss immer eine strategische Entscheidung sein. Man darf sie nicht auf Grund des Drucks aus bestimmten Handelskanälen fällen. Im April 1999, als wir die Preise für die Dreamcast in Europa bekannt gaben, ernteten wir von allen Seiten Lob. Wir seien sicher vor Preisverrissen, hieß es. Jetzt, etwas mehr als drei Monate nach dem Start, setzen mich einige Händler unter Druck. Dem werde ich auf keinen Fall nachgeben, auch wenn ich viel Respekt und Hochachtung vor unseren Handelspartnern habe.

EM: Irgendwann wird Sega aber den Preis senken...

Cécillon: Ja, es wird eine Preissenkung geben, aber nicht heute. Noch ist es viel zu früh dafür. Ich wette mit Ihnen, dass unsere Abverkäufe für zwei bis drei Wochen steigen und dann wieder deutlich fallen würden, wenn wir jetzt den Preis reduzierten. Wir würden nach zwei Wochen mit einem Kater aufwachen. Und ich glaube, es gibt nichts Schlimmeres, als sich eingestehen zu müssen: Es war eine tolle Party, aber nun zurück zur Arbeit. Wenn wir eine Preissenkung durchführen, wird sie nicht für sich allein stehen. Eine Reduzierung ist nur dann erfolgreich, wenn sie vermarktet wird, wenn auch andere "Hot Properties" angeboten werden, also weitere Softwarehighlights verfügbar, erste Onlinespiele vorhanden und weitere Ankündigungen vollzogen sind. Dann ist eine Preissenkung Teil einer großen paneuropäischen Initiative, dann führt sie zum Erfolg.

EM: Shoichiro Irimajiri hat hier in Cannes Dreameye angekündig. Was macht Dreameye so besonders, und wann wird es veröffentlicht?

Cécillon: Dreameye wird im Juni in Japan erscheinen. In Europa startet Dreameye im letzten Quartal 2000, also noch vor Weihnachten. Dreameye ist die erste Applikation, die wir für Dreamcast veröffentlichen, die im Segment Non-Game-Peripherieprodukte anzusiedeln ist. Viele weitere werden noch folgen. Es wird noch in diesem Jahr zwei bis drei Ankündigungen geben, die so bedeutungsvoll wie die Dreameye-Ankündigung sein werden.

EM: Warum veröffentlicht Sega solche Non-Game-Zubehörartikel?

Cécillon: Dreamcast wird so zu einer "evolutionären" Konsole. Beginnend mit Offline, entwickelt sie sich weiter: Internet, E-Mail, Chats, Onlinegaming, Dreameye etc. Wir wollen Dreamcast zu einem echten "Entertainment Device" machen. Dreameye ist auch nicht nur irgendein Goody. Es kann alles sein, was Sie wollen. Wir können Dreameye als Zusatzgerät für Onlinegamer positionieren oder als Weihnachtsbundle für Familien. Im Endeffekt läuft es darauf hinaus: Dreamcast kann eine Spielekonsole sein, sie kann aber auch einfach nur eine Konsole mit vielen verschiedenen Funktionen sein. Dadurch kommt sie für ein Massenpublikum in Frage und nicht nur für die klassischen Gamer.

EM: Welchen Preis wird Dream-eye haben?

Cécillon: Eine Prognose ist schwierig, da der Preis vom Konsolenpreis zum Zeitpunkt der Dreameye-Einführung abhängig sein wird. Ich denke aber, Dreameye wird billiger als die Konsole sein.

EM: Ein höherer Preis wäre für ein Zusatzprodukt im Consumermarkt auch nicht angebracht...

Cécillon: Dreameye ist nicht unbedingt nur Consumerprodukt. Wie viel kostet beispielsweise die Installation eines funktionierenden Videokonferenzsystems? 100.000 Mark? Wir hatten heute Morgen via Dreameye und Dreamcast eine Videokonferenz zwischen Cannes und Japan. Im Vergleich zu den üblichen Video-konferenzsystemen ist Dreameye um ein Vielfaches billiger und bietet gleichzeitig mit zwölf Frames pro Sekunde eine hervorragende Bildqualität. Wer in seiner Firma ein anderes Videokonferenzsystem als Dreamcast/Dreameye einrichtet, mit dem werde ich kein Wort mehr reden...

EM: Ist Dreameye Teil Ihrer Strategie contra PlayStation2? Wie begegnet Sega der neuen Sony-Konsole?

Cécillon: Wir waren in der Vergangenheit in Deutschland nicht wirklich erfolgreich, weil wir zu- viel Zeit damit verbracht haben, gegen jemanden zu agieren. Ich kenne im Moment weder Preis, noch Erscheinungstermin, noch Software-Line-Up von PlayStation2. Wieso sollte ich mir also Gedanken darüber machen? Wir vermarkten Dreamcast nicht gegen Sony oder die PlayStation2, wir vermarkten sie für Sega. Und jede verkaufte Konsole, jede Onlineregistrierung bringt uns, Sega, Schritt für Schritt voran.

EM: Sony ist mit PlayStation marktführend und dürfte mit PlayStation2 einer Ihrer größten Mitbewerber sein...

Cécillon: Meine Prognose ist folgende: Wenn PlayStation2 an den Start geht, wird Sega ein respektabler Mitbewerber sein. Niemand kann die Entwicklungen genau vorhersehen. Vor einem Jahr glaubte fast niemand an einen erfolgreichen Start von Dreamcast. Heute ist PlayStation2 Zukunft, morgen Vergangenheit. Wir alle agieren in einem Consumermarkt, und da zählt eigentlich nur, was der Consumer will, weniger, was die Konkurrenz macht. Was will der Verbraucher, wann will er es, und wie viel ist er bereit, dafür zu bezahlen? Es ist ein Kreislauf, bei dem jeder versucht, den Verbraucher durch seinen Content zu animieren, Teile seines Medienbudgets für die eigenen Produkte auszugeben. Dieses Geld wird dann wieder in die Optimierung des Contents investiert. So betrachtet gehört AOL heute genauso zu unserem Mitbewerberumfeld wie Nintendo oder Sony Computer Entertainment.

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