Der Amoklauf von Erfurt und seine Folgen: In ersten Reaktionen stellten maßgebliche Politiker "Gewaltvideos und -spiele" in den Mittelpunkt der Debatte. Videotheken sollen durchsucht werden. BVV-GF Joachim A. Birr verteidigt die Videobranche.

Ein Verbot von Gewalt verherrlichenden Videos und Computerspielen sowie Razzien in Videotheken - das und mehr fordern führende Politiker in Reaktion auf den schrecklichen Amoklauf in Erfurt. Kein Wunder, dass es in der Video- und Gamesbranche brodelt. Höchst verärgert ist u. a. Joachim A. Birr, Geschäftsführender Vorstand des Bundesverbands Audiovisuelle Medien (BVV): "Ich schlage vor, diese Razzien einmal wirklich durchzuführen", meint Birr ironisch. "Und zwar gemeinsam mit BKA, LKA, den Herren Beckstein und Schily sowie Vertretern aller Verbände. Sie werden sehen, dass wir nichts zu verbergen haben."

Nirgendwo in Europa würden Filme vor Veröffentlichung intensiver geprüft als in Deutschland. Birr: "Die Videobranche - einen Milliardenmarkt, der Millionen zur Filmförderung beiträgt, Arbeitsplätze schafft und derzeit die einzige boomende Branche in der Industrie darstellt - derartig anzugreifen, zeugt von Unwissenheit und Dummheit!"

Mit einem Seitenhieb auf die bis dato eher zurückhaltenden Kollegen aus der Kinobranche erklärte Birr, die politischen Vorwürfe in Zusammenhang mit dem Erfurt-Drama seien in keinster Weise nur ein Videothema, sondern träfen die gesamte Filmwirtschaft.

Birr: "Das beste Beispiel ist der Film 'Resident Evil'. Dieser Titel, der viele Gewaltszenen enthält, ist gerade im Kino gelaufen und sogar von mehreren Stellen mit nicht unerheblichen Beträgen gefördert worden."

Das Hauptproblem sei jedoch vor allem im Internet zu suchen, weil es die offene Quelle für unzensierte Inhalte sei. Dies sei erst kürzlich auf einem Panel des HDF-Kongresses diskutiert worden. Für Birr macht die Bundesregierung zudem einen großen Fehler, wenn sie vor den Verwertungsgesellschaften klein beigebe und im Rahmen der Urheberrechtsrichtlinie die digitale Privatkopie gestatte:

"Das geht in die völlig falsche Richtung", so der Hamburger Rechtsexperte. Die Gefahr werde umso größer, je stärker Breitbandzugänge verbreitet würden und Flatrates das sekundenschnelle und kostengünstige Downloaden ermöglichten. "Hier entsteht ein großer Markt für Nicht-FSK-geprüfte Filme. Das zuzulassen ist unverantwortlich".

Nicht nachvolziehbar ist für den BVV-Geschäftsführer auch, warum in Sachen Jugendschutz auf politischer Ebene nichts vorwärts geht,zumal Bayern hier blockiert habe: "Seit anderthalb Jahren liegt die Novelle zum Jugendmedien-Staatsvertrag vor, doch nichts geschieht. Sie ist zwar nicht der Weisheit letzter Schluss, aber zumindest ein Ansatz. Wenn sich nicht bald was tut, verlieren wir bei den Kontrollmechanismen komplett den Anschluss."

Birr will nun im Rahmen des "Bündnisses für den Jugendmedienschutz", dem der BVV-Mann vorsteht, versuchen, die Entscheidungsprozesse voranzutreiben. Am Bündni-Tisch sitzen neben dem BVV weitere Organisationen wie IVD, VUD und FSK sowie u. a. Vertreter der Bundesländer Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen.

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