Länderporträt (1): Schweden - Land der jungen Wilden
Aus dem hohen Norden kommen zwar nicht viele Publisher. Dennoch ist die Entwicklerszene dort von beispielhafter Vielfalt. Besonderes Augenmerk wird in Schweden auf Mobile-Entertainment gelegt.
Schweden ist nicht nur das Land der ewigen Nächte und die Heimat von Astrid Lindgren, sondern auch Pionier im Bereich des Mobilfunk und damit des Mobile-Entertainment. Aufgrund der großen Entfernungen in dem abseits der Ballungszentren dünn besiedelten Staat, haben sich Handys schon frühzeitig als selbstverständliches Kommunikationsmittel etabliert. 98 Prozent der schwedischen Bevölkerung nutzen Handys. Damit hat Schweden eine der höchsten Handypenetrationsraten weltweit. Wenig verwunderlich, dass sich schon bald eine junge Entwicklerlandschaft bildete, um die Geräte mit mobilem Content auszustatten. "Ende der 90er Jahre schossen die Entwickler von Mobile-Entertainment wie Pilze aus dem Boden", umreißt Andreas Poike, Chef des schwedischen Entwicklerverbands Association of Swedish Game Developers (ASGD), die Anfänge des Hypes.
Nach dem IT-Crash der letzten Jahre fand zwar eine erzwungene Marktkonsolidierung statt, dennoch blieben mehr als 500 Unternehmen aus dem Bereich Mobilfunk bestehen. 125 davon befassen sich mit der Entwicklung von mobilem Content, darunter nicht zuletzt Mobile-Games. Die bekanntesten darunter sind It's Alive, Carbello und Synergenix. It's Alive nutzen bei ihren Entwicklungen das Ortungssystem von Mobilfunknetzwerken in Spielen wie "BotFighter". Synergenix ist der Entwickler von Mophun, einer virtuellen Konsole, die in den meisten Handymodellen von Sony Ericsson und Handys mit Symbiantechnologie zum Einsatz kommt. Als Geräteentwickler positionierte sich Ericsson - heute Sony Ericsson - als erster Konkurrent gegen Nokia, Samsung und Siemens auf dem Markt.
Mobile-Entertainment ist Kerngeschäft
Das größte Kompetenzcenter für mobile Technologien liegt mit der Kista Science City in der Hauptstadt Stockholm, wo 37 Prozent der Firmen ihren Sitz haben. Die europäische Union hat gerade ein Programm mit dem Namen Iperg (Integrated Project on Pervasive Gaming) für die Forschung und Entwicklung von Mobile-Games gestartet, das mit zehn Millionen Euro Fördergeldern dotiert ist. Laut Andreas Poike fließt davon rund die Hälfte an Unternehmen, die in die Entwicklung von mobilen Games involviert sind. Auch Owen Mahoney, Vice President Corporate Development bei Electronic Arts, sieht Schweden im Bereich Mobile-Entertainment in einer Vorreiterrolle: "Durch seine Expertise im Bereich mobiler Technologien, die hohe Durchdringungsrate mit mobilen Endgeräten und die schwedische Tradition der Innovation ist Schweden hervorragend positioniert für die Entwicklung mobiler Spiele. Ich denke, Skandinavien, die USA und Asien werden den Mobile-Gaming-Markt in Zukunft anführen."
Doch nicht nur im Bereich des Mobile-Entertainment kommt kreatives Potenzial aus dem skandinavischen Land. 85 Unternehmen in Schweden entwickeln Spiele, ungefähr die Hälfte davon ausschließlich. "Schwedische Entwickler haben die Reputation, Titel 'Just in Time' zu liefern. Das ist in der Industrie alles andere als selbstverständlich", lobt Andreas Poike die Termintreue der schwedischen Entwickler und weißt darauf hin, dass "Schweden einer der wenigen Nettoexporteure von Spielen ist". Dies teilt Schweden mit den USA, Großbritannien und Japan. Der heute wohl bekannteste schwedische Entwickler war auch gleichzeitig einer der ersten.
Entwickler mit internationalem Erfolg
Digital Illusions starteten mit der Flipperumsetzung "Pinball Dreams" und sind heute für die Erfolgstitel "Battlefield 1942" und die beiden "RalliSport Challenge"-Teile verantwortlich. Electronic Arts war von den Fähigkeiten des Entwicklers so überzeugt, dass ein umfassendes Publishingagreement vereinbart wurde. Der Publisher investierte 8,5 Mio. Euro in das Unternehmen und erwarb damit 19 Prozent der Aktien des Studios. 2003 erwirtschaftete Digital Illusions einen Umsatz von 27 Mio. US-Dollar, wovon 73 Prozent aus den Projekten mit EA stammten. Gemeinsam mit Daydream, Massive Entertainment und Starbreeze ist Digital Illusions auch Gründungsmitglied der ASGD, die sich im Dezember 2003 zusammenschloss. Die Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, die "Kommunikation zwischen den Entwicklern zu intensivieren", wie Andreas Poike sagt.
Verband fördert Kompetenzen
Zudem organisiert die ASGD regelmäßig Zusammenkünfte mit Sprechern aus der Branche oder mit möglichen Finanziers, um weitere Entwicklungen von jungen Teams möglich zu machen. Auf der letzten Electronic Entertainment Expo (E3) waren die schwedischen Entwickler mit einem Swedish Pavillion vertreten und präsentierten sich so der internationalen Branche. So reich Schweden an Entwicklerstudios ist, so arm ist es an eigenen Publishern. Zwar haben alle größeren Firmen wie Electronic Arts oder Atari schwedische Niederlassungen und ein eigenes Vertriebsnetzwerk, es gibt jedoch nur einen originär schwedischen Publisher. Dieser heißt PanVision und distribuiert seine Produkte über den gesamten skandinavischen Markt. Pan Vision ist zusätzlich im Videovertrieb aktiv. Organisiert sind die Publisher durch den schwedischen Branchenverband MDTS mit Sitz in Stockholm. Der Verband übernimmt dabei ähnliche Aufgaben wie der Verband der Unterhaltungssoftware, VUD, in Deutschland und fungiert als Sprachrohr der Branche. Angeführt wird der MDTS von Maria Tjärnlund, die unter anderem auch die Etablierung der Ausbildungsstätten im Bereich Spieleentwicklung vorantreibt. Schweden legt laut Tjärnlund großen Wert auf die Förderung von Entwicklungskompetenz im eigenen Land.
In Sachen Jugendschutz setzt Schweden auf das europäische PEGI (Pan European Game Information)-System, das Spiele sowohl in geeignete Altersklassen einteilt als auch die Inhalte konkret bewertet. Sticker wie "Gewalt" oder "Drogen" weisen auf bestimmte jugendgefährdende Inhalte hin. Grundsätzlich handelt es sich beim PEGI-System um einen Leitfaden für die Erziehungsberechtigten, nicht um eine verbindliche gesetzliche Regelung wie die USK-Einstufungen in Deutschland. Nachdem 2003 für die schwedische Spielebranche mit einigen Insolvenzen und gestoppten Projekten wirtschaftlich ein eher enttäuschendes Jahr war, hofft Poike auf einen erneuten Durchstart in diesem Jahr.