Mit dem Moorhuhn ins Informationszeitalter
"Computerspiele haben mehr für die Verbreitung von Computern getan als jede andere Anwendung." (Nolan Bushnell am 10.11.98 für Telepolis special: www.heise.de/tp)
Nolan Bushnell, Atari-Gründer und Erfinder des legendären "Pong", konnte nicht ahnen, was sein Computerspiel bewirken wird. Er hat einer neuen Mediengeneration den alltagstauglichen Zugang zur Informationsgesellschaft eröffnet. Kulturtechniken des Multimediazeitalters wurden seitdem hierzulande eher im Kinder- denn im Klassenzimmer erlernt. Dennoch hat in Deutschland bisher kein Kind großes Lob geerntet, wenn es noch in der dritten Spielstunde an PC oder Konsole Lösungsstrategien testet, per Versuch und Irrtum aus Fehlern lernt, sich selbst in komplexen Problemsituationen voranbringt, Erfolg in eigener Lernzeit und ohne pädagogische Begleitung erreicht. Nun will unser Entwicklungsland auch mit Hilfe ausländischer Fachkräfte den eigenen Hightech-Rückstand aufholen. Der jüngsten Mediengeneration kann das nur Recht sein, wenn dadurch auch mehr Ausbildungs- und Arbeitsplätze im Bereich der neuen Informationstechnologien entstehen. Und ausgerechnet ein "Killerspiel" mit Niedlichkeitsbonus scheint in der deutschen Öffentlichkeit jetzt den unguten Zustand zu beenden, da Kinder und Jugendliche ihren Spaß am Computerspiel eher rechtfertigen mußten. Deutschland versteht im Moorhuhnjagdfieber die eigene Kindheit.
Computerspiele auf dem deutschen Markt sind im Urteil von Medienfachleuten, Pädagogen, Journalisten der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) aus der Perspektive des Jugendschutzes zu 95% jugendgeeignet. Das ergibt die Dauererhebung der USK, die seit 1994 über 4.700 Titel (90% des deutschen Marktes) begutachtet hat. Bei 5% lag der Anteil der Titel "nicht geeignet unter 18". Von den über 4.700 USK-Titeln wurde weniger als ein Prozent später in Deutschland indiziert. Wie immer man diese Titel bewertet: Für sie gelten schon heute die denkbar schärfsten gesetzlichen Abgaberegelungen. Trotzdem gab es den Fall Bad Reichenhall. Ein staatliches Medienverbot kann im Einzelfall nicht helfen, suizidale Jugendliche zu schützen. Die Motive von Mord und Selbstmord, wie in Bad Reichenhall, liegen in der Biographie des Jugendlichen, nicht in der Natur bestimmter Computerspiele. Die Einsicht mag politisch unbefriedigend sein. Aber gerade der Einzelfall spricht gegen plausible Wirkungsvermutungen und gegen jede generalistische Lösung.
Zugang und Verkauf in der Öffentlichkeit, wie früher noch beim Film oder Video, sind im Zeitalter digitaler Vertriebswege nicht das Problem. Das Moorhuhn ist schon nach 10 Minuten via Internet auf dem heimischen PC verfügbar. Gespielt wird zu Hause. Gekauft wird in naher Zukunft auch zu Hause. Familien werden sich auch komplexe Spiele im Internet herunterladen können. Eltern sollen und können entscheiden, was zu Hause gespielt und was gekauft wird. In Zukunft noch mehr als heute. Dann müssen wir noch mehr über Qualitäten reden und ein Gefühl für den Charme des neuen Mediums gewinnen, wie früher beim Buch oder beim Comic.
Neue Medien an 50 Jahre alte Regularien des Jugendschutzes "in der Öffentlichkeit" zu binden, wird in der vernetzten Welt der Informationsgesellschaft weder den Medien noch der neuen Mediengeneration gerecht. Jugendschutz kann Kinder ins Informationszeitalter begleiten. Er kann auf Selbstverantwortung set-zen und die Medienkompetenz in allen Altergruppen fördern. Und Politik kann dafür einen förderlichen Rahmen schaffen. Das entspricht wohl auch der Vision des Vaters aller Computerspiele.
Dr. Klaus-Peter Gerstenberger Leiter der USK