Multimediamarkt in Cannes
Die Lizenzmesse Milia, die im letzten Jahr bei Ausstellern und Messeteilnehmern Zweifel an der Veranstaltung hatte aufkommen lassen, hat mit der aktuellen Ausgabe ihre Bewährungsprobe bestanden. Teilnehmer und Organisator zeigten sich mit der Milia 2000 in der modifizierten Form äußerst zufrieden.
Cannes ist eine Reise wert, insbesondere im Frühjahr. Während in den nördlicheren Gefilden noch der Winter tobt, lockt die französische Riviera nicht selten bereits mit blauem Himmel und wärmendem Sonnenschein. Dass die klimatischen Vorzüge allein aber noch keine Messe, und sei es die einzige ihrer Art in Europa, am Leben erhalten, hat die Milia in den letzten Jahren immer wieder zu spüren bekommen und sinkende Teilnehmerzahlen hinnehmen müssen. Zwar rettete man sich stets mit dem Argument, dass sich die Spreu vom Weizen trenne, über die Runden. Der Veranstalter konnte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Messe nicht richtig, oder besser: zur Zufriedenheit der Aussteller und Teilnehmer, ausgerichtet war. Nicht grundlos wurde von Jahr zu Jahr am Konzept der Milia gefeilt, wurden Teile optimiert, andere gestrichen, neue Zielgruppen umworben, zuletzt die Spielebranche, die sich erstmals 1999 in einem Zelt als Milia Games - klein und überschaubar - wiederfand.
Auch für die aktuelle Milia-Ausgabe hatten die Macher wieder am Konzept gebastelt. Erstmals wurde das Kongressprogramm auf zwei Tage in einem Think.Tank Summit gebündelt und der eigentlichen Ausstellung vorangestellt. Ein Wurf, der nicht nur großen Anklang fand, sondern sich auch aus Veranstaltersicht in erfreulichen Zahlen ausdrückte. So meldete die Reed Midem Organisation über 2000 Think.Tank-Teilnehmer aus 49 Ländern. Insgesamt bilanzierte der Pariser Veranstalter, dass 792 Firmen aus 37 Ländern an 315 Ständen auf der Milia Flagge gezeigt hätten, die in die drei Sektionen Interactive Entertainment, Broadband Internet/Interactive Television und Digital Media Distribution gegliedert war. Vertreten seien aber noch weit mehr Firmen gewesen, exakt 2513 aus 52 Ländern. Das entspricht laut Veranstalter im Vergleich zum Vorjahr einem Plus von 13 Prozent bei den Firmen und vier Prozent bei den Ländern. Die gesamte Ausstellungsfläche, einschließlich des erst im Januar 2000 fertig gestellten Espace Riviera, betrug 7254 Quadratmeter. Die Gesamtteilnehmerzahl der Milia wurde mit 7094 beziffert, was gegenüber 1999 eine Steigerung um 4,5 Prozent bedeute. Wer indes gekommen war, um neue Überfliegerprodukte, Sensationen und Neuerungen zu sehen, der wurde enttäuscht. Dennoch gab es die eine oder andere Bekanntmachung, die ausreichend Aufmerksamkeit auf sich zu lenken vermochte.
So meldete Shoichiro Irimajiri, Präsident Sega Enterprises, die Geburt von Dreameye, die weltweit erste Internet-Digitalkamera für Dreamcast. Oder Werner Lauff, von der Bertelsmann Broadband Group, der demonstrierte, welche Möglichkeiten interaktives Fernsehen bietet - von E-Commerce bis zu Video on Demand. Er kündigte an, dass Bertelsmann schon in wenigen Wochen in zehn deutschen Großstädten mit einem Testlauf für interaktives Fernsehen an den Start geht. Überhaupt waren sehr viele Onlineunternehmen auf der Milia zugegen, die Inhalte und Anwendungen für die Business-to-Business- oder Business-to-Consumer-Kommunikation feilboten. Natürlich spielte auch das Thema Onlinegaming eine Rolle: So kündigte Infogrames-President Bruno Bonnell die Gründung einer eigenen Internetfirma, Infogrames.com, an. Mit Investitionen in Höhe von 200 Millionen Mark soll dieser Bereich unter anderem Spiele für das Internet entwickeln. In wenigen Jahren soll diese Division bereits ein Fünftel des Gesamtumsatzes beisteuern. Nicht anders Havas Interactive, die während der Milia den Startschuss für das deutsche, englische und französische Spieleportal WON.net gab, über das User zum Launch bereits mehr als 40 Spiele aus allen Genres vorfinden konnten.
Noch im Laufe dieses Jahres will WON.net auch Portale in Italien, Schweden und Spanien eröffnen. In den USA verfügt WON.net bereits über 2,5 Millionen registrierte User, in Europa rechnet der Anbieter mit monatlich 750.000 Besuchern und 75 Millionen Pageimpressions bis Ende 2000. Ein Investment von 15 Millionen Euro in diesem Jahr soll helfen, die ehrgeizigen Ziele zu erreichen, sagte Kory Stradinger, General Manager WON Europe. Gut gelungen sei auch die Premiere des deutschen Gemeinschaftsstands unter dem Motto "Multimedia Mindmapping Germany", sagte Martin Rasch, Geschäftsführer des mkh multimedia kreativzentrum hessen, das den German Pavilion initiiert hatte. Die Nachfrage nach dem "German Pavilion 2001" sei jetzt schon so rege, dass der Gemeinschaftsstand im nächsten Jahr bestimmt doppelt so groß sein werde. Die diesjährigen Aussteller zeigten sich jedenfalls sehr zufrieden mit ihrem Messeauftritt. Das Kon-zept des Gemeinschaftsstands sei voll aufgegangen, man habe wertvolle Kontakte geknüpft und sehe dem Nachmessegeschäft optimistisch entgegen. Aber auch die Info/Edutainment-Publisher zeigten sich mit dem Messerverlauf durchweg zufrieden und konnten teilweise von guten Lizenzgeschäften berichten. Dabei entpuppten sich einige Anbieter als regelrechte Messespringer, denn zeitgleich mit der Milia fand in Köln die Interschul/Didacta statt, die auch besucht sein wollte, nicht zuletzt, um hier die nach wie vor bestehenden Vorbehalte der Lehrer und "Bildungsbeamten" gegenüber interaktiver Lernsoftware abzubauen.
Dieses doppelte Engagement war mit ein Grund dafür, dass Digital Publishing etwa in Cannes mit einem kleineren Stand vertreten war als noch im Vorjahr und Tivola sich mit seinen Produkten beim internationalen Vertriebspartner wiederfand bzw. in Person von Jürgen Thierig, der über die Messe streifte. Möglicherweise hat diese zeitliche Überschneidung auch den einen oder anderen Anbieter von einer Milia-Teilnahme mit Standpräsenz abgehalten. Selbst in einem Segment, das laut VUD im letzten Jahr erhebliche Zuwächse verzeichnen konnte, sind die Budgets eben beschränkt.
Keine Milia ohne Preise. So wurden auch in diesem Jahr wieder die Milia D'Or und - erstmals - DVD-Awards vergeben. Als einziger deutscher Winner ging die USM-Gruppe aus dem Wettbewerb hervor; sie erhielt für den "Kosmos Weltatlas 2000 DVD-ROM" den Grand Prix DVD-ROM. Auch bei den in diesem Jahr zum zweiten Mal vergebenen ECCSELL-Awards gab es einige deutsche Winner: Im Bereich Edutainment ging ein ECCSELL-Award in Gold an Havas Interactive für "ADDY Mathe Klasse 3+4". Der Preis wurde von einem französischen Vertreter des Publishers entgegengenommen, weil die Organisatoren dieses Preises es leider unterlassen hatten, die deutsche Division zur Verleihung einzuladen oder überhaupt darüber zu informieren, dass hier möglicherweise ein Preis für sie herausspringt. Anders kann man sich die Abwesenheit der beiden weiteren deutschen Gewinner, Buhl Data mit "WISO Sparbuch 98/99" und TopWare mit "D-Info '99 ", nicht erklären. Alles in allem glänzte die Milia in ihrem siebten Jahr mit einer guten Performance, die ihre bisherigen Kritiker befrieden und für sich gewinnen konnte. Die nächste Milia findet jedenfalls statt, und zwar vom 11. bis 15. Februar 2001.