Im Februar 2003 will der finnische Telekomkonzern Nokia mit "N-Gage" ein für Spiele konzipiertes mobiles Endgerät auf den Markt bringen. Nebenbei scheint auch Ericsson die Lust am mobilen Spielen neu entdeckt zu haben: Laut Gerüchteküche wurde das "Red Jade"-Konzept wiederbelebt. Ist das Duo eine tödliche Konkurrenz für den Game Boy?

Das für Anfang nächsten Jahres angekündigte N-Gage entspringt laut Nokia der neuen "Game Deck"-Kategorie, das auf der Series-60-Plattform basiert und mit dem Symbian OS über ein eigenes Betriebssystem verfügt. Nokia bezeichnet das N-Gage als kabellose Multiplayer-Plattform, mit der Kunden sowohl lokal als auch per "Remote Access" an Spielen teilnehmen können. Basierend auf einem in der "Spieleindustrie bewährten Geschäftsmodell" wollen die Finnen das gesamte Potenzial mobiler Kommunikation nutzen. "Spiele sind eine spannende Art der Kommunikation, sie verbinden auch Menschen mit gleichen Interessen", begründet Anssi Vanjoki, Executive Vice President von Nokia Mobile Phones, die Entwicklung des auf Spiele fokussierten mobilen Endgeräts. "Die Kombination zwischen hochwertigen mobilen Spielen und der Möglichkeit, entweder über Bluetooth oder bei weiteren Entfernungen über bestehende Mobilfunknetze mit mehreren Teilnehmern zu spielen, öffnet die Tür zu völlig neuen Spielkonzepten."

"Spannende Art der Kommunikation"

Diese völlig neuen Spielkonzepte sollen unter anderem von Sega entwickelt werden. Zeitgleich zur Ankündigung des N-Gage hat Nokia einen Publishingdeal mit dem japanischen Softwarehaus bekannt gegeben. Segas COO Tetsu Kayama unterstrich vor allem den innovativen Charakter des N-Gage. "Sega fährt eine Multiplattformstrategie. Diese sieht vor, weltweit alle Hardwaretypen mit Softwareinhalten zu beliefern. Wir glauben daran, zusammen mit Nokia ein neues Genre bei Mobile Games zu erschaffen", kommentierte Kayama die aktuellen Pläne - vielleicht auch in Richtung Nintendo und dessen Game-Boy-Plattform. Vanjoki glaubt jedenfalls daran, sowohl der Spieleindustrie als auch der Mobilfunkbranche mit N-Gage neue Möglichkeiten eröffnen zu können. Inwieweit der klassische Gameshandel dabei von N-Gage profitieren wird, ist ungewiss. Nokia präferiert als Distributionspartner Netzbetreiber, die durch die zunehmende Datennutzung neue Einnahmequellen generieren und ihr bisheriges Spielegeschäft erweitern könnten. Das Geschäft soll insbesondere mit Spielen angekurbelt werden, die auf separaten Speicherkarten erworben werden können. Mit diesem System distanziert Nokia sich deutlich von bisherigen Geschäftsmodellen bei Handyspielen.

N-Gage contraGame Boy

Mit dem spielebetonten, technologisch gegenüber traditionellen Handys gereiften N-Gage orientiert sich Nokia vielmehr in Richtung Game Boy Advance. Dabei rechnet sich der Konzern, trotz vermutlich höherem Preispunkt, gute Chancen im Zweikampf aus. Und das, obwohl Spiele bislang eine untergeordnete Rolle bei der Handynutzung spielen und seit April 1989 der Markt für "klassisches" Handheldgaming unter einem Synonym bekannt ist: eben Game Boy. Der 50-plus-x-Millionenseller hat den Markt monopolisiert und etwaigen Mitbewerbern bis dato keine reelle Chance gelassen. Zugegebenermaßen haben Anbieter wie Atari, Sega oder SNK ihren Produkten letztendlich selbst den tödlichen Dolchstoß verpasst. Aber Systemen wie Lynx, GameGear, Neo Geo Pocket oder auch dem WonderSwan von Bandai stand zu jeder Zeit ein besser positionierter Game Boy im Weg. 2003 könnte Nokia jedoch eine Lücke in der sonst dichten Abwehrformation von Nintendo finden.

Die Marke Game Boy verblasst und hinterlässt im Handel mittlerweile einen faden Beigeschmack. Konnten sich zu Anfangszeiten die Lagerdrehzahlen des Game Boy Color noch sehen lassen, ist gerade im deutschsprachigen Raum der Game Boy Advance zum Ladenhüter mutiert. Die oft kritisierte, mittlerweile aber deutlich fehlende Qualitätskontrolle von Nintendo tut ihr Übriges. Noch nie stand für ein Nintendo-Produkt eine solche Fülle an drittklassigen Titeln im Regal, und das zu einem Durchschnittspreis von 50 Euro je Spiel. Auch der schwedische Nokia-Konkurrent Ericsson scheint erkannt zu haben, dass ein Mittelweg zwischen Handy und Game Boy die Zukunft des Mobile Gaming darstellen könnte. Erste Schritte in diese Richtung unternahm Ericsson bereits vor zwei Jahren mit dem Videospielhandheld Red Jade.

Ericssons Red Jade 2003 in Japan?

Ein erster Prototyp stammte von Fredrik Liliegren, der mittlerweile zur Spieleschmiede Digital Illusions ("Battlefield 1942") zurückgekehrt ist, und dem heutigen Ericsson-Manager RJ Mical, Miterfinder des Lynx bei Epyx und der TV-basierten Konsole 3DO im Team von Trip Hawkins. Die Spiele des 64-Bit-Handhelds und selbst ernannten "Game Boy-Killers" sollen etwas über PSone-Niveau gelegen haben. Im April 2001 legte Ericsson das Konzept von Red Jade aber ad acta. Schwere Finanzprobleme, verbunden mit den hohen Produktionskosten des Handhelds, zwangen das Unternehmen zu diesem Schritt. Der Branche war das Red-Jade-Konzept jedoch wohl bekannt. THQ-Chef Brian Ferrell äußerte sich in einer Nachbetrachtung für das TV-Nachrichtenmagazin "CNN Money": "Red Jade war ein großartiges Stück Technologie, hatte aber ökonomisch keinen Sinn. Ericsson sprach von einem Retailpreis zwischen 200 und 300 Dollar. Mit diesem Preispunkt halbiert bzw. viertelt man von vornherein seinen Markt."

Nun kursieren jedoch Gerüchte, dass die Schweden zusammen mit Sony die Handheldpläne wieder zum Leben erweckt haben. Eine entsprechende Ankündigung soll es in Asien nahezu zeitgleich zu Nokias N-Gage-Präsentation gegeben haben. Die Markteinführung sei nach diversen Presseberichten zuerst in Japan im Jahresverlauf 2003 geplant. Anders als bei N-Gage sollen die Spiele jedoch als Downloads vermarktet werden. Eine offizielle Bestätigung von Ericsson steht indes noch aus. Ebenfalls gibt es noch keine Bestätigung von Nintendo hinsichtlich eines Nachfolgegeräts zum Game Boy Advance. Über einen GBA 2, auch als GBA+ bekannt, wird aber bereits seit längerem gemunkelt. Dieser kann eventuell die Nachteile des Nintendo-Handhelds gegenüber N-Gage und einem möglichen Red Jade wieder ausgleichen, sollten sich denn die Gerüchte bestätigen. Insbesondere Verbesserungen am Display, dem größten Kritikpunkt am GBA, sollen implementiert werden. Im Internet publizierte, angeblich originalgetreue Fotografien des GBA+ zeigen ein Handheld, das entfernt an frühere Game & Watch-Geräte erinnert.

GBA als Mischung aus Handy und PDA?

Neben der reinen Spielfunktion richten sich die Spekulationen auch auf eine mögliche Kooperation zwischen Nintendo und einem Mobilfunkanbieter: Der Game Boy Advance als eine Mischung aus Handy und PDA. Ferrell, immerhin Chef des Unternehmens mit dem größten Spieleoutput für das Nintendo-Handheld, bezeichnete die Spekulationen als durchaus realisierbar: "Es wäre eine natürliche Erweiterung ihres Geschäfts. Bevor man ein Telefon in einen Game Boy verwandelt, warum nicht aus dem Game Boy ein Telefon machen? Für mich wäre es keine große Überraschung, wenn Nintendo diesen Weg einschlagen würde."

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