NRW-Familienminister Armin Laschet über die aktuelle Gewaltdiskussion
Nach dem Amoklauf eines Schülers im nordrhein-westfälischen Emsdetten hat die öffentliche Kontroverse um Gewalt in Computerspielen einen neuen Höhepunkt erreicht. Im Gespräch mit GamesMarkt erklärt NRW-Familienminister Armin Laschet (CDU) unter anderem, warum er die geplante Bundesratsinitiative für ein generelles Gewaltspieleverbot "wenig zielführend" findet.
GamesMarkt : Zwei Verständnisfragen vorab: Was sind eigentlich "Killerspiele"? Warum benutzen viele Politiker und Journalisten in der "Killerspiele"-Debatte den Terminus "gewaltverherrlichende Spiele". Wissen diese nicht um die bestehenden Gesetze?
Armin Laschet: Wie Sie richtig feststellen, gibt es bereits Verbote von gewissen Computerspielen. "Killerspiele" sind daher für mich jene Spiele, die nach den einschlägigen Paragrafen des Strafgesetzbuches, namentlich nach § 131 StGB, verboten sind. Nach einem Vorfall wie dem in Emsdetten wird über den richtigen Umgang mit solchen Spielen leidenschaftlich diskutiert, da die Sorge um die Sicherheit besonders der Jugendlichen verständlicherweise groß ist. Da kann es passieren, dass zwischen den unterschiedlichen Klassifizierungen nicht immer sauber getrennt wird.
GM : Nach dem jüngsten Vorfall in Emsdetten haben Politiker - auch aus Ihrer Partei - ein härteres Vorgehen gegen sogenannte "Killerspiele" gefordert. Ist das die richtige Reaktion?
AL: Der jüngste Fall macht die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Debatte über den richtigen Umgang mit solchen Spielen deutlich. Die Forderung nach einem generellen Verbot von Gewaltspielen ist zu einfach. Ich persönlich habe meine Zweifel, ob ein solches Verbot auch wirklich zielführend ist. Zum einen gibt es bereits Regelungen und zum anderen sollte man sich nicht der Illusion hingeben, dass mit zusätzlichen Verboten die kritisierten Spiele nicht mehr zugänglich wären. Vielmehr bringen zusätzliche Verbote einen zusätzlichen Reiz. Im Ausland sind viele dieser Spiele legal zu bekommen und im Internet kann man sie herunterladen. Aktionismus, der an den Ursachen vorbeigeht, darf es also nicht geben - auch wenn einfache Lösungen für dieses schwere Problem populär erscheinen. Auch verdrängt es das Problem: Wie konnte ein Jugendlicher zwei Jahre lang vereinsamt, schwer bewaffnet in Kriegsmontur durch die Gegend laufen und keiner merkt, dass etwas nicht stimmt?
GM : In der "Killerspiele"-Debatte überschlagen sich die politischen Meinungsäußerungen und Forderungen. Wer trägt beim Thema Jugendschutz in Deutschland eigentlich die politische Verantwortung? Warum äußern sich so viele Ressorts zu dem Thema?
AL: Hier muss zwischen den unterschiedlichen Bereichen des Jugendschutzes unterschieden werden. Im Bereich der Bestimmungen zu Alkohol und Ähnlichem tragen andere Institutionen die Hauptverantwortung als beispielsweise im Bereich Rundfunk. Mit Blick auf die Alterskennzeichnung von Computerspielen sind die Obersten Landesjugendbehörden unmittelbar und nicht delegierbar zuständig. Die Alterskennzeichnung ist damit in staatlicher Verantwortung. Die Freigabebescheide erfolgen in einem der Alterskennzeichnung von Filmen ähnlichen Modell und werden auf der Grundlage der Empfehlungen der Unterhaltungssoftware-Selbstkontrolle (USK) getroffen, so wie es das Gesetz vorsieht.
GM : Konkret: Wie beurteilen Sie die niedersächsische Bundesratsinitiative für ein "Killerspiel"-Verbot?
AL: Ich halte sie für wenig zielführend. Die Bundesregierung hat vor Kurzem geprüft, ob eine Verschärfung des Paragrafen überhaupt möglich ist und kam zu der Einschätzung, dass dies den durch die Verfassung gegebenen Rahmen sprengen würde. Ich setze vielmehr darauf, mehr über Computerspiele aufzuklären. Das gilt für Eltern, für Kinder und Jugendliche, aber auch für die Medien. Mit dem Online-Ratgeber für Computerspiele hat Nordrhein-Westfalen hierzu bereits einen Schritt getan. Das reicht aber noch nicht. Wir müssen besser werden.
GM : Eine medienkritische Frage: Obsiegen bei der seit Wochen in und über die Medien geführten "Killerspiele"-Debatte Ihrer Meinung nach die sachlich und fachlich richtigen Argumente oder doch eher die medienwirksameren?
AL: Ich denke, dass die öffentliche Debatte durchaus erfreulich sachlich geführt wird. Es gehört zu einer Diskussion dazu, dass unterschiedliche Positionen aufeinanderstoßen und diesen Positionen vonseiten der Medien Aufmerksamkeit zuteil wird. Am Ende, davon bin ich überzeugt, wird eine vernünftige Entscheidung getroffen werden, wie die Aufgabe Jugendschutz am besten bewältigt werden kann.
GM : Die mit der Alterskennzeichnung befasste USK wird seit Monaten kritisiert, seit Emsdetten deutlich verschärft. Sowohl die Bundesregierung als auch die Bundesjustizministerin und Sie, Herr Minister Laschet, haben sich wiederholt positiv zur Arbeit der USK geäußert. Warum steht die USK dermaßen in der Kritik, obwohl das Prüfverfahren der Alterskennzeichnung den "staatlichen Segen" hat. Ist diese Kritik gerechtfertigt?
AL: Die Kritik an der USK beruht meist auf Unkenntnis der Konstruktion. Fälschlicherweise wird oft angenommen, dass die Industrie großen Einfluss auf die Entscheidungen der USK habe - dem ist jedoch nicht so. Der Einfluss der Industrie beschränkt sich auf zwei Stimmen im Beirat der USK. Die Gutachter und Tester dürfen nicht bei Firmen dieser Branche beschäftigt sein. Außerdem liegt die Trägerschaft der USK, anders als bei der Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, nicht beim Dachverband der Branche. Die USK ist also strenger. Die Kritik ist daher überzogen.
GM : Derzeit läuft die Evaluation des Jugendschutzgesetzes. Sehen Sie hier einen Zusammenhang zwischen den massiven Attacken der jüngsten Zeit auf die USK und dem laufenden Evaluationsprozess?
AL: Nein, den kann ich nicht erkennen. Die Kritik an der USK ist eine verständliche Reaktion einer fassungslosen Öffentlichkeit. Der schreckliche Vorfall in Emsdetten hat uns alle tief getroffen. Die anderen Jugendministerinnen und -minister der Länder sowie des Bundes und ich werden uns dennoch auch weiterhin sachlich mit den Richtlinien und den Kontrollverfahren für Computerspiele befassen und am Ende des Evaluationsprozesses über das weitere Vorgehen entscheiden.
GM : Sie haben wiederholt eine Versachlichung der Debatte um Gewalt in Computerspielen gefordert. Ist eine solche sachliche Diskussion überhaupt noch möglich?
AL: Eine Versachlichung der Debatte ist ebenso möglich wie notwendig. Computerspiele sind für die Jugend von heute Teil ihres Alltags. Die Politik und die Öffentlichkeit müssen die jungen Menschen ernst nehmen und ihnen gesellschaftliche Werte vermitteln. Nur über junge Menschen zu reden oder sie zu stigmatisieren schadet der Durchsetzung des Jugendschutzes und verhindert die Vermittlung angemessener Medienkompetenz.
GM : Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen im Umgang mit Computerspielen?
AL: Meine Kinder sind in dem Alter, in dem der Computer für sie wichtig ist: als Hilfsmittel zur Bewältigung ihrer Schularbeiten, als Informationsquelle aber auch als Unterhaltungs- und Spielmedium. Meine Frau und ich achten darauf, dass sie nur mit den Programmen und Anwendungen in Kontakt kommen, die ihrem Alter angemessen sind. Das ist selbstverständlich nicht immer leicht. Gerade deswegen ist es notwendig die Informationsmöglichkeiten für die Eltern zu verbessern.
GM : Welche wirtschaftliche Bedeutung haben Computer- und Videospiele und die zugehörige Branche gerade für das Land NRW?
AL: Mit drei großen Publishern in Nordrhein-Westfalen müssen wir sicher auch über die ökonomische Bedeutung sprechen, auch wenn diese Branche im Vergleich zu anderen keine so große Rolle spielt. Aber ich gehe davon aus, dass die Bedeutung wachsen wird. Die Branche stellt moderne Produkte her, es geht um Hightech. Und gerade das braucht Nordrhein-Westfalen für den Strukturwandel. Ich jedenfalls wäre froh, wenn sich weitere Firmen entschließen würden, die gute Infrastruktur des Medienlandes Nordrhein-Westfalen zu nutzen.