Mit großen Plänen ist Havas Interactive ins Jahr 2000 gestartet. Entertainment Markt sprach mit Stefan Nußbaum über den bevorstehenden Einstieg ins Konsolengeschäft, die Bedeutung des Internets für den Konzern und die Entwicklungsaussichten des Kindersoftwaremarkts in Deutschland.

Entertainment Markt: Verkäufe, Umbenennungen, Neuausrichtungen - die vergangenen zwei Jahre waren für das Unternehmen sehr bewegt. Können Sie kurz den heutigen Havas Interactive-Konzern darstellen?

Stefan Nußbaum: Havas Interactive ist der größte Hersteller im PC-CD-ROM Bereich weltweit. Neben dem Headquarter in den USA haben wir fünf Niederlassungen in Skandinavien, Spanien, Frankreich, England und Deutschland. In Frankreich befindet sich auch die Europazentrale, die das gesamte Nicht-Amerika-Geschäft koordiniert. Von der Umsatzstruktur entfallen 30 bis 35 Prozent auf den Bereich Education, fünf bis zehn Prozent auf Home-Software und der Rest auf den PC-Games-Bereich.

EM: Wie ist Havas Interactive in Deutschland positioniert?

Nußbaum: Außerhalb der USA ist für uns Deutschland der mit Abstand größte Markt. Die Umsatzstruktur ist ähnlich verteilt, wie bereits für den Konzern dargelegt. Laut GfK sind wir vor allem im Segment lehrplanbasierte Software mit großem Abstand Marktführer. Doch auch unser Spielesortiment ist inzwischen sehr stark, sodass wir - ebenfalls laut GfK - Anfang des Jahres auch in diesem Sektor für mehrere Wochen führend waren.

EM: Welche Auswirkungen gab es auf die Produktpolitik?

Nußbaum: Wir haben bereits '99 mit Umstrukturierungen im Sortiment zu Gunsten der Qualität begonnen, die auch in diesem Jahr weitergeführt werden. Unter anderem wurden Projekte stillgelegt, obwohl bereits hohe Kosten entstanden waren. Die guten Wertungen für unsere letzten Veröffentlichungen und die hohe Akzeptanz im Handel haben uns aber in unserem Glauben an diese Qualitätsstrategie bestätigt. Die konsequente Weiterführung dieser Politik wird in diesem Jahr zu einer geringeren Zahl an Veröffentlichungen führen. So sind im Spielebereich etwa 20 neue Titel geplant. Wir gehen aber davon aus, dass die Titel, die wir veröffentlichen werden, einen noch höheren Erfolg im Markt haben.

EM: Havas Interactive wird sich erstmals auch im Konsolenmarkt engagieren...

Nußbaum: Ja. Die ersten Veröffentlichungen sind auf Herbst 2000 terminiert. Unser Ziel ist es, mit dem US- und Europa-Start der PlayStation2 ein schlagkräftiges Sortiment zur Verfügung zu haben. Schlagkräftig ist in diesem Zusammenhang ebenfalls auf die Qualität und nicht unbedingt auf die Quantität der Produkte zu beziehen.

EM: Die Konzernergebnisse aus '99 waren sehr positiv. Können Sie Zahlen für die deutsche Division nennen?

Nußbaum: Nein, ich kann ihnen keine genauen Umsatzzahlen für Deutschland nennen. Allerdings haben wir hierzulande trotz Releaseverschiebungen von wichtigen Titeln wie "Diablo 2" eine Steigerung von ca. 15 bis 20 Prozent erzielen können. Zusammengefasst war '99 für uns ein durch die Bank sehr gutes Jahr.

EM: In Deutschland wurden '99 Veränderungen bei den Vertriebspartnern vorgenommen. Warum?

Nußbaum: Wir haben zum einen personell aufgestockt, und zum anderen konzentrieren wir uns nur noch auf zwei statt wie bisher drei Distributoren - NBG und Groß. Der Schritt war notwendig, da am Ende zwischen den Distributoren eine zu große Konkurrenzsituation entstanden war. Als weiteres Novum arbeiten wir seit kurzem mit m8 im Buchhandelsbereich zusammen. Die Partnerschaft mit m8 trägt den speziellen Eigenschaften des Buchhandels Rechnung, auf die unsere Logistik nicht zu 100 Prozent optimal eingehen konnte. m8 hat uns ein sehr gutes Komplettmodell angeboten, mit der wir eine optimale Zusammenarbeit mit dem Buchhandel erreichen. Ich betrachte dies als wichtigen Schritt, da sich der Buchhandel speziell im Wissensbereich einen nennenswerten Umsatzanteil erarbeitet hat.

EM: Gibt es neben dem Partner weitere Besonderheiten in der Zusammenarbeit mit dem Buchhandel?

Nußbaum: Ja, wir werden im Buchhandel ein leicht reduziertes Sortiment anbieten, da es z. B. im Spielebereich Genres gibt, die der Buchhandel nicht anbieten will oder kann. Ähnlich werden wir aber auch im Spielwarenhandel ein modifiziertes Sortiment haben, das sich von dem der Vollsortimenter leicht unterscheidet. Natürlich werden die Großen wie MediaMarkt, Saturn, Pro Markt, Karstadt etc. unsere Core-Kunden bleiben. Unsere generelle Vertriebsstrategie wird sich aber auf eine stärkere Berücksichtigung der jeweils speziellen Eigenschaften eines Handelskanals ausrichten. Un-sere Kundenstruktur ist sehr heterogen. Und wenn beide Seiten aufeinander zugehen, entsteht eine Win-Win-Situation.

EM: Welche Bedeutung messen Sie dem Internet bei?

Nußbaum: Auch auf die Gefahr hin, dass Sie diesen Satz schon öfter gehört haben: Das Internet ist für uns ein strategisches Moment. Glücklicherweise sind wir aber gerade in puncto Onlinegaming sehr, sehr gut positioniert. Unser Won.net ist mit Abstand marktführend und wird auch in diesem Jahr ausgebaut. Mittelfristig soll der Onlinebereich eine Umsatzgröße im zweistelligen Prozentbereich erreichen.

EM: Welche Bedeutung wird der Onlineverkauf beim Erreichen dieses Umsatzziels spielen?

Nußbaum: Natürlich wird der Bereich Onlinshopping generell Stück für Stück wachsen. Allerdings glaube ich nicht, dass Online den stationären Handel verdrängt. Unsere Strategie ist, eine intelligente Verbindung zwischen dem Online- und Offline-Geschäft zu erreichen. Beispiele hierfür sind "Half-Life" oder "Diablo", deren Onlinefunktionalität einen erheblichen Mehrwert für die Käufer darstellt. Diese Möglichkeiten des Internets sind interessanter als der reine Verkauf von Waren über das Web.

EM: Wie schätzen Sie die Entwicklung des Kindersoftwaremarkts gegenüber dem Spielemarkt ein?

Nußbaum: Kindersoftware ist das sich am stärksten entwickelnde Marktsegment, wenn auch auf einem niedrigen Niveau. Im Vergleich zu den USA oder Frankreich besteht natürlich eine sehr große Diskrepanz. Auf der anderen Seite haben wir '99 von der "Addy"-Reihe rund 350.000 Einheiten durchverkaufen können. Es ist also möglich, sehr gute Verkaufszahlen zu erreichen. Und das mögliche Absatzvolumen steigt weiter an.Der PC-Spielemarkt wird meiner Meinung nach proportional zu der Hardwareausstattung wachsen. Diese hat mit den angeblich 16 Mio. PCs in deutschen Haushalten noch nicht das Maximum erreicht. Gerade Händler wie Aldi u.a. werden ihren Teil zu einer höheren Haushaltsausstattung beitragen. Zusammengefasst sind wir Teil einer boomenden Branche, die überproportional zu vergleichbaren Branchen wie Musik oder Video wächst.

EM: Gerade Schulen könnten durch einen offeneren Umgang mit Kinderlernsoftware den Markt beleben. Wie beurteilen Sie die momentane Situation?

Nußbaum: Im Großem und Ganzen stehen wir dort noch immer vor einer Wand. Schulen gehören zu den größeren Bremsklötzen für den Markt. Das Durchschnittsalter deutscher Lehrer liegt meines Wissens bei 50,5 Jahren. Und die Tatsache, dass Schüler ab der 3. Klasse in der Regel mehr vom PC verstehen als ihr Gegenüber, macht die Situation nicht einfacher. Allerdings bricht langsam das Eis und immer mehr jüngere Lehrer gelangen in Entscheiderpositionen. Erste Erfolge bei der PC- oder Internetausstattung konnten erzielt werden. Von der Situation in den USA oder anderen Ländern sind wir aber noch weit entfernt.

EM: War Havas Interactive deshalb auf der Interschul gemeinsam mit Tivola und Digital Publishing präsent?

Nußbaum: Ja, der Gemeinschaftsstand war ein sehr gutes Zeichen, dass wir alle die gleichen Interessen verfolgen. Uns war es wichtig, das Thema voran zu bringen, allen Bedenken der Mitbewerber hinsichtlich des Nutzens der Messe zum Trotz.

EM: Einerseits will der VUD die Anbieter von Kindersoftware als Mitglieder gewinnen. Andererseits ist das Engagement des Verbands in diesem Marktsegment begrenzt. Wie beurteilen Sie diese Situation?

Nußbaum: Das ist natürlich der momentane Ist-Zustand. Der Verband hat seitens der Mitglieder ein Übergewicht im Spielebereich. Auch deshalb scheint eine Verbandsmitgliedschaft für Kindersoftwareanbieter nur bedingt sinnvoll. Man kann nur alle Publisher einladen, sich möglichst schnell dem Verband anzuschließen. Denn nur so lassen sich meiner Meinung nach über den Verband Erfolge auch im Kindersoftwarebereich erreichen. Ich persönlich hoffe, dass die aktuellen Umstellungen im Verband den Beitritt und damit ein Engagement weiterer Firmen zur Folge hat.

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