UKIE veröffentlicht Leitprinzipien zu Lootboxen
Um gesetzlichen Regulierungen zu entgehen, veröffentlicht der UK-Verband UKIE in Zusammenarbeit mit dem UK-Kulturdepartment elf Leitprinzipien zum ethischen Umgang der Industrie mit Lootboxen. Aus dem Schneider sind die Studios damit noch nicht: Auf GamesMarkt-Anfrage weist ein Rechtsexperte auf offen gelassene Schlupflöcher hin, die UK-Regierung wolle zudem "genau beobachten", ob die Selbstverpflichtung ausreiche.
Genau vor einem Jahr hatte die Regierung des Vereinigten Königreichs die Gamesindustrie in die Verpflichtung genommen. Damals kündigte die UK-Regierung an, vorerst nicht gesetzlich gegen Lootboxen und andere glückspielähnliche Praktiken vorzugehen, die Studien zufolge Kinder und anfällige Personen schädigen oder zur Glücksspielsucht beitragen können. Vorerst, denn die Regierung verlangte damals von der Industrie, eine ausreichende Selbstregulierung zu erarbeiten, sonst würde das Parlament einschreiten. Nun, genau 365 Tage nach dieser Verkündung, veröffentlicht der UK-Gamesbranchenverband UKIE die in Zusammenarbeit mit dem Department for Culture, Media and Sport (DCMS) der Regierung erarbeitete Selbstverpflichtung. Diese legt elf Prinzipien für die Industrie fest, auf deren Einhaltung sich die Mitglieder einigen. Außerdem verpflichtet sich der Verband, nach 12 Monaten Bilanz über die Effektivität zu ziehen und die Ergebnisse der Regierung vorzulegen. Das Video Games Research Framework als Forschungsprojekt der Regierung wird weiterbestehen und mit Unterstützung von UKIE auch Forschung zu Lootboxen integrieren.
Bereitstellung von technischen Kontrollen, um den Erwerb einer Lootbox durch Personen unter 18 Jahren ohne die Zustimmung oder das Wissen eines Elternteils, Erziehungsberechtigten oder Vormunds wirksam zu verhindern.
Förderung des Bewusstseins und der Akzeptanz der technischen Kontrollen bei allen Spieler:innen, Eltern, Betreuer:innen und Vormündern durch regelmäßige Kommunikation, beginnend mit einer gezielten öffentlichen Informationskampagne, die noch im Juli starten soll.
Einsetzen eines Expert:innen-Gremiums für Alterskontrollen in der Spieleindustrie. Die Gruppe soll regelmäßig zusammentreffen, um Verfahren zu entwickeln und auszutauschen, sich über technologische Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten und Möglichkeiten für die Entwicklung verbesserter Systeme zu erkunden, wobei sie sich bei Bedarf mit den zuständigen Regulierungsbehörden und politischen Entscheidungsträgern austauscht und Spieler, Eltern und Betreuer sowie Drittorganisationen konsultiert.
Offenlegung des Vorhandenseins von Lootboxen vor dem Kauf und Herunterladen eines Spiels, damit die Spieler:innen eine fundierte Entscheidung treffen können.
Klare Angaben zur Wahrscheinlichkeit von Lootbox-Pulls. Die Spieler:innen sollten auch darüber informiert werden, wenn ihre Daten verwendet werden, um die Spielerfahrung mit bezahlten Lootboxen zu beeinflussen.
Lootboxen müssen so gestaltet und präsentiert werden, dass sie für die Spieler leicht als solche verständlich sind.
Unterstützung der Umsetzung des Regierungs-Forschungsnetzwerks Video Games Research Framework zur Erleichterung einer qualitativ besseren, datengestützten Forschung im Bereich der Videospiele.
Vorgehen gegen den externen Verkauf von Gegenständen aus Lootboxen gegen echtes Geld und Investitionen in den Schutz des geistigen Eigentums zur Bekämpfung solcher Verkäufe.
Verpflichtung zu einer nachsichtigen Rückerstattungspolitik für direkt gekaufte Lootboxen oder gekaufte Spielwährung, die zum Erwerb von Lootboxen verwendet wurde, wenn die Ausgaben ohne die Zustimmung oder das Wissen der Eltern getätigt wurden, mit klar ausgewiesenen Kontaktmöglichkeiten für den Kundendienst.
Schutzmaßnahmen vor dem Kauf von Lootboxen für Spieler:innen. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe wollen sich dafür einsetzen, Informationen darüber zur Verfügung zu stellen, wie sie verantwortungsvoll spielen und ihre Ausgaben für Lootboxen verwalten können. Die Gruppe will mit Drittorganisationen, Spieler:innen, Eltern und Wissenschaftler:innen und Forschungsergebnisse, die im Rahmen des Video Games Research Framework entwickelt werden, implementieren.
Zusammenarbeit mit der britischen Regierung und anderen relevanten Akteuren, um die Wirksamkeit dieser Grundsätze nach einem angemessenen Umsetzungszeitraum von 12 Monaten zu messen. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe verpflichten sich, diese Maßnahmen nach ihrer Umsetzung zusammen mit der britischen Regierung regelmäßig zu überprüfen und die Wirksamkeit der öffentlichen Informationskampagne zu beurteilen.
Daniel Wood, Co-CEO der UKIE, kommentiert: "Die Veröffentlichung dieser gemeinsamen Grundsätze für den Umgang der Branche mit Lootboxen ist eine britische Premiere und gibt uns eine klare Richtung vor. Die Grundsätze werden den Schutz für alle Spieler verbessern und unterstreichen das Engagement der Branche für sicheres und verantwortungsvolles Spielen. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit der gesamten Branche und mit anderen, um sie in den kommenden Monaten umzusetzen."
Über die Einordnung der Richtlinien zeigen sich gespaltene Meinungen. Während die UK-Regierung vorsichtig optimistisch darauf blickt, die Industrie jedoch noch nicht aus der Verantwortung lässt, sind manche Rechtsexpert:innen kritischer. Auf Anfrage von GamesMarkt zeigt sich Leon Y. Xiao, Jura-Fellow der Universität Kopenhagen und Experte für Lootboxen- und Glücksspiel-Recht in UK, skeptisch zu einigen Punkten. Unter anderem vermeiden die Richtlinien laut Xiao explizit, Ausgabeverbote für Kinder zu erwähnen. "Es ist gut, dass die elterliche Kontrolle, die Offenlegung der Präsenz und die Offenlegung der Wahrscheinlichkeit gefordert werden. Leider bin ich der Meinung, dass der Grundsatz ein wenig weiter gehen und buchstäblich ein Ausgabenlimit von null Pfund für Kinderkonten vorschreiben sollte, anstatt nur zu sagen, dass dies die beste Praxis der Branche ist." Auch Wahrscheinlichkeitsangaben können unter den Richtlinien zu konturlos bleiben, sagt er. "Bei den Wahrscheinlichkeitsangaben wird eine kategoriebasierte Angabe (z. B. seltene Gegenstände: 10 Prozent) als konform anerkannt, was nicht gut genug ist, da die Spieler manchmal wissen möchten, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, einen bestimmten seltenen Gegenstand zu erhalten."
Besonders kritisch sieht Xiao, der vor Veröffentlichung der Richtlinien einen eigenen Katalog an wünschenswerten Selbstverpflichtungen veröffentlicht hatte, dass die Richtlinien keine Normen im Bezug auf Casinogames enthalten, obwohl diese auch zum Teil von Spiele-Herstellern und Publishern vertrieben werden. Die Richtlinien sagen nichts über die sozialen/simulierten Casinospiele, über die sich die Leute meiner Meinung nach ebenfalls Sorgen machen. Einige der Grundsätze sind generell ziemlich weich, sodass es schwer zu messen wäre, ob sie eingehalten worden sind."
Ein Knackpunkt für die Effektivität der Richtlinien ist laut ihm außerdem die Vermittlung der Prinzipien an Studios, die in UK agieren, aber nicht Teil von UKIE sind. Laut UKIE gelten die Prinzipien zunächst nur für die eigenen Mitglieder, das sind aktuell laut Website 396 Game-Studios und 266 nicht näher definierte "Partner-Mitglieder". "Meiner Meinung nach hat man sich nicht genügend Gedanken darüber gemacht, wie man diese Regeln den Mitgliedern der britischen Spieleindustrie, die nicht der UKIE angehören, vermitteln kann. Woher sollte zum Beispiel ein chinesisches Unternehmen von diesen Regeln wissen? Unsere bisherigen Untersuchungen legen nahe, dass mangelndes Wissen ein Grund für die Nichteinhaltung ist", so Xiao.
Ob die britische Regierung sich langfristig mit den Leitlinien zufrieden gibt, wird sich in den nächsten 12 Monaten zeigen. Der britische Minister für die Kreativwirtschaft, John Whittingdale, betont, dass man als Regierung genau auf die Industrie blicke: "Wir haben deutlich gemacht, dass die Videospielindustrie mehr tun muss, um Kinder und Erwachsene vor den Schäden zu schützen, die mit Lootboxen verbunden sind. Diese neuen Grundsätze sind ein großer Schritt nach vorn, um sicherzustellen, dass die Spieler Videospiele verantwortungsvoll und sicher genießen können. Ich freue mich darauf, zu sehen, wie die Spieleunternehmen die Pläne in die Tat umsetzen, und werde ihre Fortschritte genau beobachten."
Rachel de Souza, Children's Commissioner der UK-Regierung, schlägt deutlich weniger diplomatische Züge an: "Ich bin nicht der Ansicht, dass diese von der Industrie ergriffenen Regulierungsmaßnahmen Kinder ausreichend schützen. Ich werde das Engagement von UKIE und der Branche für die von ihnen vorgeschlagenen Maßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet prüfen und die Notwendigkeit einer stärkeren Regulierung weiter verfolgen", so de Souza in ihrem Statement. "Auch wenn einige dieser angekündigten Maßnahmen die Schäden bis zu einem gewissen Grad abmildern können, ändert dies nichts an der Tatsache, dass es sich bei bezahlten Lootboxen um Glücksspiel handelt. Als Kinderbeauftragter habe ich deutlich gemacht, dass Kinder vor Schaden im Internet geschützt werden müssen, und ich bin der Meinung, dass Lootboxen für alle Kinder nicht zugänglich sein sollten."