"What’s Real?", fragt das GamesFestival23 im Münchner Pathos Theater an diesem Wochenende.  Zu den schlimmen Realitäten gehören zerstörte Schulen im Krieg gegen die Ukraine, für die das Festival mit einer besonderen Jugendleitung in diesem Jahr Spenden sammelt.

Zum dritten Mal organisiert sich in München vom 28. April bis zum 1. Mai 2023 eines der wohl innovativsten Konzepte für eine Gamingmesse: Das GamesFestival23 im Pathos Theater wird von der ComputerSpielAkademie des JFF — Institut für Medienpäda­gogik veranstaltet und bindet aktiv Jugendliche und junge Erwachsene in die Festivalorganisa­tion ein. So wird die programmatische Planung des Events traditionell von einer Jugendfestivalleitung ausgerichtet, für die sich Interessierte unter 27 bewerben können. In diesem Jahr soll das Thema "What’s Real?" heißen, und von KI über XR bis hin zu Gamepaddesign und Hybrid-Boardgames alles abdecken, was Realitäten vermischt und verschwimmen lässt. Und obwohl es sich an die junge Bevölkerung richtet, kommt auch die Gamesbranche als Ansprechpartnerin und Angesprochene nicht zu kurz. "Am Sonntag, den 30.04. ab 13:30 gibt Filmproduzent Albert Bozesan einen interaktiven Vortrag, bei dem er auf Zuruf mit mehreren KI-Techniken ein Computerspiel entwickelt", stellt Ulrich Tausend eines der für die Branche besonders spannenden Teilevents vor. Tausend ist Medienpädagogischer Referent beim JFF und für die Organisation des GamesFestivals mitverantwortlich. "Um 17:30 am selben Tag organisiert Start Into Media ein Netzwerkevent, bei dem die jungen Gamedesigner:innen, die eingereicht haben, Vertreter der Branche kennenlernen können. Außerdem gibt es mehrere Talks zum Thema Diversity in Medien & Games bzw. Inklusion und Gaming über das Event verteilt. Mit dem Gamecamp findet auch ein Barcamp zu Games, Gameskultur und Gamesentwicklung statt, bei dem jeder eigene Sessions vorschlagen und halten kann." Dazu kommt eine Games­ausstellung zum Titelthema, zudem wird wie in jedem Jahr der Games-Preis verliehen, dessen Jury ebenfalls aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen besteht.

Im Zeichen der Solidarität mit der Ukraine

In diesem Jahr gehört zum Games­Festival ein besonderer Charity-Part. Vorsitzender der Jugendfestivalleitung 2023 ist nämlich Alexander Chumak, ein ukrainischer Student aus Kyiv, der zum Kriegsbeginn im letzten Jahr mit gerade einmal 17 Jahren nach Westen floh. Nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in Polen kam er im Sommer 2022 nach Deutschland ins Allgäu. Während des Aufenthalts dort nahm Chumak Kontakt zu XR Hub Bavaria auf, einer Plattform für Akteure der XR-Community. „Bei einer Veranstaltung von XR Hub Bavaria habe ich die Kolleg:innen vom GamesFestival kennengelernt und wir haben relativ schnell entschieden, dass wir zusammenarbeiten wollen“, so Chumak. Als Teil des XR Hub hat der nun 18-Jährige sein Projekt "UAINVR" ent­wickelt, eine VR-Anwendung, die Schulen im zerstörten Mariupol zeigt. "Ich habe 'UAINVR' als eine Idee für ein Fundraising-Projekt gestartet, bei dem ich Szenen der Zerstörung von öffentlichen Lernorten in der Ukraine nachstellen konnte. Da aufgrund des Krieges viele Schulen und Kinder­gärten zu Zufluchtsorten für Familien wurden, zeigt das Projekt 'UAINVR' mit einer Drohne aufgenommene Schulen, die von den russischen Streitkräften bombardiert und vollständig zerstört wurden."

Fundraising für zerstörte Schulen

Ganz nach Chumaks Vorstellung ist "UAINVR" beim GamesFestival23 in einem Fundraising-Kontext involviert: Zum einen als Kunstausstellung, deren virtueller Inhalt sich im Laufe des Festivals anpasst, zum anderen im Rahmen eines E-Sport-Turniers. "Im Rahmen des GamesFestival23 organisiert Alex Chumak eine Spendenaktion für die Ukraine. Diese wird bei mehreren Veranstaltungen des Festivals aufgegriffen. So hat er eine in der Ukraine zerstörte Schule vir­tuell nachgebildet, die man in der Festivalausstellung besuchen kann. Außerdem organisiert Munich eSports ein CS:GO Fundraising-Turnier mit Teams aus ganz Deutschland und eine Fundraiser-GamesShow, bei der zwei Kontrahenten, mithilfe des Publikums, in verschiedenen Spielen, um den Sieg kämpfen", erklärt Tausend. Das Geld aus den Charity-Events soll den zerstörten Lernorten in der Ukraine zugutekommen.

Gemeinsame Realitäten

Doch auch über den Einsatz für seine Heimat ist Chumak in diesem Jahr tonangebend für das GamesFestival. Inhaltlich arbeitet Chumak an der Programmentwicklung des Festivals mit, unterstützt bei der Ansprache und Vernetzung neuer Zielgruppen und wird während des Festivals beim Talk zum Festivalthema "What’s Real?" beteiligt sein, sowie einen Blender Workshop zum Thema 3D-Design abhalten. Darüber hinaus entwickelt er derzeit mit anderen Team-Mitgliedern eine virtuelle 3D-Anwendung, die auch den digitalen Besucher:innen des Games­Festivals den Besuch der Ausstellung „What’s Real“ ermöglicht: Eine gescannte und begehbare Karte des Festivalgeländes im Münchner Kreativquartier. Die Zusammenarbeit macht das GamesFestival, das eigentlich kein tagespolitisches Event ist, in diesem Jahr zur internationalen Angelegenheit. Tausend erklärt: "Durch die Mitwirkung von Alex als JugendFestivalLeitung erweitern wir unseren Wirkungskreis. Er hält beispielsweise regelmäßig Kontakt zu Journalisten in der Ukraine, die sich mit dem Thema Gaming befassen. Außerdem können wir so junge Menschen aus der Ukraine per Livestream in unsere Angebote einbinden; dahinter steckt auch eine politische Botschaft: Unterstützung der Menschen in diesem kriegsgeschüttelten Land und internationale Vernetzung von Jugendlichen durch das Thema digitales Spielen." Die Gaming-Szene in der Ukraine ist nur in Teilen, meist in den Städten, gut ausgeprägt. Oft fehlt es an leistungsfähigen Rechnern, um speicherintensive Spiele spielen zu können. Dennoch interessieren sich junge Menschen in der Ukraine für die gleichen Spiele wie hierzu­lande, erklärt Chumak, es gebe dort Communitys von Call of Duty oder Fort­nite wie hier auch. "Die Jugend in der Ukraine spielt solche Spiele, um gemeinsam Spaß zu haben — in diesen Krisenzeiten aber auch, um vorübergehend den Schrecken des Krieges ausblenden zu können", so Chumak. "Im Moment habe ich wenig Kontakte zu Gamern oder der Spiele-Community in der Ukraine, aber ich arbeite daran, sie zu unserem Festival einzuladen, und ich versuche, sie dazu zu bringen, an dem Stream teilzunehmen, den wir für die ukrainische Wohltätigkeitsorganisation machen werden. Es gibt also noch viel zu tun, aber ich bin sehr optimistisch."

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Written by

Pascal Wagner
Pascal Wagner is Chief of Relations of GamesMarket and Senior Editor specialised in indie studios, politics, funding and academic coverage.