Ein Jahr nach dem Verkauf präsentiert sich die Agentur von Georg Reckenthäler fortan als Ranieri Deutschland. Die Pläne sind groß, der einheitliche Auftritt soll den Weg ebnen zu größeren Budgettöpfen vor allem auch im Spielebusiness. Wie schon im Spannungsfeld zwischen Tech-Start-ups und Großkonzernen wie Twitch und Canon will Ranieri Deutschland auch hier eine führende Position einnehmen.

Als Head of PR erlebte er die "fetten Jahre" von THQ bis 2008. Gewissermaßen am geschäftlichen Höhepunkt des US-Publishers verließ Georg Reckenthäler die deutsche Niederlassung und machte sich mit seiner eigenen Agentur wildcard communications selbständig. Vor einem Jahr, Ende 2017, dann der Paukenschlag. Reckenthäler verkaufte wildcard an die britische Agentur Ranieri, blieb aber weiter an Bord. "Ich hatte von Anfang an gesagt, dass ich eines Tages wieder interna­tional arbeiten will", erklärt Recken­thäler die Hintergründe. Vor der Gründung seiner Agentur hatte der Kommunikationsprofi für interna­tionale Agenturen wie Text 100 und eben den US-Publisher THQ gearbeitet. Dann kam die Zeit, sein "eigenes Ding" zu machen. Er gründete eine Agentur, weil die Arbeit für eine Vielzahl von Kunden und ihre unterschiedlichen Ansprüche und Themen abwechslungsreicher ist. Allerdings habe man als Agentur nur zwei Möglichkeiten, um zu internationalisieren: "Entweder Du baust das internationale Geschäft selbst auf, oder Du schließt Dich jemandem an", bringt es Reckenthäler auf den Punkt. "Schluss­endlich ist keine der beiden Varianten besser oder schlechter". Es sei eher die Frage, auf welcher Seite man investiere.

Dass sich Reckenthäler für den Anschluss an Ranieri entschied, war auch mit ein Stück weit Zufall. Denn fest stand nur, dass man aufs inter­nationale Parkett wollte. Bestärkt wurde Reckenthäler darin auch durch den Zugang von Michael Trier. Der ehemalige "Gamestar"-Chefredakteur und Director Content Services bei IDG Entertainment und Webedia Deutschland stieß im Herbst 2015 zu wildcard und übernahm die Leitung des Münchner Büros.

Wieder international arbeiten

"Uns war klar, dass wir auf lange Sicht strategischer arbeiten wollen", erinnert sich Reckenthäler. Ohne sich für den einen oder anderen Weg festzulegen, erarbeiteten sie gemeinsam Businesspläne und sprachen mit verschiedenen Agenturen. "Im August letzten Jahres hatten wir mehrere Angebote auf dem Tisch und waren mehr oder weniger in Verkaufsverhandlungen. Dann kam Pietro Ranieri und meldete sich mit einem kurzen Zweizeiler, dass er auf der Suche nach einer deutschen Agentur sei - und ob wir gekauft werden wollen", lacht der wildcard-Gründer. Danach ging alles ganz schnell. Die Chemie stimmte. Inhaltlich waren sich die Agenturen ähnlich. Gleiches galt für die Art und Weise, wie man an das Business herangeht.

Expansion geplant

Wie ähnlich, zeigt sich an Ranieri selbst. Denn auch er hatte seine Agentur drei Jahre zuvor an The Marketing Group (TMG) verkauft, einen börsennotierten Marketing-Konzern, der weltweit mehr als ein Dutzend Agenturen unter einem Dach vereint. Im Segment PR und Social Media ist TMG seither als Ranieri unterwegs. Und Pietro Ranieri baut für den Konzern unter seinem Namen ein globales Agenturnetz auf, auch wenn der Fokus vorerst auf Europa und Nordamerika liegt. Der Kauf von wildcard communications war der vierte Baustein im Konstrukt. Neben der Stammagentur in Großbritannien unterhält Ranieri dort auch eine Sponsoring-Agentur sowie eine Agenturniederlassung in Paris und mit Ranieri Deutschland (formerly known as wildcard communications) jetzt also auch in Deutschland, in München und Krefeld. Voraussichtlich noch 2018 kommt eine weitere Agentur in Spanien, genauer in Barcelona, hinzu. Mit Agenturen in weiteren Ländern wird verhandelt. Expansion ist definitiv Teil der Strategie. Laut Reckenthäler kommt Ranieri derzeit auf einen Umsatz von rund fünf Millionen britischen Pfund. Ende 2020 soll dieser Wert bei 15 Millionen britischen Pfund liegen. Erreicht werden soll dies durch Zukäufe und organisches Wachstum.

"Wir freuen uns, dass wir einerseits nicht von einem 'Multi' gekauft wurden, bei dem wir das kleinste Element sind, aber dennoch von jemandem, der die finanziellen Mittel zum Wachsen hat", erläutert Michael Trier die Vorteile der neuen Agenturfamilie. Tatsächlich sei Deutschland innerhalb des Ranieri-Kosmos die größte Agentur. Man habe auch zahlreiche namhafte Kunden in die Ehe eingebracht, gewissermaßen als "Mitgift". "Wir haben eine gute Position innerhalb der Gruppe und können mitgestalten", so Trier. Auch für Reckenthäler, der im Grunde "nur" Angestellter ist, sind diese Freiheiten wichtig. "Wir als Ranieri Deutschland haben noch einiges vor", sagt er. Ins Detail gehen kann und will er noch nicht. Doch die nächsten Wochen und Monate würden definitiv sehr spannend.

Agentur statt Netzwerk

Tatsächlich standen und stehen in dem neuen Verbund zunächst viele administrative Aufgaben an. Oft waren es nur Kleinigkeiten, doch auch Fragen wie die der richtigen Email-Signatur oder einheitlicher Vorlagen waren zu klären. Auch deshalb dauerte es ein Jahr, ehe der Auftritt angepasst wurde. Doch der große Aufwand lohnt, davon sind Reckenthäler und Trier überzeugt. Ab sofort treten sie und ihr Team als Ranieri Deutschland auf. "Wir werden künftig als eine europaweit agierende Agentur wahrgenommen und nicht als loses Netzwerk", erläutert Reckenthäler. Denn selbst als interna­tionales Netzwerk habe man es schwer, an die ganz großen, inter­nationalen Etats zu kommen. Aber genau an die wollen er und Trier. "In Deutschland haben wir uns bereits einen Namen gemacht", so Reckenthäler. Das zeigt sich unter anderem an der langen Liste auch international namhafter Kunden: Canon, Anki, Twitch und Niantic sind nur einige Beispiele. Und doch sind sie symptomatisch für das Dilemma, in dem lokale Agenturen stecken. Denn in aller Regel werden "Local Heros" wie wildcard von internationalen Firmen schlicht übersehen. Im Fall wildcard hatte es mit einer Empfehlung aus England in die USA an Anki begonnen. Anki wiederum hatte wildcard communications als deutsche Agentur an Twitch empfohlen. Und von dort ging eine weitere Empfehlung an Niantic. "Die Unternehmen sind alle aus dem Großraum San Francisco. Sie kennen sich, sind im Grunde Nachbarn und die Verantwortlichen sprechen miteinander", sagt Trier. "Und natürlich freuen wir uns ganz besonders, dass die Türen dank unserer guten Arbeit und dank der Mundpropaganda aufgingen." Doch so gut es in diesen Fällen funktionierte, bei den ganz großen Etats fällt die Entscheidung oft zentral und global. "Ich habe es oft genug erlebt, dass Agenturen Kunden nicht verlieren, weil diese mit der Arbeit unzufrieden waren, sondern weil sich Unternehmen für eine europäische oder globale Agenturlösung entschieden", weiß Reckenthäler. Das ist auch in der Gamesbranche nicht anders.

Teilnahme an großen Pitches

Apropos Games: Auch wenn die britische Ranieri ein ähnliches Kundenportfolio hat wie Ranieri Deutschland, in Sachen Spieleaffinität sind nicht nur Reckenthäler und Trier, sondern das gesamte Team der Ranieri Deutschland vorne mit dabei. Entsprechend steht im Kundenkreis Games die deutsche Tochter im Lead. Wie sich so etwas anfühlt, weiß man in München und Krefeld auch schon. Noch als wildcard hatte man für die Konsolen-Version von World of Tanks die Koordination der Agenturen in Europa projektweise übernommen. Und genau in diese Richtung soll es 2019 weitergehen: "Ich möchte durch den Auftritt als Ranieri auf den Radarschirm der Großen kommen. Wenn es dann zum nächsten Play­Station- oder Xbox-Pitch kommt, dann möchte ich zumindest potenziell die Chance haben, den Etat zu bekommen, also überhaupt zum Pitch eingeladen werden", sagt Reckenthäler selbstbewusst. So viel ist also sicher: Ranieri möchte nicht nur in den Segmenten Tech und Lifestyle zu den Großen zählen, sondern auch bei Games. Und das deutsche Team um Georg Reckenthäler und Michael Trier stellt hierbei die Speerspitze. Wenn es nach Ranieri geht, wird 2019 pink.

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Written by

Stephan Steininger
Stephan Steininger is Director of Operations and Editor-in-Chief of GamesMarket. As part of the magazine since its inception in 2001, he knows the GSA games industry by heart.