Wer interaktive Unterhaltungsprodukte schaffen will, braucht nicht nur Enthusiasmus und Talent. Fertigkeiten in Informatik, Grafik und Design werden von Entwicklern ebenso erwartet wie spielrelevantes Wissen oder Soft Skills wie Disziplin und Teamfähigkeit. Ausbildungen zum Gamedesigner versuchen, diese Grundlagen zu schaffen und junge Leute für die Spieleindustrie fit zu machen.

Ob "Far Cry", "Söldner - Secret Wars", "SpellForce" oder "Gothic II" - ein Blick in die Media-Control-Charts beweist, dass es um den Entwicklungsstandort Deutschland nicht so schlecht bestellt ist, wie oft behauptet wird. Natürlich liegen rein quantitativ Welten zwischen der deutschen Entwicklerszene und den Kollegen in den USA, England oder Japan. Doch die Bedeutung und das Selbstverständnis einheimischer Spielemacher wachsen kontinuierlich, was sich nicht zuletzt in der Gründung des eigenen Verbands G.A.M.E. im März dieses Jahres gezeigt hat. Mit Branchenwachstum und Produktnachfrage erhöht sich aber auch der Bedarf an Fachkräften: Die deutschen Studios brauchen gut ausgebildete Spielespezialisten. Für den am Feierabend zockenden Quereinsteiger wird es zunehmend schwieriger, in komplexer werdenden Entwicklerstrukturen die nötige Leistung zu bringen. Wo "Learning by Doing" nicht mehr die Ultima Ratio ist, spielen professionelle Wissens- und Fertigkeitsvermittler eine immer wichtigere Rolle.

Auch in diesem Segment tut sich was im deutschsprachigen Raum, wie so oft aber erheblich langsamer als bei den großen Videospielmächten. Hochschulen entdecken "Interactive Entertainment" als Wahlfach bei Medien- und Wirtschaftsstudiengängen, am Institut für Simulation und Grafik der Universität Magdeburg forscht gar Deutschlands erster Computerspiel-Professor Maic Masuch. Sein Schwerpunkt: grafische und interaktive Methoden für Computerspiele. Als erste staatliche Lehranstalt im deutschsprachigen Raum bietet die Zürcher Hochschule für Gestaltung und Kunst erstmals ein vollwertiges Diplomstudium mit Computerspielfokus. Ab dem kommenden Wintersemester beschäftigen sich Studenten im Rahmen des Schwerpunkts "Interaction Design" mit Theorie und Praxis interaktiver Unterhaltung - und das vier Jahre lang. In Deutschland bieten momentan nur wenige nicht staatliche Institute eine umfassende und komplette Ausbildung in "Gamedesign" - mit starker Konzentration auf Berlin.

In der Hauptstadt bilden die Games Academy, das L 4 Institut für digitale Kommunikation und die Mediadesign Hochschule junge Menschen zu Gamedesignern aus. Letztere lässt zusätzlich am Standort München Spielen lernen. Da Spieleentwickler weder ein Lehrberuf noch Universitätsstudium ist, eint alle Anbieter eine entscheidende Hürde: Die Ausbildung muss von den Studenten teuer bezahlt werden; zwischen 650 und 899 Euro kostet ein Monat an der Lehranstalt. Die Investition lohnt sich - zumindest für Studenten der von Thomas Dlugaiczyk geleiteten Games Academy in Berlin. Etwa 70 Prozent der seit dem Jahr 2000 rund hundert Ausgebildeten sind in der Industrie untergekommen. Vor allem die vitale Entwicklerszene der Hauptstadt bedient sich aus dem Pool motivierter Spielestudenten - ob Yager Development ("Yager"), Radon Labs ("Project Nomads") oder Spieleentwicklungskombinat ("Wiggles").

Eine Schule für Spielemacher

Diese Nähe zur Industrie liegt auch am Dozentenaufgebot, das sich aus ihr rekrutiert: Zu den Ausbildern zählen Daniel Dumont (Ascaron), Tom Putzki (Phenomedia) oder Jochen Hamma (Fantastic Realms). Weitere Branchenangehörige kommen in unregelmäßigen Abständen vorbei: Andreas Stock, GF von Activision, referiert über Marketing, SCED-PR-Managerin Alexandra Wankum präsentiert neue Produkte. Über 20 Fächer werden in den zwölf Monaten an der Games Academy gelehrt. Das erste Semester ist facettenreich: Die sechs vollen Unterrichtsstunden zwischen 9 und 16 Uhr sind belegt von Spieletheorie, Marketing und Leveldesign, aber auch "gewöhnlichem" Stoff wie Mathe, Physik oder "Fitness für Spieledesigner". Im zweiten Semester folgt die Spezialisierung: Je nach Interessenlage und Zukunftsvision beschäftigen sich die Studenten intensiv mit 3D-Engines, Texturen, Animation, Charakterdesign oder Projektmanagement. Zehn Wochen der Ausbildung sind dem Abschlussprojekt gewidmet: In einer Akkordarbeitsphase durchlaufen die Studenten in kleinen Teams ein komplettes Spieleprojekt - am Ende stehen ein, zwei Level eines lauffähigen Spiels. Das ist qualitativ zwar nicht mit dem vergleichbar, was ein großes Studio in zwei Jahren harter Arbeit auf die Beine stellt, besitzt aber nicht selten kommerzielles Potenzial als Casual Game. Ein hartes Aufnahmeverfahren gibt es für den Gamedesignkurs übrigens nicht: Zur Bewerbung genügen Anschreiben, Anmeldeformular und Lebenslauf, allerdings sollte der Interessent volljährig sein - eigentlich. Bei besonderer Begabung darf schon ab 16 die erste Karrieresprosse im Traumberuf genommen werden.

Gamedesigner-Ausbildung im Aufwind

Während sich die Games Academy mit der einjährigen Gamedesigner-Ausbildung sowie den jeweils zweijährigen Kursen "Game Art & Animation" und "Game & 3D Technology" ausschließlich auf spielebezogene Schulungen konzentriert, ist Gamedesign am L4-Institut und der Mediadesign Hochschule nur ein Angebot unter vielen. Das Studium an Letzterer dauert zwei Jahre und legt mehr Gewicht auf Technik als die Ausbildung an der Games Academy. In Zusammenarbeit mit dem Münchner Technologieunternehmen Meta-matix AG werden etliche Informatikthemen von Datenbanken über C++ bis DirectX gelehrt; daneben beleuchten die über 30 verschiedenen Unterrichtsmodule diverse Design- sowie wirtschaftliche und rechtliche Aspekte der Spieleentwicklung. Zu den Dozenten gehören z.B. 3D-Animator und Fachbuchautor Stefan Wibbe, der 3D-Konstruktion und Character-Modelling lehrt, oder der freie Mediendesigner Oliver Haßler, der die Studenten mit dem Markt der Online- und Advertising-Games vertraut macht.

Da der erste Kurs mit 14 angehenden Gamedesignern erst im November 2003 gestartet ist, lässt sich über deren Anstellungserfolge in der Industrie noch nichts sagen. Allerdings gibt sich Karen Müller-Bierbaum, Leiterin Karriereservice an der Mediadesign Hochschule, optimistisch: "Da wir ähnliche Ausbildungen, z. B. zum Mediadesigner, seit Mitte der 90er durchführen und dort eine 80-Prozent-Integrationsquote haben, gehen wir beim Gamedesigner von ähnlichen Ergebnissen aus." Auch über den Erfolg der L4-Absolventen kann nur spekuliert werden, da die private Berufsfachschule den Studiengang Gamedesign zum ersten Mal im Herbst 2004 anbietet. Die Berliner legen in den zwei Jahren der Ausbildung weniger Wert auf technische Aspekte und wollen sich mehr auf die "Spielidee" als Kernkompetenz des Gamedesigners konzentrieren. Schon die Zugangsvoraussetzung zum Studiengang soll dieser besonderen Ausrichtung Genüge tun: Wer zugelassen werden will, muss zunächst erfolgreich einen zweitägigen "Ideenwettbewerb" absolvieren. In den folgenden 24 Monaten wird nicht nur das klassische Video- und Computerspiel zum Studienobjekt erkoren, auch Zukunftsträchtiges wie Mobile Games oder interaktive TV-Formate liegen im Interesse von Schule und Schülern. Der Lehrplan ist, wie bei den beiden Konkurrenten, breit gefächert. Die Unterrichtsmodule umfassen Standards wie Deutsch und Sozialkunde und Spezielles wie Präsentationstechniken, digitales Gestalten oder "Content Creation". Ausbildungen zum Spieleentwickler erfreuen sich zweifellos steigender Popularität, über den Einfluss der Schulen auf die Güte einheimischer Spieleprodukte muss man indes (noch) spekulieren. Eins aber ist sicher: Der Spielestandort Deutschland kann nur profitieren, wenn das Design interaktiver Unterhaltung zum (wissenschaftlich unterfütterten) Studienfach erhoben wird und kompetente Menschen viel Mühe in die Gestaltung facettenreicher und zukunftsorientierter Lehrpläne investieren.

Der Staat erkennt die Ernsthaftigkeit der Ausbildungsrichtung bereits an: Die Lernenden an Games Academy und L4-Institut können Schüler-BAföG beantragen, die Mediadesign Hochschule strebt die Akkreditierung von Gamedesign als Bachelor-Studiengang an. Abgesehen von den neuen Zukunftsperspektiven, die jungen, kreativen Menschen offeriert werden - der gesellschaftlichen Akzeptanz digitaler Unterhaltung ist der Boom bei Gamedesignkursen sicher nicht abträglich.

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