2002: Ein Freudenfest für Konsolenspieler
In diesem Jahr stand der Gamesmarkt ganz im Zeichen der Videospielekonsolen: Mit Launch der Xbox und Start des GameCube läuteten Microsoft bzw. Nintendo eine spannende, von Preisdiskussionen begleitete Aufholjagd auf den Marktführer Sony Computer Entertainment ein. Dass Konkurrenz das Geschäft belebt, zeigte sich einmal mehr an erstklassigen Veröffentlichungen, die die Charts im Sturm eroberten.
Wer in diesem Jahr vor der Kaufentscheidung für eine der NextGen-Konsolen PS2, Xbox und GCN stand, hatte die Qual der Wahl. Zwar besitzen die Systeme unterschiedliche technische Spezifikationen, doch sagen diese nur wenig über das von Herstellerseite propagierte besondere Spieleerlebnis aus. Auch die Tatsache, dass die Third Parties ihre Entwicklungen in der Regel für alle Systeme umsetzen, macht die Entscheidungsfindung nicht einfacher.
Ergo stellten Microsoft und Nintendo in ihren Werbefeldzügen vor allem Exklusivtitel in den Vordergrund. Im Falle des überragenden "Halo" hatte Microsoft leichtes Spiel, Begehrlichkeiten für die Xbox zu wecken, zumal der 3D-Shooter sogar die Titelseiten diverser PC-Magazine zierte. Auch die Toptitel "DOA 3" und "Project Gotham Racing" waren bestens für den Einstand von Microsoft im Konsolenbusiness ausgestattet, nicht jedoch das den Möglichkeiten der Xbox unwürdige Partygame "Fuzion Frenzy", das in der Bedeutungslosigkeit versank. Besondere Beachtung unter den bisher rund 150 bisher erschienenen Xbox-Titeln verdienen sicherlich zwei Ubi Soft-Releases: zum einen "Morrowind" als erstes Xbox-RPG, zum anderen "Splinter Cell". Das Spionageabenteuer ist dermaßen spannend und grafisch opulent in Szene gesetzt, dass selbst PC-Besitzer vor Neid erblassen würden, wäre nicht bereits für Ende Januar 2003 die PC-Version angekündigt.
Wer die Wahl hat, hat die Qual
Apropos PC: Pessimisten, die befürchtet hatten, Microsoft werde ob seines Konsolenengagements den PC-Sektor vernachlässigen, sahen sich getäuscht, lieferte der Publisher doch mit "Dungeon Siege" und "Age Of Mythology" zwei überragende Spiele ab. Während Microsoft alle Hebel in Bewegung setzte, um mit der Xbox einen neuen Markt zu erobern, baute Nintendo mit der Einführung des GameCube seinen Ruf als Garant hochkarätiger Familienunterhaltung mit seinen beliebten Charakteren weiter aus, die beispielsweise in "Super Smash Bros. Melee" und zuletzt "Starfox Adventures" versammelt sind. Mit dem Starttitel "Pikmin" verstand es Mastermind Shigeru Miyamoto auf originelle Weise, das für Konsolen untypische Strategiegenre umzusetzen. Über die vergleichsweise lange Wartezeit auf das Vorzeigespiel "Super Mario Sunshine" tröstete hinweg, dass das kunterbunte Hüpfspiel zum Referenztitel des Genres avancierte. Und erfreulicherweise folgten den Verlautbarungen Nintendos, künftig auch eine ältere Zielgruppe ansprechen zu wollen, mit dem hauseigenen "Eternal Darkness" und "Resident Evil" von Electronic Arts zwei Horroradventures der Extraklasse. Bleibt abzuwarten, inwieweit es Nintendo künftig mit ähnlich gearteten GCN-Produkten gelingen wird, sich von seinem "Kids-Image" zu lösen.
Viel wichtiger scheint jedoch, wie der Branchengigant den hierzulande eher schleppenden Abverkauf des GBA ankurbeln will, zumal demnächst auch Nokia und Ericsson Ansprüch im Handheld-Markt anmelden, wenn auch mit anderen Ansätzen. Ungeachtet dessen höchst bemerkenswert ist der rekordverdächtige Ausstoß an GBA-Spielen: Den rund 200 in diesem Jahr veröffentlichten Cartridges (im Vorjahr waren es knapp 80) stand lediglich ein knappes Dutzend GBC-Releases (Vorjahr: knapp 140) gegenüber. Der Dritte im Bunde, Branchenprimus Sony CED, verstand es bravourös, die stetig steigende PS2-Anhängerschar mit hochkarätigen Fortsetzungen, wie "Final Fantasy X" und "Tekken 4", sowie diversen Neuentwicklungen, darunter "Ratchet & Clank" und "Kingdom Hearts", bei Laune zu halten. Allein die Tatsache, dass in diesem Jahr beinahe doppelt so viele PS2-Spiele auf den Markt kamen wie im Vorjahr, unterstreicht die Marktbedeutung des Home-Entertainment-Systems.
Unter den Third-Party-Publishern für PS2 dürfte der größte Coup Take 2 mit "Grand Theft Auto: Vice City" gelungen sein. Das Actionspiel mit trendigem 80er-Jahre-Flair schickt sich derzeit an, den Rekord von "GTA 3" als meistverkauftem PS2-Spiel aller Zeiten zu brechen. Auch Sonys zweites Standbein, die PSone, machte trotz eines Rückgangs der Releases um circa 40 Prozent im Vergleich zu 2001 eine erstaunlich gute Figur. Toptitel wie "Dragon Ball", "Final Fantasy IX" und "Harry Potter" sorgten für beachtliche Nachfrage. Eine nicht zu unterschätzende Bereicherung für alle drei Konsolen war die Rückkehr von Sega in seiner neuen Rolle als plattformunabhängiger Contentlieferant.
Während Microsoft "Jet Set Radio Future" und "Sega GT 2002" für sein Xbox-Hardwarebundle gewinnbringend einzubinden verstand, profitierte der GCN von "Sonic Adventure 2 Battle", die PS2 u. a. von "Virtua Fighter 4" und "Headhunter". Der Kampf um Marktanteile zwischen Sony, Microsoft und Nintendo bleibt auch deshalb spannend, weil den Ankündigungen von Microsoft bezüglich "Xbox Live" entsprechende Reaktionen der beiden Mitstreiter folgen dürften. Trotz der verstärkten Ausrichtung des Spielemarkts auf den Konsolensektor konnte der PC seine Rolle als dominierende Plattform verteidigen.
Leider fanden sich im breiten Spektrum der umsatzstarken Veröffentlichungen, darunter Titel wie "WarCraft III", "Mafia" und "Anno 1503", etliche Produkte, die aufgrund ihrer beschämend minderwertigen Qualität nicht einmal von unbedarften Gelegenheitsspielern akzeptiert werden konnten. Von einigen schwarzen Schafen abgesehen, sind sich die Publisher der Bedeutung der Produktqualität für die eigene Marke bewusst. Zudem ist der Spieler von heute bekanntlich der Kunde von morgen. In diesem Zusammenhang ist auch die zunehmende Investition in Sport-, TV- und Filmlizenzen zu sehen. War die Versoftung von Filmen in den vergangenen Jahren oft ein spielerischer Schnellschuss, setzte Electronic Arts mit der Umsetzung von "Der Herr der Ringe: Die zwei Türme" zwar nicht neue spielerische, aber neue kreative Maßstäbe. Und auch Umsetzungen wie "Harry Potter und der Stein der Weisen" sowie "Dragon Ball Z" dürfen als gelungen betrachtet werden.