2003: Trends und Themen aus Industriesicht
Nach der Konsumflaute im Jahr 2002 sehen die Publisher den kommenden zwölf Monaten wieder mit Zuversicht entgegen. Ein "Kinderspiel" wird es dennoch nicht werden. Der Markt wird sich weiter konsolidieren, und im Konsolenbereich wird es nach Aussagen der Geschäftsführer aus der Industrie zu einer Vorentscheidung kommen.
"Es war wohl noch nie so schwer, Prognosen für das nächste Jahr zu erstellen, wie für 2003." Eine Meinung, die viele seiner Kollegen mit NBG-Chef Markus Biehl durchaus teilen. Denn das letzte Jahr hat vor allem eines bewiesen: Es ist kaum möglich vorherzusagen, ob und wie sich das Konsumverhalten in Deutschland kurzfristig verändern wird. Denn auch wenn die Akzeptanz von Computer- und Videospielen beim breiten Publikum durchaus noch steigerungsfähig ist, ihr Abverkauf ist ebenso abhängig von der allgemeinen Wirtschaftslage.
Vorentscheidung bei den Konsolen
Doch ähnlich wie im vergangenen Jahr die Releases der Konsolen auf dem Plan standen, gibt es auch 2003 einige Themen, die durchaus vorhersehbar sind. "Die Zeiten vom,Einzelkämpfer vor dem Bildschirm' werden endgültig vorbei sein", spielt Markus Wiedemann, General Manager der deutschen Codemasters, auf den Start der Onlineservices der Konsolenanbieter an. Dass gerade dem Thema Online in diesem Jahr besondere Bedeutung zukommt, daran glaubt auch Eidos-Interactive-Chef Rolf Duhnke: "Welche Konsole bietet den schnellsten und komfortabelstenZugang? Wie wird der angebotene Service sein? Und welche Onlinespiele werden die Gamer begeistern können? All diese Fragen werden 2003 beantwortet und Marktanteile bestimmen", ist sich Duhnke sicher.
Onlinegaming erobert Konsolen
Auch deshalb ist für ihn das noch junge Jahr definitiv das Jahr der Entscheidung im Bereich Konsolen. Und zwar von Anfang an: Schon direkt nach dem Weihnachtsgeschäft wird sich seiner Meinung nach abzeichnen, welcher Hardwarehersteller seine Position halten, ausbauen oder sogar verlieren wird. "Diese erste Positionierung wird von immenser Bedeutung für die Zukunft jeder einzelnen Konsole sein", meint Duhnke. Dass es zu einer Vorentscheidung im Konsolenmarkt kommen wird, glaubt auch Uwe Fürstenberg, Geschäftsführer von Acclaim Entertainment. "Im Wettstreit der Next-Generation-Plattformen wird Sony unangefochten die Nase vorn haben", ist sich Fürstenberg jedoch sicher. Spannend bleibe nur das Rennen um den zweiten Platz. Als Drittanbieter, der Produkte für jede der drei Plattformen anbietet, bedeutet die Situation seiner Meinung nach vor allem auch Chancen auf Wachstum. "PS2-Titel werden sich in höheren Volumina verkaufen können, und auch die beiden anderen Plattformen haben mittlerweile eine installierte Basis, die eine Softwarekonvertierung in jedem Fall rentabel macht und für zusätzliche Erträge sorgt", sagt Fürstenberg. Chancen auf Wachstum allein reichen jedoch nicht aus, wenn sie nicht auch ergriffen werden. Deshalb wird die richtige Weiterentwicklung des Softwareportfolios ein weiteres ganz wichtiges Thema des Jahres 2003. Und auch da kristallisieren sich bereits erste Trends heraus. Massenmarkt ist das Stichwort. "Nischentitel können nur noch in geringen Stückzahlen verkauft werden", glaubt Fürstenberg.
Spiele für die breite Masse gefordert
Gerade Neukunden, die zuvor noch keine Berührungspunkte mit Videospielen hatten, wünschen sich seiner Meinung nach "leicht verständliche oder leicht verdauliche Kost mit hohem Spaßfaktor und einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis". Auch für Odile Limpach, Geschäftsführerin von Ubi Soft, geht die Strategie in Richtung Massenmarkt: "Unsere Aufgabe wird es sein, neue Zielgruppen zu erschließen, ein noch breiteres Publikum anzusprechen und Computer- und Videospiele als Massenunterhaltungsmedium und Kulturgut zu etablieren." Neben Onlinestrategie und inhaltlichen Faktoren habe Ubi Soft auch durch den Auf- und Ausbau populärer Marken die Weichen für eine Erweiterung des Spielemarkts gestellt. Und auch das dürfte 2003 ein Trend im Bereich Produkt sein, der sich weiter fortsetzen wird: Sequels. "Bekannte und erfolgreiche Fortsetzungen werden die Charts bestimmen - und die Vorgänger übertrumpfen", definiert Rolf Duhnke eine Art "Goldene Regel", die in den letzten Jahren bestand und auch 2003 nicht an Gültigkeit verlieren werde. Traditionell bestehende Brands zählen auch für Markus Wiedemann zu den wichtigsten Produktthemen 2003. "Jedoch werden verstärkt neue Spiele, die dem Konsumenten nichtlineare und vollkommen frei gestaltbare Erlebniswelten bieten, wie beispielsweise, GTA: Vice City ', den Markt erweitern", so der Codemasters-Geschäftsführer. Neben Massenmarkt und Sequels gibt es einen dritten, wenn auch nicht ganz neuen Trend: Lizenzen.
"Wir konnten in der Vergangenheit bereits feststellen, dass Lizenzen immer wichtiger werden", sagt Sevgi Kirik, Sevgi Kirik Empire Interactive. "Ich denke, dieser Trend wird sich noch weiter verstärken." So klar die Trends und Themen in den Segmenten Konsole und Produkt sind, so unklar scheint die Entwicklung, die der PC-Markt in den nächsten zwölf Monaten nehmen wird. "Eine wichtige Frage wird sein, ob die Stagnation unterbrochen und mit neuen Ideen und Konzepten auch hier wieder Wachstum erzielt werden kann", gibt Markus Malti, Brand- und Marketing Manager von Wanadoo Edition, zu bedenken. Für Thomas Baur, Geschäftsführer dtp digital tainment pool, ist zumindest sicher, dass der PC-Markt wieder etwas mehr im Fokus der Publisher stehen wird. Schließlich hätten die Konsolenstarts im vergangenen Jahr dazu beigetragen, dass der PC-Bereich eben aus diesem geraten sei. "Das wird sich nächstes Jahr wieder ändern", ist Baur überzeugt.
Dass sich der Konsolidierungsprozess im Markt auch im neuen Jahr weiter fortsetzen wird, davon zeigten sich fast alle Teilnehmer der Umfrage überzeugt. Wohl auch aus diesem Grund hat für die meisten auch ein "altgedientes" Thema mehr denn je Vorrang: Die Kontaktpflege zu den Handelspartnern wird auch 2003 essentiell für jeglichen Geschäftserfolg sein. "Für einen Distributor wie Koch Media ist es wichtig, die bestehenden Partnerschaften zu pflegen und das gegenseitige Vertrauensverhältnis aufrechtzuerhalten. Das wird auch in Zukunft Priorität in unserem Hause haben", sagt Dr. Klemens Kundratitz, Geschäftsführer von Koch Media.
Sequels werden Charts bestimmen
Ein Versprechen, dass auch Manfred Gerdes, Geschäftsführer der Sony Computer Entertainment Deutschland, dem Handel gibt: "Wir werden auch im Jahr 2003 weiterhin ein verlässlicher Partner des Handels sein und stets den Marketingdruck aufbauen, um den Konsumenten zu motivieren, PlayStation-Produkte zu kaufen." Die Zusammenarbeit optimieren und gemeinsam mit den Händlern an der Vermarktung arbeiten will auch Odile Limpach. "Der intensive Dialog mit unseren Handelspartnern war schon in diesem Jahr äußerst fruchtbar. Wir werden unser Engagement im Jahre 2003 kontinuierlich erhöhen und gemeinsam mit unseren Partnern optimale Lösungen suchen", erläutert die Ubi-Soft-Chefin.
Letztendlich werden die Trends und Themen jedoch nur dann auch den gewünschten Erfolg bringen, wenn die Kauflust bei deutschen Konsumenten tatsächlich zurückkehrt. Doch darauf hat die Gamesbranche nun mal keinen direkten Einfluss. "Leider können wir keine politischen Ziele verfolgen. Aber wir sollten alle den Politikern verdeutlichen, dass es uns allen nur besser gehen kann, wenn es dem Konsumenten gut geht und er auch konsumieren kann", appelliert Manfred Gerdes. Einer seiner Wünsche zu Weihnachten waren jedenfalls bessere wirtschaftliche Vorzeichen, als es 2002 der Fall war.