Sind Blogger eine Presse zweiter Klasse, oder laufen sie den klassischen Testmagazinen als Multiplikatoren den Rang ab? GamesMarkt klärt, welchen Stand die Netzschreiber in der Spielebranche wirklich haben.

"Es werden keine Akkreditierungen an Inhaber privat initiierter Spiele- Homepages, privat initiierter Blogs sowie Podcast-Seiten ausgestellt." Es war nur ein kleiner Satz, der dieses Jahr im Vorfeld neu und fast schon klammheimlich in die Akkreditierungsrichtlinien für die gamescom geschrieben wurde. Von der Koelnmesse, die Veranstalter der Videospielmesse ist, und damit natürlich als Inhaber des Hausrechts darüber entscheiden kann, wem sie eine Pressekarte zugesteht und wem nicht.

"Shitstorm" gegen die gamescom

Die Reaktionen auf diese Entscheidung hatten aber wohl auch die Messebetreiber selber unterschätzt. Kurz nach Beginn der Akkreditierungsphase entlud sich ein Proteststurm im Internet, im Webjargon "Shitstorm" genannt. Besonders in sozialen Netzwerken beschwerten sich auf Spiele spezialisierte Blogger und Podcaster, die im Vorjahr noch eine der begehrten Pressekarten bekommen hatten, über die vermeintliche Rückständigkeit und Netzfeindlichkeit ausgerechnet einer Videospielemesse.

Natürlich durften auch Betreiber von privaten Spiele- Homepages nach Köln reisen, allerdings erfolgte der Zugang zu den Messehallen nur über ein reguläres, kostenpflichtiges Ticket. Der Besuch des Businessbereichs sollte neben den Fachbesuchern nur der "klassischen" Presse vorbehalten sein. Die, so ein oft geäußerter Vorwurf, würde sich insgeheim ins Fäustchen lachen und mit der Industrie unter einer Decke stecken, um sich die unliebsame Blogger-Konkurrenz vom Hals zu schaffen.

Die Diskussionen um die Zugangsberechtigungen für die gamescom wirkten rückblickend wie ein Stellvertreterkrieg, der durch althergebrachte Animositäten zwischen Presse- und Blogger-Lager befeuert wurde. Beim Anblick der Businessbereich- Besucher konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass eigentlich nicht die Blogger das Problem waren, sondern (meist minderjährige) Besucher, die über Kontakte an einen Fachbesucherausweis gekommen waren.Hört man daher in beide Gruppen hinein, sind die Meinungen zum Thema grundsätzlich gar nicht so verschieden.

Meinungseintracht

Manuel Fritsch ist Betreiber des täglichen Gamespodcast "Breakfast@Manuspielt's", der jeden Monat über 25.000 Downloads erreicht. Zusätzlich schreibt er für die bekannten Blogs Polyneux.de und Superlevel.de. Er ist also genau der Blogger-Szene zuzurechnen, die die Koelnmesse offenbar nicht mehr im Geschäftsbereich sehen wollte. Für strengere Einlassregeln zeigt er aber Verständnis. "Es war trotzdem viel los im Businessbereich und sehr deutlich, dass dort nicht alle Fachbesucher sind, sondern manche sich über Umwege eingefunden haben", sagt Fritsch.

Petra Fröhlich, Chefredakteurin zahlreicher Publikationen des Fürther Computec-Verlags (u. a. "PC Games", "play3" und "N-Zone"), sieht das ähnlich. "Ich kann nachvollziehen, dass der Veranstalter die Anforderungen verschärft, damit zuallererst haupt- und freiberufliche Journalisten ihrem Beruf nachgehen können."

Außerdem verweist sie auf die generelle Tatsache, dass auch ein Presseausweis keinesfalls überall ein kostenloser Türöffner ist: "Wenn ich als Journalistin auf die FC-Bayern-Pressetribüne in der Allianz-Arena wollte, müsste ich in gleicher Weise dem Hausherrn nachweisen, dass ich wie ein Redakteur von 'Kicker', '11Freunde' oder von 'Sky Sport' behandelt werden möchte. Ein gottgegebenes Recht auf freien Eintritt und All-Access- Zugang gibt es nirgends, in keiner Branche", so Fröhlich.

Konkurrenzkampf? Fehlanzeige!

War die ganze Aufregung um die Akkreditierung bei so viel Meinungseintracht also nur heiße Luft? Die ganze Diskussion sollte sowieso als Teil einer größeren Fragestellung betrachtet werden. Welchen Stand und welches Renommee haben Blogger als Berichterstatter in der gesamten Branche im Vergleich zu Vertretern der althergebrachten Presse? Um dieser Frage nachzugehen, sprach GamesMarkt mit allen Beteiligten.

Ein erbitterter Konkurrenzkampf, zumindest kein offen ausgetragener, scheint aber zwischen beiden Autorengruppen nicht zu herrschen. "Ich denke, die Zielgruppen sind schon unterschiedlich", sagt Fritsch. "Es gibt eine Schnittmenge. Die klassische Spielpresse orientiert sich aber mehr an der Kaufberatung und Themen, die man nur mit hauptberuflichen Journalisten abdecken kann", so der Blogger.

Auch Fröhlich sieht ihren Arbeitgeber als größten deutschen Fachverlag für Spiele nicht im Wettstreit: "Als Konkurrenzsituation empfinde ich das nicht. Im Gegenteil, es sollte noch viel mehr gut gemachte Blogs rund um Spielethemen geben." Einig sind sich beide bei der inhaltlichen Ausgestaltung von Blogs. Von großen Magazinseiten erwarten die Besucher eine große Themenbandbreite und tagesaktuelle Berichterstattung. Blogs hingegen sind meist als Special-Interest-Angebote erfolgreich.

Eine Trennlinie scheint die Grenze zwischen objektiver und subjektiver Thematik zu sein. Neutrale Kaufberatung und Nachrichten bieten die klassischen Magazine im Netz; meinungsgefärbte und launige Aufarbeitung bietet die Blogosphäre. Die Pfründe scheinen verteilt, die "Claims" abgesteckt, man lebt und schreibt in friedlicher Koexistenz.

Aber wie sieht das die Industrie? Zusätzliche Kommunikationskanäle für die eigenen Produkte dürften den Publishern ja immer gelegen kommen. Daher ist es meist kein Problem, Rezensionsexemplare zu beziehen, wie Manuel Fritsch bestätigt. Wer eine gewisse Reichweite und Seriosität vorweisen kann, darf sich über Post von Herstellern freuen. Allerdings erhöht die Diversifikation und Heterogenität der Blogger-Landschaft auch den nötigen Aufwand für die PR-Abteilungen. Reichte früher der Kontakt zu einer Handvoll Ansprechpartner, um die gesamte Spielepresse zu erreichen, ist das Feld heutzutage im Netz schier unüberschaubar geworden.

PR oder Community?

Dieser Tatsache dürfte es geschuldet sein, dass sich Hersteller noch unsicher sind, ob die Blogger in den Aufgabenbereich der PR-Teams fallen. "Die Betreuung von Blogs, Podcasts und Fanseiten obliegt in der Regel unserer Community-Abteilung", sagt Norman Habakuck, Head of PR beim Publisher Ubisoft. "Ausgewählte Blogs und Fans laden wir beispielsweise auch auf spezielle Community-Events ein. Es gab aber auch schon Blogger, die wir zu Presseveranstaltungen eingeladen haben", erklärt der Firmensprecher.

Abgesehen von der Bemusterung konnten Blogger also noch nicht zu den vollberuflichen Journalisten aufschließen. Der Zugang zu Informationen, der Besuch von Branchenveranstaltungen und der Erhalt von Antworten auf Anfragen dürften der zweiten Berufsgruppe immer noch leichter fallen. Zumindest in Deutschland; in den USA, wo sich die Berichterstattung schon viel früher und deutlicher ins Netz verlagert hat, dürfte der Fall anders gelagert sein.

Mehr Organisation nötig

Martin Lorber, PR-Direktor und Jugendschutzbeauftragter von Electronic Arts, stellt für sein Unternehmen zwar fest: "Eine Unterteilung zwischen klassischer Presse und Bloggern gibt es nicht. Wir versuchen, alle Medien und Journalisten ihren Bedürfnissen entsprechend zu behandeln."

Trotzdem wird wohl auch der Kölner Publisher zu eigenen Events vornehmlich die klassische Presse einladen. Das geschieht nicht aus Abschätzigkeit gegenüber Bloggern - immerhin betreibt EA selber Blogs wie Spielkultur.EA.de, wie Lorber betont -, sondern aus Kostengründen. Es sei nach wie vor billiger und effektiver, 15 Journalisten zur Vorstellung eines neuen Produkts einzuladen als die vierfache Anzahl an Bloggern.

Hier schließt sich auch der Kreis zur gamescom-Akkreditierung. Konnten Entwickler vor zehn Jahren auf der Leipziger games convention noch ein Dutzend Termine in einem kleinen Kabuff abarbeiten, platzt das Business-Center in Köln inzwischen aus allen Nähten, weil private Blogger und Podcaster hinzugekommen sind. Die bereichern zweifelsohne die Berichterstattung, erhöhen aber auch den Organisationsaufwand für Messe und Aussteller. Dass die Koelnmesse hier irgendwann eine Grenze ziehen musste, ist verständlich.

"Unbedenklichkeitsbescheinigung" für Blogger

Manuel Fritsch konnte sich übrigens letztlich doch akkreditieren, auch wenn dafür zunächst die "Unbedenklichkeitsbescheinigung" eines großen Publishers nötig war. Grundsätzlich werden sich in Zukunft aber nicht nur die gamescom, sondern auch Publisher noch viel mehr Gedanken machen müssen, wie man die Blogosphäre bedient.

"Die früher vielleicht einmal existierenden Grenzen zwischen den unterschiedlichen Kommunikationsdisziplinen wie Marketing, Pressearbeit und CRM verschwimmen zunehmend", stellt Martin Lorber fest. Auf der anderen Seite gibt es immer mehr unterschiedliche Medien, die relevant sind. Längst ist Öffentlichkeit nicht mehr an klassische Verlagshäuser gebunden; immer mehr Spieler artikulieren sich selbst und publizieren."

Genauso wie die klassischen Verlagshäuser vor der Herausforderung stehen, den Sprung ins Internetzeitalter schaffen zu müssen, müssen auch Spielefirmen neue Wege gehen, wenn sie Aufmerksamkeit für ihre Produkte generieren wollen. Aus der Sicht von Norman Habakuck muss das aber kein Nachteil sein. "Die große Zunahme der nicht gewerblichen Seiten und Blogs in den letzten Jahren zeigt uns, dass es eine große Begeisterung und Leidenschaft für Videospiele gibt." Und das kann ja nie schlecht sein.

Daniel Raumer

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