Ein weiteres Mal verwandelte die ECTS Anfang September London zum Mekka der europäischen Gamesindustrie. Das Erscheinungsbild der Show, die vom 3. bis zum 5. September stattfand, hat sich verändert: Die ECTS ist ruhiger und professioneller geworden.

Das war sie nun: die letzte ECTS, die in den ehrwürdigen Hallen von Kensington Olympia stattfand. Vom nächsten Jahr an startet die wichtigste europäische Spielemesse in den Docklands von London durch. Mehr als eine Woche nach dem Ende der Show melden die Veranstalter von CMP Europe, ehemals Miller Freeman, zwar noch immer keine endgültigen Abschlusszahlen. Die vorläufigen Ergebnisse sprechen aber von einem Erfolg: Mehr als 25.000 Personen hatten sich im Vorfeld der Show registriert. 325 Firmen waren als Aussteller angemeldet. Beide Zahlen liegen damit deutlich über den Werten aus dem Vorjahr. Fragt sich nur, warum der subjektive Betrachter den Eindruck nicht los wird, dass dieses Jahr mehr Platz als noch "99 war.

Recht häufig konnten die Messebesucher leere Flächen finden, auf die bequem noch der eine oder andere Stand gepasst hätte. Ein Grund war sicherlich, dass so manche Firma auf einen Auftritt verzichtete. Das Fehlen von internationalen Publishern wie Acclaim, Activision, Eidos Interactive, Electronic Arts, Infogrames und Sega machte sich durchaus bemerkbar. Trotzdem: Der Entschluss einiger Player gegen einen ECTS-Stand war wohl nicht allein der Grund, dass auch die Gänge dieses Jahr leerer wirkten als gewohnt. Selbst Termine im Halbstundentakt waren ohne größere Mühen einzuhalten. Irgendwie war es möglich, sich schneller als sonst durch die Messegänge zu schlängeln. Und nur vereinzelt bremsten Menschentrauben, die gebannt auf ein "Metal Gear Solid 2"-Video blickten, den Besucherfluss. Was bleibt, ist das Warten auf die endgültigen Besucherzahlen, um zu wissen, ob die ECTS ein neues Rekordjahr hatte. Trotz dieser Ungewissheit ist klar, dass kaum jemand mit der Show unzufrieden war. Selbst die "Nichtanwesenden" nutzten den Umstand, dass sich die europäische Spielebranche in London traf.

Besucherzahlentendenziell positiv

So lud Electronic Arts am Vorabend der Eröffnung zu einer Get-together-Präsentation in die neuen, futuristischen Büroräume vor den Toren der Millionenstadt. Auch Sega stellte seine Neuheiten gekonnt ohne Stand vor. Im Gegensatz zu EA mieteten die Dreamcastianer das Empire-Kino direkt am Picadilly Circus, um die Neugierde eines ausgewählten Publikums zu befriedigen. Auch Nintendo - mit einem gewohnt pompösen und beeindruckenden Stand auf der Show vertreten - ließ es sich nicht nehmen, Industrie-, Presse- und Handelsvertreter am Vortag der ECTS mit einer ausgezeichneten Neuheitenshow vorzubereiten. Nintendo zeigte in London, was nur wenige Tage zuvor auch in Japan einschlug wie eine Bombe: Die N-Variante der Zukunft der Videospieleindustrie. Dazu gehörten neben zahlreichen Softwareneuheiten auch die vom Design eher ungewöhnliche Game Cube und der Game Boy Advance. Letzterer - da waren sich die Anwesenden einig - werde für den japanischen Traditionskonzern wohl die Cashcow für die nächsten Jahre. Der absolute Höhepunkt der Nintendo-Präsentation war gegen alle Erwartungen aber nicht die neue Hard- oder Software. Das Highlight setzte Spieleguru Shigeru Miyamoto mit einer vergnügten Live-Performance zum Pokémon-Song. Der vierte Höhepunkt, der außerhalb der Messehallen stattfand, war die traditionelle Party von Sony Computer Entertainment Europe am Abend des 4. September.

Die Location war gewohnt gut gewählt. Das Showprogramm mit einem mehrstündigem Liveauftritt von Jamiroquai, unterstützt von Stones-Gitarrist Ronnie Wood, war wie immer exzellent. Und das anschließende Chaos bei der Suche nach einem freien Taxi gehört eigentlich auch schon fest ins Partyprogramm. Doch nicht nur das Rahmenprogramm war gelungen, auch die meisten Aussteller zeigten sich mit ihrem Auftritt zufrieden. So konnten mehrere Firmen im Rahmen der Show einige hochkarätige Abschlüsse und Kooperationen vermelden. Allen voran THQ: Der US-Publisher machte im Bereich Mobilgeräte Nägel mit Köpfen und ging eine strategische Partnerschaft mit Siemens ein. THQ wird demnach Spiele vor allem für die Mobiltelefone von Siemens entwickeln. Das erste Produkt - "Pocket Golf" - soll im nächsten Jahr weltweit vermarktet werden.

Spaß an der Arbeit hatte auch Microsoft. Zwar präsentierten die Amerikaner keine sensationellen Neuigkeiten oder Demos von der X-Box, sie nutzten aber die Gelegenheit, erste Spieleentwickler näher zu benennen. Darunter finden sich hochkarätige Namen wie die Universal Interactive Studios oder Lionhead, die Firma von Entwicklerpapst Peter Molyneux. Insgesamt bleibt festzustellen, dass sich das Erscheinungsbild der ECTS im Generellen geändert hat. Die Messe ist ein wenig leiser geworden. Auch versuchen sich die Firmen nicht mehr mit knapp bekleideten Messehostessen gegenseitig zu übertrumpfen. Die ECTS ist auch professioneller geworden. Und schon deshalb hat sich die Reise nach London für die meisten Besucher wohl gelohnt. So lange dies so bleibt, ist es aber mehr als fraglich, ob die Publisher zu Investitionen in eine deutsche Herbstmesse bereit sind.

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