Erstes Seminar "DVD Entertainment 2000" in München
"Sie haben mit der DVD einen Goldklumpen in der Hand!" Das bestätigte Dieter Gorny, Vorstandschef der Viva Media AG, den Vertretern aus Industrie und Handel beim Seminar "DVD Entertainment 2000" in München. In den anschließenden Vorträgen ging es vor allem um die optimale Wertschöpfung des Goldklumpens: von den Marketing- und technischen Möglichkeiten des neuen Trägers über Chancen und Probleme im Handel bis hin zur Nutzung der PlayStation 2.
In seiner Keynote zum Seminar "DVD Entertainment 2000", das am 26. und 27. Oktober von Entertainment Media Verlag und Media Business Academy in München veranstaltet wurde, sagte Viva-Chef Dieter Gorny dem digitalen Bildtonträger eine große Zukunft voraus. Die junge Generation, die beim Entertainment die ganze "horizontale Medienangebotslinie" nutze und dabei "digitale und analoge Bestandteile völlig "durcheinandermische", werde das neue "Medium explosiv in den Markt drücken", wenn "die Preispolitik entsprechend" sei. Die DVD habe die Chance, sich zum massenkompatiblen "Alltagsprodukt und nicht nur zum High-Class-Produkt" zu entwickeln, erklärte der Viva-Chef im mit 150 Teilnehmern voll besetzten Auditorium. Dass die DVD sich unaufhaltsam auf dem Weg zum Massenmarkt befindet, verdeutlichten aber auch Daten der Marktforschung, die Jean Hermsen, GF Warner Home Video und Vorsitzender der DVD-AG, präsentierte. Demnach werden bis Jahresende rund elf Mio. Discs in Deutschland ausgeliefert. 2001 soll sich die Zahl auf 23 Mio. Einheiten mehr als verdoppeln. Wermutstropfen: "Die Kannibalisierung des VHS-Geschäfts durch DVD wird sich 2001 verstärken", prophezeite Hermsen. Als Grund dafür nannte er die schnell wachsende Zahl der Videorekorderbesitzer, die auf DVD-Player umsteigen würden. Alles in allem entwickle sich der deutsche DVD-Markt mit einem Jahr Verspätung analog zum Geschehen in den USA, für die Stephen Nickerson, Präsident der DVD Entertainment Group, mit aktuellen Wachstumszahlen aufwartete. Nickerson berichtete, im DVD-Vorreiterland würden 2000 bereit 230 Mio. DVDs an den Handel ausgeliefert, was mehr als eine Verdopplung gegenüber dem Vorjahr bedeute; die Haushaltspenetration mit Playern werde in Kürze die Zehn-Prozent-Marke überschreiten.
Männliche Singles kaufen DVD
Auch wenn die Entwicklung des DVD-Segments hierzulande noch nicht so weit vorangeschritten sei wie in den USA, hätten sich die DVD-Käufer dennoch vor allem im letzten Jahr verstärkt als Impulsgeber für den Musik-, Video- und Softwaremarkt erwiesen, stellte Hans-Werner Langer, GF Paramount Home Entertainment, in seinem Vortrag fest. Diese DVD-Konsumenten hätten dazu beigetragen, dass das gesamte Mediabudget der Endverbraucher für ausgewählte Medien von 17,85 Mrd. Mark 1996 auf 18,66 Mrd. 1999 (plus 4,5 Prozent) gewachsen sei. Der in der ersten Marktphase typische DVD-Käufer sei männlich, jung, Single und ein Filmfreak. Zudem zeichne er sich durch eine insgesamt starke Affinität gegenüber technischen Neuerungen aus, betonte Dr. Wolfgang Adlwarth, Geschäftsführer GfK Panel Services. Grundsätzlich entwickelten sich die Verbraucherpräferenzen eindeutig hin zu audiovisuellen Medien, weg von eindimensionalen Medien wie Buch und Audio-CD - ein Faktum, das sich auch die am 24. November zur VÖ anstehende PlayStation 2 zunutze macht. Manfred Gerdes, GF von Sony CED, nutzte seinen Vortrag im Rahmen des Seminars, um die anwesenden Fachbesucher auf den Europastart der Konsole einzustimmen. "Wir gehen in eine neue Welt mit neuen Optionen", beschwor Gerdes. Er verdeutlichte, dass die PlayStation 2 eine offene Plattform sei.
Nach vielen positiven Aspekten rund um die DVD sorgte die Podiumsdiskussion "Internet und DVD - Friedliche Koexistenz oder Kannibalisierung?" beim Seminarpublikum für Zündstoff. Thomas M. Stein, GF/Vorsitzender BMG Entertainment GSA/EE, richtete mahnende Worte an die anwesenden Vertreter der Film- und Videobranche: Die Millionenverluste, die die Musikbranche aufgrund von Versäumnissen in den Bereichen Rechteschutz im Internet und digitale Distribution erleidet, stünden auch der Filmbranche bevor, falls nicht schnell und konsequent die nötigen Maßnahmen ergriffen würden, sagte Stein. Dr. Michael Kölmel, Vorstand Kinowelt Medien AG, und Fox-GF Bodo Schwartz vertraten in dem Gespräch die Ansicht, nichtphysischer Vertrieb und Produktpiraterie im Internet stellten für die Filmbranche derzeit nicht dieselbe Gefahr dar wie für die Musikindustrie.
Stein ermahnt Filmbranche
Als Gründe nannten sie zu große Datenmengen bei zu geringen Bandbreiten und das unterschiedliche Nutzungsverhalten der Konsumenten. Dem widersprach Stein vehement: "Wenn Sie glauben, mit dieser Einstellung bestehen zu können, werden Sie Schiffbruch erleiden." 15 Mio. überwiegend illegale Musik-Downloads täglich sprächen eine deutliche Sprache, so der BMG-Chef. Auch Dr. Erbil Kurt, Leiter Vorstandssupport vertrieb und Service Deutsche Telekom AG, untermauerte Steins Schreckensvision: Bis zum Jahresende hätten in Deutschland eine Mio. Haushalte einen breitbandigen T-DSL-Anschluss, auf dem demnächst mit einer Übertragungsrate von 1,5 Megabit pro Sekunde auch Filme in Echtzeit überspielt werden könnten. Der Schutz der internationalen Verwertungskette von Spielfilmen war auch Bestandteil des Referats von Malisa Scott, GF von CTHV. Ihr Vorschlag: Kinostarts sollten künftig weltweit harmonisiert werden. Der Major selbst will künftig jährlich vier bis sechs hochkarätige Filme weltweit gleichzeitig veröffentlichen. Mittelfristig sollen alle Columbia-Filme sogar simultan in die Kinos kommen. Hintergrund des Vorhabens war auch die Debatte um Import-DVDs aus den USA mit Regionalcode 1, die vor dem europäischen Kinostart desselben Titels auf den Markt kommen und sich damit laut Industrie auf die internationale Verwertung negativ auswirkten. Joe Simpson, Strategic Marketing Director Europe bei MGM Home Entertainment, erklärte allerdings, dass derzeit finanzielle Gründe gegen eine weltweit zeitgleiche Veröffentlichung sprächen. "Das derzeitige globale Vertriebsnetz für neue Filme ist darauf aufgebaut, dass der Rechteinhaber die Verfügbarkeit jedes Produkts nach Vertriebskanal und besonders nach Region steuern kann", so Simpson. Dennoch gebe es einen "Trend zur Annäherung von VÖ-Daten".
Am zweiten Seminartag standen schwerpunktmäßig Handelsthemen auf dem Programm. Unter anderem ging es um die Frage "Überfordert die DVD den Handel?". Wolfgang Kusior, Programmleiter Weltbild, machte deutlich, dass in erster Linie die Preispolitik für die Kaufentscheidung von audiovisuellen Medien entscheidend sei. Auch Alexander Wessendorf, Geschäftsführender Gesellschafter des Großhändlers TMI, betonte die Notwendigkeit von Preisschienen; weiter sei die Verfügbarkeit ein zentraler Punkt. Stephan Lemm, Director Music & More BOL Deutschland, sieht die E-Commerce-Anbieter in der günstigen Lage, zusammen mit dem neuen Produkt DVD gemeinsam in den Markt hineinwachsen zu können. Viel Applaus bekam jedoch vor allem Karl Jorde, Geschäftsführer des Deutschen Video Rings, für seinen Vortrag. Für ihn hinkt Deutschland im Bereich Produktmarketing weit hinter anderen Ländern her. Darum sollten Industrie und Handel hier gemeinsam Initiative zeigen, so Jorde. Den Abschluss der Veranstaltung bildete ein Panel zum Thema "Kommt der Wechsel von VHS zu DVD zu schnell?", an dem unter anderem Hans-Peter Lackhoff, IVD-Bundesvorsitzender, WOM-Geschäftsführer Wolfgang Orthmayr, Peter Pannewick, Fox-Vertriebsdirektor, und Olaf Schmuderer, Geschäftsführer e-m-s, teilnahmen. Das positive Fazit der Diskussionsrunde: Die DVD gibt dem Gesamtmarkt einen zusätzlichen Schub, während VHS aufgrund der hohen Haushaltspenetration bei Videorekordern so schnell nicht vom Markt verdrängt werden wird.