Mit der diesjährigen E3 hat sich die Gamesbranche wieder einmal in großem Stil selbst gefeiert und vor Augen geführt, dass Spiele vor allem eins bedeuten: Big Business. Obwohl es die schiere Flut an optisch hervorragenden Neuankündigungen schwer machte, die Spreu vom Weizen zu trennen, überraschten einige Publisher mit neuen Gameplayansätzen.

Mit gigantischen Ständen, riesigen Plasmabildschirmen und ohrenbetäubenden Soundsystemen ließen viele der Publisher wie in den Jahren zuvor die Muskeln spielen. Die Präsentationen vor und hinter verschlossenen Türen ("Half-Life 2") untermauerten den Ehrgeiz der Entwickler, auf dem Weg zum lukrativen Massenmarkt das derzeit technisch Machbare umzusetzen - koste es, was es wolle. Der Einsatz der neuesten PC-Grafikkartengeneration einerseits und gesammelte Erfahrungen bei der Programmierung von PS2, Xbox und GameCube andererseits sorgten auf der E3 für betörend schöne virtuelle Welten. Allerdings ist der visuelle Overkill nicht alles, weshalb unter den Fachbesuchern nicht selten der Ruf nach neuen Ideen oder echten Innovationen laut wurde.

Wenn es der Branche gelingen will, Spiele langfristig als "eigenständige Kunstform" (Zitat Doug Lowenstein, Präsident des Messeveranstalters IDSA) zu etablieren, so müssen herstellerseitig weitere Anstrengungen unternommen werden, die oft ausgetrampelten Pfade bei der Umsetzung der einzelnen Genres zu verlassen. Doch wirklich bahnbrechend neue Ideen lassen sich nicht einfach so aus dem Hut zaubern, weshalb immer häufiger zugkräftige Buch-, TV- oder Filmlizenzen verwertet werden, wobei Letztere durch die Verwendung von exklusivem (Bonus-) Material besonders attraktiv auch und gerade für Gelegenheitsspieler erscheinen. An Lizenztiteln mangelte es auf der E3 jedenfalls nicht. Interessante Vertreter waren unter anderem "Conan - The Dark Axe" (PS2, Xbox, GCN) von TDK mediactive, "MTV Celebrity Deathmatch" (PSone, PS2, Xbox, GCN) von Take 2 und "Mission Impossible" (PS2, Xbox, GCN) von Atari. Nicht zu vergessen das Multiplattformspiel "Terminator 3", ebenfalls Atari. Mit dem gleichnamigen PSone-Spiel, seinerzeit von Codemasters veröffentlicht, hat "The Italian Job" (PS2, Xbox, GCN) von Eidos Interactive nichts gemein. Für die Entwicklung des Actionrennspiels, das an die Neuverfilmung von Paramount angelehnt ist, zeichnet Climax verantwortlich, und damit die Macher von beispielsweise "P Project Gotham Racing 2" (Xbox), das ebenfalls zu den Messehighlights gezählt werden darf.

Interessant ist es, zu beobachten, dass die Filmindustrie selbst in zunehmendem Maße Interesse zeigt, ihre Lizenzen gewinnbringend versoften zu lassen, nicht zuletzt, um das Risiko eines möglichen Debakels (am Boxoffice) finanziell abzufangen. Nach Jahren halbgarer Softwareumsetzungen scheint die Zeit nicht zuletzt dank DVD-Technologie reif für eine stärkere Zusammenarbeit zwischen der Film- und der Gamesindustrie. Inzwischen erreichen aber auch nicht filmbasierte Spiele zunehmend Hollywoodniveau, wobei nicht nur Introtrailer und Zwischensequenzen für Staunen sorgen. Bestes Beispiel: die Vorführung des PS2-Agententhrillers "Metal Gear Solid: Snake Eater" am Stand von Konami, wo sich mit schöner Regelmäßigkeit Besucher drängten, um den packenden Ingame-Sequenzen im Dschungel beizuwohnen. Während nicht wenige Entwicklerteams das Handtuch werfen, wenn es darum geht, sich mit dem gering bemessenen Videospeicher der PS2 und deren Programmierung im Allgemeinen zu plagen, schafft es "MGS"-Schöpfer Hideo Kojima immer wieder aufs Neue, ungeahnte Leistungsreserven aus der Sony-Hardware herauszuholen.

Respekt verdient auch die Leistung von Polyphony Digital für die Realisierung des PS2-Rennspiels "Gran Turismo 4" (SCE). Der Einsatz neuester PS2-Technologie ermöglicht eine optimierte Grafikengine und Fahrphysik der Wagen sowie eine noch menschlicher agierende KI der gegnerischen Fahrer. Dazu gesellen sich - beinahe selbstverständlich - noch schickere Kurse von realen Schauplätzen aus allen Teilen der Welt sowie der bislang größte Fuhrpark der Serie. Nicht zu vergessen eine Onlineoption. Der Aufwand sollte sich lohnen, sind doch vom Vorgänger "GT3 A-Spec" bislang rund elf Mio. Exemplare weltweit über die Ladentische gegangen.

Weitere onlinefähige Keytitel für Sony sind "SOCOM - U.S. Navy Seals", "Syphon Filter: The Omega Strain" sowie "Final Fantasy XI", das ausschließlich online gespielt werden kann. Ebenfalls aufwendig in Szene gesetzt ist das PS2-Spiel "Rise To Honor". Für die Realisierung des Martial-Arts-Abenteuers konnte der Schauspieler Jet Li ("Kiss of the Dragon") als Berater gewonnen werden, beispielsweise für Motion-Capturing-Aufnahmen. Für fragende Gesichter sorgte die Ankündigung EAs, alle neun aktuellen Sportspiele der Saison 2003/2004 ausschließlich für PS2 mit einer Onlineoption auszustatten. Die Gründe hierfür dürften eher in einem attraktiven Angebot Sonys bezüglich des Businessmodels gelegen haben als an den Onlinefähigkeiten von Xbox bzw. GameCube. Allerdings verwunderte die Zurückhaltung Nintendos zum Thema Online, die verstärkt die "Connectivity" zwischen GameCube und GBA zelebrierten.

Apropos GBA: Auf der Suche nach innovativen Spielelementen hat Konami unter der Federführung von Hideo Kojima für "Boktai" tief in die Trickkiste gegriffen. Der Untertitel "The Sun Is In Your Hand" ist Programm, denn das wesentliche Spielelement im Kampf des Spielers gegen Vampire ist reales Sonnenlicht. Auf dem Spielmodul befindet sich ein kleiner Lichtsensor, der die Intensität des Sonnenlichts misst und in Spielerenergie umwandelt. Zudem wird das Gameplay in Echtzeit den örtlichen Gegebenheiten des Spielers angepasst, der einmalig Datum, Uhrzeit und Zeitzone eingeben muss. Zu den Highlights am Nintendo-Stand selbst zählten "F-Zero GX", das wohl ultimative Partyspiel "Mario Kart: Double Dash!!" sowie "Soul Calibur 2" von Namco und "Star Wars: Rogue Squadron III - Rebel Strike" aus dem Hause LucasArts.

Auch Microsoft fuhr für seine Xbox ein beachtliches Line-up auf, darunter auch erstmals Releases des hauseigenen britischen Entwicklers Rare. Wahre Begeisterungsstürme bei den Massen löste der Publisher jedoch mit der Präsentation von "Halo 2" aus. Trotz ihres Engagements im Konsolensektor haben die Microsoft Game Studios die PC-Spieler nicht vergessen, wie beispielsweise der zweite Teil des SI-Titels "Train Simulator", der "Microsoft Flight Simulator 2004" und die Umsetzung von "Halo" zeigte. Zudem ist es dem Publisher dank seines technischen Know-hows gelungen, die Möglichkeiten der PC-Welt mit jener der Konsolen-Welt zu vereinen, Stichwort "XSN-Sports". Ab Herbst dürfen auf den Webseiten via PC eigene Ligen und Turniere erschaffen werden, die regelmäßig mit den Ergebnissen von "Xbox Live" upgedatet werden. Ein Messenging-System, "Live Alerts" genannt, informiert Teilnehmer über Termine und aktuelle Tabellenänderungen via Handy oder PocketPC. Zudem wird mit "Live Now" im vierten Quartal eine virtuelle Lounge eingerichtet, die Onlinespielern als Chatroom und Infoterminal dient. Die ersten sechs Spiele aus der "XSN Sports"-Reihe sind "NHL Rivals 2004", "NFL Fever 2004", "NBA Inside Drive 2004" sowie "Amped 2" und die erstklassige Tennissimulation "Top Spin". Auch wird mit "Links 2004" erstmals eine Xbox-Version der legendären PC-Golfsimulation in der Reihe erscheinen.' Ohnehin gehört Microsoft insgeheim zu den Gewinnern der E3, denn entsprechenden Verlautbarungen der Third-Party-Publisher zufolge sind viele der aktuellen Entwicklungen nicht (mehr) mit GameCube oder PS2 zu realisieren, sondern - nicht zuletzt dank deren integrierter Festplatte - nur mit Xbox. Bestes Messebeispiel hierfür war "Deus Ex 2 - Invisible War" von Eidos Interactive, das aufgrund seines komplexen Gameplays konsolenseitig ausschließlich auf der Microsoft-Konsole erscheinen wird.

Im PC-Lager herrschten wie im vergangenen Messejahr Actionspiele vor - allen voran Ego- und Taktikshooter mit meist historischem Hintergrund. Beste Genrevertreter waren "S.T.A.L.K.E.R." (THQ), "Call Of Duty" (Activision), "Hidden & Dangerous II", "Painkiller" (DreamCatcher Interactive) sowie "Far Cry" (Ubi Soft), das ob seiner lebendigen Inselgrafik besondere Beachtung fand. Grafisch noch herausragender und ebenfalls bei Ubi Soft beheimatet: der Ego-Shooter "XIII", der auf dem gleichnamigen französischen Kultcomic basiert. Während Entwicklungen des Genres auf fotorealistische Grafiken setzen, überrascht "XIII" mit der immer häufiger verwendeten Cel-Shading-Optik. Zum ungewöhnlichen Look, der zuletzt bei "The Legend Of Zelda: The Wind Waker" Anwendung und wohlwollende Beachtung fand, gesellen sich Einblendungen von Wörtern, die der Comicsprache entlehnt sind. Diese verdichten nicht nur die Atmosphäre, sondern sind auch ein nicht unwesentlicher Bestandteil des Gameplays, wenn beispielsweise die Trittgeräusche eines herannahenden Gegners angezeigt werden.

An den bisherigen PC-Genrelieblingen der Kategorie Strategie herrschte zwar kein Mangel, dennoch ist deren Angebot deutlich zurückgegangen. Einen "first look" lohnten " Knights Of Honor " (Sunflowers), "Rome: Total War" (Activision), "Commandos 3" (Eidos), "WarCraft III" (Vivendi Universal Games) und "Panzers" CDV). Bei "Panzers" hat das Entwicklerteam von "S.W.I.N.E.", Stormregion, ganze Arbeit geleistet: Neben liebevollen Details und der einfachen Bedienung begeistert die Möglichkeit, das Spielgeschehen jederzeit "einzufrieren", um taktische Überlegungen anstellen oder beispielsweise Explosionen aus nächster Nähe und allen möglichen Kameraperspektiven bestaunen zu können.

Die witzigsten Managemenspiele steuerten Activision ("The Movies"), Take 2 ("Space Colony"), Electronic Arts mit "SimCity 4: Rush Hour Expansion Pack" und natürlich "Die Sims 2" bei, bei der die Schützlinge erstmals ein ganzes Leben lang begleitet werden und auch (äußerlich ähnliche) Nachkommen zur Welt bringen. Noch immer hoch in der Gunst der Besucher, nicht zuletzt dank "Tomb Raider: The Angel Of Darkness" (Eidos): Action-Adventures. Einen diesbezüglichen Überraschungshit der E3 steuerte (erneut) Ubi Soft mit "Prince Of Persia: The Sands Of Time" bei. Bei der Neuauflage spielt das Element Sand eine wesentliche Rolle, wobei sich das Entwicklerteam erfreulicherweise auf die einstigen Stärken des Kultspiels besonnen hat, darunter pfiffige Rätsel.

Ebenfalls innovativ zeigt sich der Genremix "Beyond Good & Evil" von "Rayman"-Erfinder Michel Ancel, der mit einer spannenden Story, abwechslungsreichen Level und einer sympatischen Protagonistin aufwartet. Doch nicht nur neue, sondern auch in Ehren ergraute Helden ließen es sich nicht nehmen, auf der E3 für sich zu werben, darunter "Pitfall Harry" (Activision), bekannt aus dem einstigen Jump'n'Run-Klassiker für die Atari-VCS-Konsole. Dem Charme des Urgesteins "Pac-Man" war offensichtlich Shigeru Miyamoto erlegen, der während der Nintendo-PK eine Neuauflage für GameCube, inklusive eines witzigen Vierspielermodus, vorstellte: Während drei der Spieler die Geister steuern, übernimmt ein vierter Spieler die Rolle von "Pac-Man" via verlinktem Game Boy, bis er von einem der Mitspieler gefangen wird. Einen sportlichen Wettstreit ganz anderer Art erwartet Fans der "Tony Hawk's Pro Skater"-Serie, dessen "Underground"-Ableger (Activision) alles bisher rund um den Trendsport Dagewesene in den Schatten stellt.

Ebenfalls enorm spaßig, wenngleich erst auf den zweiten Blick: "Downhill Domination" (PS2) von SCE, bei dem der Spieler als unerschrockener Mountainbiker in einem Höllentempo ins Tal brettert und währenddessen waghalsige Tricks vollführt. Das ungewöhnlichste Spiel der Messe steuerte Jesse Petrilla, ein 19-jähriger Spieledesigner aus dem kalifornischen Malibu, bei, thematisiert es doch den Irakkrieg und die Jagd auf Saddam Husseins Schergen. Höhepunkte des audiovisuell höchst anspruchslosen Egoshooters für PC, "Quest For Saddam", sind der Fall der Saddam-Statue in Bagdad und - wen wundert's? - das Schussduell gegen Hussein höchstpersönlich. Politisch bleibt "Quest For Saddam", der Quasinachfolger von "Quest For Al Qa'eda", einigermaßen korrekt: Zwar stolpert man schon mal über ein makabres Wandgemälde, das Saddam Hussein und Osama bin Laden beim gemeinsamen Schaumbad zeigt, von Chemiewaffen, Nuklearsprengsätzen oder zivilen Verlusten bleibt man hingegen verschont. Einen Vertrieb für "Quest for Saddam" hat der Nachwuchsprogrammierer bis dato noch nicht gefunden, weshalb die Software vorerst via Internetdownload unters Volk gebracht wird.

Angesichts des tollen Line-ups, mit dem die Aussteller auf der E3 die Besucher beeindruckten, scheint es wahrscheinlich, dass "Quest For Saddam" eine Randerscheinung bleibt. Schon jetzt jedenfalls darf sich die Spielergemeinde auf die zweite 2GC - Games Convention in Leipzig freuen, zumal bis dahin der Großteil der E3-Neuheiten vor seiner Fertigstellung stehen wird. Einem heißen Spielherbst steht also nichts mehr im Wege.

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