Kommentar zum Antragsstopp der Bundesförderung: Hin- und hergerissen
Die Debatte um den Antragsstopp der Bundesförderung für Games hat einige unangenehme Wahrheiten zu Tage gefördert, die auch mit einer Aufhebung des Stopps nicht gelöst sind: Das derzeitige System schafft Unsicherheiten und Abhängigkeiten, wo es solche eigentlich abbauen sollte. Ein Kommentar von Pascal Wagner.
In der Pressestelle des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) rauchen momentan vermutlich die Köpfe. Nicht unbedingt, weil irgendein Industriezweig wie die Gamingbranche derzeit besonders oft mit Nachfragen und Forderungen auf der Matte steht, das ist man als Wirtschaftsministerium vermutlich gewohnt. Nein, weil die aktuelle Debatte um den Antragsstopp der Gamesförderung für 2023 einige unangenehme Wahrheiten über das derzeitige Fördersystem offengeleg that, mit deren Fallout man sich über kurz oder lang noch beschäftigen wird müssen - und zwar unabhängig vom Ergebnis kurzfristiger Überbrückungshilfen durch Restgelder oder Haushaltsanpassungen.
Denn das aktuelle System der Bundesförderung birgt die Gefahr, eine Pipeline bedürftiger Förderempfängerstudios aufzubauen, die ohne konstanten Nachschub geförderter Projekte vor massiven wirtschaftlichen Problemen stehen. Eigentlich ist es sogar noch schlimmer: Das System animiert deutsche Gamingstudios dazu, sich selbst in die Bedürftigkeit umzubauen. Denn um förderbar zu sein, verlangt das BMWK von den Antragssteller:innen, dass sie auch förderbedürftig sein müssen. Das heißt, ohne die Förderung darf es nicht möglich sein, das beantragte Projekt auch so zu stemmen. Gleichzeitig muss die Hälfte des benötigten Budgets aber selbst aufgebracht und dieser Eigenanteil im Vorhinein belegt werden. Trickreich kann das werden, wenn Publisher oder Investoren ins Spiel kommen: Wenn diese ihren Investitionsanteil an die Bedingung knüpfen, dass die andere Hälfte des Geldes von der Bundesrepublik kommt, befindet sich ein Studio bereits in doppelter Abhängigkeit.
Da kommt man sich als Studio wahrscheinlich vor, wie das Baby im salomonischen Urteil, an dessen Händen je eine potenzielle Mutter zerrt, bis es (hoffentlich nicht) zerreißt. Anders als für das Baby wird es aber für die Studios noch schlimmer, wenn eine der Mütter endlich loslässt: Fällt die Möglichkeit auf Förderung weg, gilt das für den erhofften Publishingvertrag möglicherweise gleich mit und umgekehrt. Ein Studio, das sich für den Antrag bedürftig machen musste, ist ohne Förderung ein Bedürftiger ohne Auffangnetz.
Mit der Förderbedürftigkeit als Voraussetzung für den Erhalt von Unterstützung belohnt das aktuelle System in gewissem Maß eine Abhängigkeit vom System selbst, statt verstärkt Anreize zu schaffen, ein Unternehmen aufzubauen, das auch ohne Förderung im internationalen Wettbewerb bestehen kann. Damit ist selbst Studios, die zu großen Unternehmensgruppen gehören, nur temporär und solange geholfen, wie die Förderung weiterläuft. Natürlich zwingt niemand Firmen, die Förderung zu beantragen, und alternative Finanzierungsmethoden existieren. Vielleicht ist auch nicht die Förderung an sich das größte Problem, sondern die Erwartungshaltung innerhalb der Branche, dass die Förderung ohnehin auf Abruf verfügbar sein wird. Doch wenn es eine Förderung gibt, sollte diese auf die Bedürfnisse der Branche abgestimmt sein, und nicht die Branche animieren, sich auf die Bedürfnisse der Förderung hin umzubauen. Denn wenn sie dann, wie gerade der Fall, nicht mehr planbar ist, fällt es umso schwerer, Alternativen zu finden. Wenn sich verunsicherte Studios dagegen nun absichern und damit nicht mehr 'bedürftig' sind, wird weniger Förderung nachgefragt und der Topf schrumpft am Ende wieder. Nicht, weil die Branche das Geld nicht gut gebrauchen könnte, sondern weil es an Verlässlichkeit mangelt. Dabei soll eine staatliche Förderung Unsicherheiten doch reduzieren und keine neuen schaffen. Da kommt es gerade noch rechtzeitig, dass das BMWK derzeit neben der Erhöhung der Förderung auch noch über eine neue Förderrichtlinie nachdenkt, die hier nachbessern kann.
Pascal Wagner