Kommentar zur eSport-Debatte: Schafft endlich Klarheit
Soll eSport als Sport anerkannt werden? So einfach die Frage, so schwierig die Antwort im Detail. Nach der Anhörung im Sportausschuss des Bundestags habe ich den Eindruck: Die größte Gemeinsamkeit aller Beteiligten ist, dass sie nicht genau wissen, was sie überhaupt wollen. Dies aber sofort wollen. Ein Kommentar von Stephan Steininger
Politische Debatten sind bisweilen ermüdend. Und oft ist man hinterher genauso schlau wie zuvor. Zumindest in diesem Punkt war die Expertenanhörung zum eSport im Sportausschuss anders: Ich habe so einiges gelernt:
Motor in der Debatte war die Große Koalition
Bremser in der Debatte ist - ebenfalls - die Große Koalition
Die Sportpolitiker fühlen sich übergangen
Der DOSB fühlt sich übergangen...
...und der DOSB hat eigentlich keine Lust auf neue Mitspieler
Die Athleten sind fairer als die Sportarten, zumindest was ihre Vertreter angeht
Das Bild vom bösen "Killerspiel" ist fast so präsent wie 2004
Selbst der ESBD weiß nicht, was er - zuerst - erreichen will
Um es in ganzen Sätzen zu formulieren: Die Digital-Unterhändler der Koalition haben offenbar die eSport-Anerkennung ohne Rücksprache mit ihren Sportkollegen eingebracht. Darüber sind diese - verständlicherweise - "not amused" und blocken jetzt, wo sie nur können. Ob aus Trotz oder Überzeugung, will ich nicht beurteilen. Fakt ist aber, dass auch deren Ansprechpartner in der Sportwelt, der DOSB, sauer ist. Auch das ist aus meiner Sicht verständlich. Man muss sich nur einmal vorstellen, was der game sagen würde, wenn Experten für Innenpolitik einen Passus zum Jugendmedienschutz bei Games im Koalitionsvertrag platzieren würden...
Noch interessanter als das politische Wirrwarr - die Opposition fordert, was sich die Regierung auf die Fahnen schrieb, aber nicht umsetzt - ist das Wirrwarr in der Sportwelt. Auch daran trägt die Politik Schuld: Mehrfach wurde bei der Anhörung deutlich, dass es die Erwähnung von eSport im Koalitionsvertrag war, die "Druck auf den Kessel brachte". Das führte letztlich auch zur Haltung des DOSB. Der stellte sich, laut Veronika Rücker, schon zuvor die Frage, ob eSport Sport ist, kam aber nicht so recht weiter. Wegen des Handlungsdrucks änderte man die Fragestellung und wandte sich stattdessen der Frage zu, ob der eSport in die Strukturen des DOSB gehört. Eine Mehrheit sprach sich offenbar dagegen aus. Natürlich könnte man jetzt von "Bullying" gegen den "Neuen" auf der Spielweise sprechen, aber ich halte die Argumentation des DOSB für in sich nachvollziehbar, wenn auch nicht ganz richtig.
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis aus der Anhörung ist meiner Meinung jedoch, dass auch der ESBD nicht weiß was er will. Oder besser gesagt: was er zuerst will. Danach gefragt gab Präsident Hans Jagnow zu, dass sich der eSport-Verband selbst noch nicht ganz klar ist, ob man als Verband dem DOSB überhaupt beitreten würde, wenn man denn könnte. "Ja was denn nun?", möchte man rufen.
Egal wie ich es drehe und wende, bei mir verfestigt sich der Eindruck, dass es vielleicht besser wäre, die Frage ob eSport Sport ist beiseite zu schieben. Stattdessen könnte man sich den vielen Teilfragen widmen: Ist die Anerkennung der Gemeinnützigkeit von Amateur-eSport-Vereinen sinnvoll? Braucht es lockere Visa-Regellungen für eSport-Athleten? Wie bringen Sportvereine ihr Angebot mit eSportangeboten in Einklang, so sie das wollen?
Fragen wie diese gibt es viele. Und bei den meisten ließe sich womöglich viel leichter ein Konsens zwischen Politik, Sportwelt und eSport-Szene herstellen. Womöglich war das schnelle eSport-Versprechen im Koalitionsvertrag eine Abkürzung, die es so gar nicht gibt. Womöglich ist es Zeit wieder auf den Weg zu blicken und nicht auf das Ziel. Denn bei der Expertendebatte habe ich nur einen Vorschlag gehört, der schnell Klarheit schafft. Es war der von Prof. Dr. Carmen Borggrefe von der Universität Stuttgart. Sie betrachtet eSport nicht als Sport. Deshalb solle dieser sich "konsequent abgrenzen". Die schnellste Lösung ist eben nicht immer die beste oder die richtige.
Stephan Steininger
Chefredakteur GamesMarkt