THQ: Chronik eines angekündigten Todes
Vor fünf Jahren war THQ die weltweite Nummer vier der Publisher, spielte im Konzert der Großen mit und war gerüchteweise sogar an einer Activision-Übernahme interessiert. Heute ist die Firma pleite. Rekapitulation einer beispiellose Katastrophe.
Am Ende bleibt nur Galgenhumor. Am 25.Januar postet THQ-Präsident Jason Rubin ein Foto von sich auf Twitter, wie er mit traurigem Gesicht und einem lächerlich großen lila Dildo - ein Promoartikel für "Saints Row: The Third" - ein letztes Mal die Firmenzentrale im kalifornischen Agoura Hills verlässt. Alle Rettungsversuche für den Publisher waren zuvor gescheitert; am 23.Januar wurden die Unternehmenswerte einzeln . Damit gingen bei THQ Ende Januar offiziell die Lichter aus, der Major existiert nicht mehr.
Nr. 4 der Branche
Der Publisher war, und das ist deutlich kürzer her, als man glauben mag, mal der weltweit viertgrößte seiner Art, trat auf Augenhöhe mit Electronic Arts und Activision auf. Vor weniger als fünf Jahren stand THQ noch auf dem Gipfel seines Erfolgs: Fürs Fiskaljahr 2007 konnte Aufsichtsratsvorsitzender Brian Farrell das zwölfte Jahr in Folge Umsatzwachstum vermelden: 1,027 Milliarden US-Dollar hatte man erwirtschaftet, satte 68 Millionen Dollar Gewinn aufs Konto geschaufelt.
Im Sommer 2006 konnte man mit "Saints Row" äußerst erfolgreich eine neue Marke für die noch ganz junge Xbox 360 einführen. Das Strategiespiel "Company Of Heroes" von Relic Entertainment, die , schlägt ein wie eine Bombe und wird zur neuen Referenz für PC-Echtzeitstrategie. "WWE SmackDown vs. Raw 2007" geht dank schlagkräftiger Wrestlinglizenz mehr als vier Millionen Mal über die Ladentheke. Ein Jahr zuvor hatte THQ die Kaos Studios ins Leben gerufen, mit dem Personal der Trauma Studios, die sich mit "Battlefield"- Mods einen Namen gemacht hatten und fortan Egoshooter für THQ entwickeln sollten - ein boomendes Genre.
Ebenfalls 2006 , ein frisch gegründetes Team mit dem bekannten Comiczeichner Joe Madureira an Bord. Kurzum, die Lage war bei THQ 2007 blendend, das Geschäft brummte und die Zukäufe schienen den Publisher fit für die Zukunft und den Generationswechsel zu Xbox 360 und PlayStation 3 zu machen.
Interesse an Activision-Übernahme?
Mit einem Börsenkurs von rund 36 Dollar zu diesem Zeitpunkt war THQ zwar kein Überflieger, aber dennoch ein solides Mitglied im Nasdaq-Index. Zum Vergleich: Activision-Anteile dümpelten 2006 bei etwa acht Dollar pro Stück herum, daher machten sogar Gerüchte die Runde, THQ liebäugele mit einer Übernahme des Konkurrenten aus Santa Monica. Der THQ-Umbau schien geglückt, denn spätestens Mitte des Jahrzehnts war das Unternehmen, das mit dem Handel von analogem Spielzeug begann, im digitalen Zeitalter angekommen und saß fest im Sattel.
1989 als Toy Headquarters gegründet, schrieben sich die Kalifornier in der Anfangszeit noch T*HQ. Zu Beginn vertrieb man klassische Spielsachen. Doch weil für den Videospielemarkt mit dem Mega Drive von Sega und dem SNES von Nintendo in den 90er-Jahren ein goldenes Zeitalter anbrach, erweiterte man das Sortiment.
Zwölf goldene Jahre
Da in dieser 16-Bit-Zeit mit kleinen Produktionsbudgets hohe Gewinnmargen erreicht wurden, lief das für THQ dermaßen gut, dass man sich ab 1994 unter dem neuen CEO, Brian Farrell, in Gänze dem Gamespublishing verschrieb. Besonders Lizenztitel zu Filmen oder Serien ("Home Alone", "Wayne's World") gehören zum Entwicklungsrepertoire. Sie sind zwar meist von mittelmäßiger Qualität, gehen aber aufgrund des Namens auf der Packung weg wie geschnitten Brot.
Es brachen jene bereits erwähnten zwölf Jahre an, in denen Farrell Jahr um Jahr stets kräftige Zuwächse bei Umsatz und Gewinn verkünden konnte. Es ist Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet im Rekordjahr 2007 der Bruch kam. Von dort an schien THQ nichts mehr zu gelingen; es ging kontinuierlich bergab. Der heiß erwartete Erstling von Kaos, "Frontlines: Fuel Of War", entpuppt sich 2008 als Ladenhüter. Die Wrestlingspiele werden Opfer ihres eigenen Erfolgs. Der WWE-Verband verlangt immer horrendere Preise für die Lizenz, die THQ kaum noch einspielen kann, weil sich die Macher auf den Lorbeeren ausruhen. Der aktuelle Teil, "WWE '13", nutzt noch immer die Grafik-Engine von 2006!
Verzettelung beim Portfolio
Der erste Titel von Vigil, "Darksiders", lässt zu lange auf sich warten, erscheint schließlich erst 2010. Obwohl das Action-Adventure bei Kritikern gut abschneidet, wird es kein Kassenschlager, schaff mit Ach und Krach die Millionengrenze bei der Auslieferung. Das zweite Kaos-Spiel, das mit großen Hoffnungen gelaunchte "Homefront", ist zwar kein Totalausfall, kann den anvisierten und nötigen Erfolg aber nicht mal ansatzweise erreichen. Die Produktmanager in Agoura Hills verzetteln sich zusehends. Statt die Strategieexperten von Relic schnell ein "Company of Heroes 2" entwickeln zu lassen, müssen die das Actionspiel "Warhammer 40.000: Space Marine" programmieren. Das Ergebnis ist spielerisches Mittelmaß.
Den endgültigen Bruch, von dem sich die Firma letztlich nicht mehr erholen sollte, hebt sich THQ aber 2011: "uDraw", ein Tablet zum Malen als Zusatzhardware für Konsolen, hatte sich ein Jahr zuvor für die Wii noch recht respektabel verkauft. Also lassen die Kalifornier große Stückzahlen von "uDraw" für Xbox 360 und PlayStation 3 herstellen, was zur Katastrophe führt. verstauben fortan in den Lagerhäusern. Am Ende des Jahres steht ein Verlust von knapp 240 Millionen Dollar in der Bilanz.
Im neuen Jahrzehnt ist der Name THQ längst zu einer Art Stigma geworden. Titel wie "Metro 2033" und "Red Faction: Guerilla" fahren gute Wertungen von der Fachpresse ein, der Publikumserfolg bleibt jeweils aus. Bis schließlich das Unvermeidliche eintritt: Im Dezember 2012 an. Intern hofft man, durch diesen Schritt die Übernahme durch den Investor Clearlake Capital für 60 Mio. Dollar freizumachen und ganz nebenbei aus den Verbindlichkeiten gegenüber alten Gläubigern herauszukommen. Ein Winkelzug, den das zuständige Insolvenzgericht verweigert, und eine Auktion anordnet, die gegebenenfalls eine höhere Summe einbringen würde.
Ende des "Spielehauptquartiers"
Dass THQ keine attraktiven Unternehmenswerte hatte, kann rückblickend nicht behauptet werden. das Gegenteil. Mit Ubisoft, Take-Two, Sega und Koch Media finden sich illustre Namen unter den Käufern der Marken und Studios. Die Auktion bringt etwa 100 Millionen Dollar ein. Weitere Werte liegen beim Insolvenzverwalter.
Damit wird in einigen Monaten das Kapitel THQ endgültig geschlossen. Das "Spielehauptquartier" reiht sich damit in die Liste der ehemals großen Publishernamen ein, die nur noch Randnotizen der Geschichte sind, zum Beispiel Acclaim, Atari oder Midway. In keinem Fall war der Absturz aber wohl so rapide und dramatisch wie bei THQ.
Daniel Raumer